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ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/008

An­spruch auf be­fris­te­te Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung

Ar­beits­mi­nis­te­rin Nah­les will den An­spruch auf Teil­zeit­ar­beit um ein Rück­kehr­recht er­gän­zen: Re­fe­ren­ten­ent­wurf des BMAS vom Ja­nu­ar 2017
Elternzeit, Elterngeld, Eltern mit Kind

07.01.2017. Seit Mit­te die­ser Wo­che wird über ei­nen Ge­set­zes­vor­schlag des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Ar­beit und So­zia­les (BMAS) dis­ku­tiert.

Da­nach sol­len Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer künf­tig nicht nur ein ge­setz­li­ches An­recht auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung bzw. auf Teil­zeit­ar­beit ha­ben, son­dern ei­nen An­spruch auf ei­ne Be­fris­tung der Teil­zeit, d.h. sie sol­len ein Rück­kehr­recht er­hal­ten.

Ob­wohl ein sol­cher An­spruch nicht ganz neu ist, stößt der Vor­stoß von Ar­beits­mi­nis­te­rin Nah­les auf hef­ti­ge Kri­tik.

Wie funk­tio­niert die Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung nach dem Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz?

Nach gel­ten­dem Recht be­steht ein An­spruch auf Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit auf der Grund­la­ge von § 8 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG).

Da­nach ha­ben Ar­beit­neh­mer,

ei­nen An­spruch auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung, die sie

  • spätes­tens drei Mo­na­te vor de­ren Be­ginn vom Ar­beit­ge­ber ver­lan­gen müssen (§ 8 Abs.2 Tz­B­fG).

Das be­deu­tet: Ar­beit­neh­mer können un­ter den o.g. Vor­aus­set­zun­gen vom Ar­beit­ge­ber ver­lan­gen, dass er ei­ner Ar­beits­zeitände­rung von z.B. 40 St­un­den auf 35, 30 oder 25 St­un­den pro Wo­che zu­stimmt.

Die Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung kann auch als jähr­li­cher un­be­zahl­ter Son­der­ur­laub gel­tend ge­macht wer­den. An­spruchs­be­rech­tigt sind auch Teil­zeit­kräfte, d.h. wer z.B. ei­nen 30-St­un­den­ver­trag hat, kann un­ter Be­ru­fung auf § 8 Tz­B­fG ei­ne Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung auf 25, 20 oder 15 St­un­den ver­lan­gen. Sch­ließlich gibt es auch kei­ne Un­ter­gren­ze für die an­ge­streb­te Ar­beits­zeit: Wer z.B. nur drei oder fünf St­un­den pro Wo­che ar­bei­ten möch­te an­statt bis­her 40 St­un­den, kann ei­ne Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung um 35 bzw. 37 St­un­den ver­lan­gen.

Was heißt Teil­zeit­fal­le?

Hat man sei­ne Ar­beits­zeit auf der Grund­la­ge von § 8 Tz­B­fG ein­mal ver­rin­gert, kann man ei­ne wei­te­re Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung frühes­tens nach zwei Jah­ren ver­lan­gen (§ 8 Abs.6 Tz­B­fG). Die ver­rin­ger­te Ar­beits­zeit ist da­mit erst ein­mal fest­ze­men­tiert.

Die­se Ze­men­tie­rung gilt nach un­ten hin, d.h. in Rich­tung ei­ner wei­te­ren Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung, "nur" für zwei Jah­re, ist nach oben hin aber so­gar zeit­lich un­be­grenzt. Denn ei­nen An­spruch auf Rück­kehr zur al­ten länge­ren Ar­beits­zeit sieht das Tz­B­fG der­zeit nicht vor.

Und dar­in be­steht die sog. Teil­zeit­fal­le: Wer sich ein­mal für ei­ne Ver­rin­ge­rung sei­ner Ar­beits­zeit ent­schie­den hat, ist an die­se Ent­schei­dung ge­bun­den, auch wenn er später wie­der länger ar­bei­ten möch­te.

Be­trof­fen sind da­von vor al­lem Frau­en, denn sie ent­schei­den sich nach wie vor öfter als Männer dafür, aus fa­mi­liären Gründen be­ruf­lich kürzer zu tre­ten. Sind die Kin­der aber erst ein­mal in der Schu­le, könn­ten vie­le Frau­en auch wie­der länger ar­bei­ten. Wenn der Ar­beit­ge­ber da­bei aber nicht mit­spielt, gibt es der­zeit kei­nen An­spruch auf Rück­kehr zur al­ten Ar­beits­zeit.

