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20 Jah­re Ama­zon in Deutsch­land

Vor 20 Jah­ren hat Ama­zon das ers­te Wa­ren­la­ger in Deutsch­land er­öff­net - Ver­di gra­tu­liert al­ler­dings nicht zum Ju­bi­lä­um
Versandhandel, Paketlager, Mitarbeiter am Fließband, Amazon

05.09.2019. (dpa/fle) - Der Ver­sand-Rie­se Ama­zon blickt in die­sem Jahr auf sein 20-jäh­ri­ges Be­ste­hen zu­rück.

Al­les be­gann im Jahr 1999: In­ter­net-Nut­zer wähl­ten sich da­mals noch ge­wöhn­lich mit pfei­fen­den 56k-Mo­dems ins World Wi­de Web ein, Smart­pho­nes gab es nicht, Ger­hard Schrö­der war Kanz­ler und im Ra­dio lief der Hit "Mam­bo No. 5" von Lou Be­ga.

Und Ama­zon er­öff­ne­te am 6. Sep­tem­ber sein ers­tes ei­ge­nes Wa­ren­la­ger. Der ers­te Ar­ti­kel, der raus­ging, war ein Dä­nisch-Lehr­buch, wie ein Spre­cher in Mün­chen sagt.

Als Stand­ort such­te sich der US-Kon­zern - da­mals noch weit ent­fernt von heu­ti­ger Markt­macht - Bad Hers­feld aus. Der Vor­teil: Die ost­hes­si­sche Kur- und Fest­spiel­stadt liegt zen­tral in Deutsch­land; vor al­lem na­he Au­to­bah­nen, die in al­le Him­mels­rich­tun­gen füh­ren. Der Stand­ort ge­fiel Ama­zon so gut, dass zehn Jah­re spä­ter ein zwei­tes, weit grö­ße­res und di­rekt an der Au­to­bahn 4 ge­le­ge­nes Lo­gis­tik­zen­trum hin­zu­kam. Es wur­de am 5. Au­gust 2009 er­öff­net. Mitt­ler­wei­le be­sitzt Ama­zon 13 Lo­gis­tik­zen­tren mit 13.000 Fest­an­ge­stell­ten in Deutsch­land. In Bad Hers­feld wer­den in bei­den La­gern 3.500 Men­schen be­schäf­tigt - Ama­zons größ­ter Stand­ort bun­des­weit.

Der Ein­zel­han­del mag we­gen der enorm ge­wach­se­nen Kon­kur­renz nicht so gut auf den Kon­kur­ren­ten aus dem Netz zu spre­chen sein. Aber die Stadt Bad Hers­feld ist froh über den Bran­chen-Pri­mus aus den USA. "Ama­zon und Bad Hers­feld sind ein Glücks­fall für­ein­an­der", sagt Bür­ger­meis­ter Tho­mas Fehling (par­tei­los). Das Un­ter­neh­men sei ein wich­ti­ger Ar­beit­ge­ber, der nicht nur "maß­geb­lich" zu den gu­ten Be­schäf­ti­gungs­zah­len bei­ge­tra­gen ha­be, son­dern auch ein wich­ti­ger Mit­wir­ken­der am Stadt­le­ben, et­wa beim Hes­sen­tag oder bei den Bad Hers­fel­der Fest­spie­len.

Mitt­ler­wei­le ar­bei­ten nicht nur Men­schen in den neue­ren Wa­ren­la­gern von Ama­zon. Der Re­gio­nal­di­rek­tor für Deutsch­land, Ar­min Coss­mann, er­klärt: "Bei uns ar­bei­ten Mensch und Tech­nik Hand in Hand." In Fran­ken­thal, Mön­chen­glad­bach und Win­sen (Lu­he) brin­gen Trans­por­t­ro­bo­ter die Re­ga­le mit den Pro­duk­ten zu den Mit­ar­bei­tern. "Das geht, weil wir dort vor al­lem klei­ne­re bis mit­tel­gro­ße Ar­ti­kel be­ar­bei­ten. Die Ro­bo­ter hel­fen uns, die Ar­beit zu er­leich­tern, schnel­ler zu wer­den und die La­ger­flä­che op­ti­mal zu nut­zen."

Han­dels­ex­per­te Ger­rit Hei­nemann, Pro­fes­sor für Be­triebs­wirt­schafts­leh­re an der Hoch­schu­le Nie­der­rhein, meint, Ama­zon ha­be sich zu ei­nem "In­no­va­ti­ons­mo­tor" ent­wi­ckelt und set­ze Stan­dards in der Bran­che. "Ama­zon hat in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren den deut­schen Han­del auf den Kopf ge­stellt."