Dar­an ändert auch § 9 Tz­B­fG nicht all­zu viel. Die­se Vor­schrift lau­tet:

"Der Ar­beit­ge­ber hat ei­nen teil­zeit­beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer, der ihm den Wunsch nach ei­ner Verlänge­rung sei­ner ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Ar­beits­zeit an­ge­zeigt hat, bei der Be­set­zung ei­nes ent­spre­chen­den frei­en Ar­beits­plat­zes bei glei­cher Eig­nung be­vor­zugt zu berück­sich­ti­gen, es sei denn, dass drin­gen­de be­trieb­li­che Gründe oder Ar­beits­zeitwünsche an­de­rer teil­zeit­beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer ent­ge­gen­ste­hen."

Vor­aus­set­zung die­ses An­spruchs auf zeit­li­che Auf­sto­ckung ist, dass es ei­nen frei­en Ar­beits­platz im Be­trieb gibt und dass der teil­zeit­beschäftig­te Ar­beit­neh­mer gleich gut für die Stel­le ge­eig­net ist wie an­de­re (ex­ter­ne) Be­wer­ber. Da die­ser Nach­weis nicht leicht zu führen ist, kommt es sel­ten vor, dass teil­zeit­beschäftig­te Ar­beit­neh­mer un­ter Be­ru­fung auf § 9 Tz­B­fG ei­ne Ar­beits­zeit­verlänge­rung durch­set­zen können.

Was soll geändert wer­den?

Da der Re­fe­ren­ten­ent­wurf des BMAS der­zeit noch nicht veröffent­licht ist, sind die Re­formpläne bis­her nur über Pres­se­mel­dun­gen bzw. über die Deut­sche Pres­se-Agen­tur (dpa) be­kannt ge­wor­den.

Da­nach soll es künf­tig ei­nen An­spruch auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung mit zeit­li­cher Be­gren­zung ge­ben. Grund­la­ge soll das Tz­B­fG sein, so dass auch die o.g. Vor­aus­set­zun­gen für den bis­he­ri­gen Teil­zeit­an­spruch gel­ten (Be­triebs­größe von über 15 Ar­beit­neh­mern, Beschäfti­gungs­dau­er von mehr sechs Mo­na­ten, An­trags­stel­lung min­des­tens drei Mo­na­te vor Be­ginn der gewünsch­ten Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung). Ei­ne Rück­kehr zur bis­he­ri­gen (länge­ren) Ar­beits­zeit soll frühes­tens nach ei­nem Jahr möglich sein.

Darüber hin­aus sol­len Ar­beit­ge­ber künf­tig über den Wunsch nach ei­ner Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung auch dann spre­chen müssen, wenn die o.g. Vor­aus­set­zun­gen nicht erfüllt sind. Die­se Erörte­rungs­pflicht müssen al­so auch Ar­beit­ge­ber in Klein­be­trie­ben be­ach­ten.

Sch­ließlich sol­len al­le "nor­ma­len" Teil­zeit­ar­beit­neh­mer, d.h. Ar­beit­neh­mer mit ei­nem ver­trag­lich ver­ein­bar­ten und zeit­lich nicht be­grenz­ten Teil­zeit­pen­sum, künf­tig un­ter er­leich­ter­ten Be­din­gun­gen ih­re Ar­beits­zeit auf­sto­cken können. Da­zu sieht der Ent­wurf ei­ne Ände­rung von § 9 Tz­B­fG zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer vor. Künf­tig soll die Be­weis­last in Be­zug auf das Vor­han­den­sein ei­nes frei­en (Voll­zeit-)Ar­beits­plat­zes und in Be­zug auf die Eig­nung des auf­sto­ckungs­wil­li­gen Ar­beit­neh­mers nicht mehr beim Ar­beit­neh­mer lie­gen, son­dern beim Ar­beit­ge­ber. Er müss­te dann das Feh­len ei­nes ge­eig­ne­ten (Voll­zeit-)Ar­beits­plat­zes und/oder ei­ne feh­len­de Eig­nung des Ar­beit­neh­mers dar­le­gen.