Aber auch äl­te­re La­ger, wie das ers­te von Ama­zon in Bad Hers­feld, wer­den auf­ge­rüs­tet. Im ver­gan­ge­nen Jahr wur­den sie­ben Mil­lio­nen Eu­ro in­ves­tiert. Ge­bracht hat es un­ter an­de­rem um­ge­bau­te Re­gal­sys­te­me, neue För­der­tech­nik und Hub­wa­gen. Mit der Sor­ti­ments­er­wei­te­rung la­gern dort ver­stärkt Bier, Wein und Spi­ri­tuo­sen. Ama­zon hat in Bad Hers­feld sein bun­des­weit größ­tes Sor­ti­ment an al­ko­ho­li­schen Ge­trän­ken.

In Sekt­lau­ne zum Ju­bi­lä­um mö­gen zwar Ama­zon-Mit­ar­bei­ter sein. Von der Ge­werk­schaft Ver­di gibt es aber kei­ne Glück­wün­sche: "Ama­zon fei­ert sei­nen 20-jäh­ri­gen Ge­burts­tag. Das heißt 20 Jah­re ge­werk­schafts­feind­li­che Ar­beit­neh­mer­po­li­tik. Das Un­ter­neh­men hat oh­ne Zwei­fel Stel­len ge­schaf­fen. Aber es will bis heu­te ein­sei­tig dik­tie­ren, wie die kon­kre­ten Ar­beits­be­din­gun­gen aus­se­hen", sagt die für den Fach­be­reich Han­del zu­stän­di­ge Ge­werk­schafts­se­kre­tä­rin Mecht­hild Mid­de­ke.

Sie kri­ti­siert: "Der All­tag für die Be­schäf­tig­ten bei Ama­zon ist ge­prägt von zu ge­rin­ger Be­zah­lung, Ar­beits­het­ze, ei­nem ri­gi­den Kon­troll­sys­tem und zu­neh­men­der Mo­no­to­nie. Ein Kind wä­re jetzt er­wach­sen, und es ist an der Zeit, den Be­schäf­tig­ten mehr Mit­be­stim­mung zu­zu­trau­en. Ein an­ge­mes­se­nes Ge­burts­tags­ge­schenk wä­re die Auf­nah­me von Ta­rif­ver­hand­lun­gen für bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen."

Doch ge­gen Ta­rif­ver­hand­lun­gen wehrt sich Ama­zon seit Jah­ren. Des­we­gen schwelt ein fest­ge­fah­re­ner Streit zwi­schen dem Ver­sandrie­sen und der Ge­werk­schaft. Mit­te Mai 2013 rief Ver­di erst­mals zu Streiks auf, un­ter an­de­rem auch am Stand­ort Bad Hers­feld. Ama­zon sieht sich hin­ge­gen als mus­ter­gül­ti­ger Ar­beit­ge­ber. Das Un­ter­neh­men bie­te ei­ne Be­zah­lung am obe­ren En­de des Bran­chen­üb­li­chen in der Lo­gis­tik, zu­dem ge­be es Kar­rie­re-Chan­cen und vie­le Ex­tras.

Dem Ge­schäft von Ama­zon schei­nen die wie­der­keh­ren­den Streiks nicht zu scha­den. Der welt­größ­te On­line-Händ­ler von Tech-Mil­li­ar­där Jeff Be­zos er­wirt­schaf­te­te im zwei­ten Quar­tal 2019 ei­nen Ge­winn von 2,3 Mil­li­ar­den EUR.

Bran­chen-Ex­per­ten se­hen ei­ne gro­ße Do­mi­nanz von Ama­zon. Das Un­ter­neh­men ha­be rund 40 Pro­zent Markt­an­teil im deut­schen On­line-Han­del, sagt Hei­nemann. Das Un­ter­neh­men zäh­le zu den be­lieb­tes­ten Ein­kaufs­quel­len der Deut­schen mit 17,3 Mil­lio­nen Pri­me-Mit­glie­dern und 44 Mil­lio­nen Kun­den im Bun­des­ge­biet.

Doch die Markt­macht von Ama­zon ver­heißt für manch ei­nen nichts Gu­tes. "Die Kehr­sei­te ist, dass Lie­fe­ran­ten und Markt­platz-Part­ner von Ama­zon in ei­ne Ab­hän­gig­keits­fal­le zu ge­ra­ten dro­hen", be­fürch­tet Hei­nemann. Und wenn Pro­duk­te gut lau­fen, wer­den sie ko­piert und selbst an­ge­bo­ten. Die Kun­den ma­chen Ama­zon mit je­dem Kauf noch ein Stück mäch­ti­ger - und schwä­chen die Kon­kur­renz. Da­bei heißt es doch: Kon­kur­renz be­lebt das Ge­schäft.

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Letzte Überarbeitung: 5. September 2019

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