Stel­lung­nah­men pro und con­tra

Deutsch­lands Ar­beit­ge­ber leh­nen die Re­formpläne als zu büro­kra­tisch ab. So sag­te Stef­fen Kam­pe­ter, Haupt­geschäftsführer der Bun­des­ver­ei­ni­gung Deut­scher Ar­beit­ge­ber­verbände (BDA), dass die ge­plan­ten Ände­run­gen "das Ge­gen­teil von fle­xi­bler Ar­beits­ge­stal­tung" sei­en. Der be­fris­te­te Teil­zeit­an­spruch stel­le

"Be­trie­be und al­le an­de­ren Ar­beit­neh­mer vor große Be­las­tun­gen: Wer be­fris­tet ausfällt, des­sen Ar­beit muss trotz­dem ge­macht wer­den."

Nicht be­geis­tert ist auch Ma­rio Oho­ven, Präsi­dent des Bun­des­ver­ban­des der mit­telständi­schen Wirt­schaft. Er be­zeich­ne­te die Pläne laut dpa als "mit­tel­stands­feind­lich". Das Recht auf ei­ne be­fris­te­te Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung neh­me

"kei­ne Rück­sicht auf die Not­wen­dig­kei­ten be­trieb­li­cher Abläufe ge­ra­de klei­ne­rer und mitt­le­rer Be­trie­be. Viel­mehr wer­den den Un­ter­neh­men kos­ten­trei­ben­de büro­kra­ti­sche Zwänge auf­er­legt. Nach Ar­beitsstätten­ver­ord­nung, Ar­beit­neh­merüber­las­sungs­ge­setz und Ent­gelt­gleich­heits­ge­setz stellt die­ses Vor­ha­ben ei­ne er­neu­te Ver­schlech­te­rung un­ter­neh­me­ri­scher Rah­men­be­din­gun­gen dar."

Sch­ließlich gibt es für Kars­ten Ta­cke vom Ar­beit­ge­ber­ver­band Ge­samt­me­tall gar kein so­zi­al­po­li­ti­sches Pro­blem, das ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung er­for­der­lich ma­chen würde, denn:

"Wie oft kam es denn wirk­lich vor, dass ei­ne Rück­kehr aus der Teil­zeit ver­wei­gert wur­de?"

Im Un­ter­schied zu den Ar­beit­ge­ber­verbänden un­terstützen die Ge­werk­schaf­ten die Re­formpläne von An­drea Nah­les.

So sag­te IG-Me­tall-Chef Jörg Hof­mann ge­genüber der dpa, dass das ge­plan­te Rück­kehr­recht von Teil­zeit auf Voll­zeit "längst überfällig" sei. Denn die "Ver­ein­bar­keit von Ar­beit und Fa­mi­lie" wer­de "im­mer drängen­der". Sie dürfe nicht in ei­ner "Teil­zeit­fal­le" en­den.

Und An­ne­lie Bun­ten­bach, Vor­stands­mit­glied des Deut­schen Ge­werk­schafts­bun­des (DGB) sag­te:

"Wir brau­chen ein Recht auf be­fris­te­te Teil­zeit, das un­abhängig vom An­lass gilt, da­mit Men­schen sich Zeit neh­men können für Wei­ter­bil­dung, Eh­ren­amt, oder auch für Kin­der, außer­halb der El­tern­zeit - und dann wie­der zurück zur Voll­zeit kom­men können."

Fa­zit: Letz­ter Akt der lau­fen­den Le­gis­la­tur­pe­ri­ode oder ers­ter Akt des Wahl­kamp­fes?

An­ge­sichts der Kri­tik aus dem Ar­beit­ge­ber­la­ger und der be­vor­ste­hen­den Bun­des­tag­wahl 2017 dürf­te der Re­fe­ren­ten­ent­wurf wohl kaum oh­ne Ände­run­gen vom Bun­des­tag durch­ge­winkt wer­den. 

Mögli­cher­wei­se wird sich der Ko­ali­ti­ons­part­ner CDU/CSU im Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren dar­auf be­sin­nen, dass es ei­nen An­spruch auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung plus Rück­kehr­recht der­zeit schon gibt, nämlich für Ar­beit­neh­mer während ei­ner El­tern­zeit gemäß § 15 Abs.5 bis 7 Bun­des­el­tern­geld und -El­tern­zeit­ge­setz (BEEG). Sie können bis zum drit­ten Le­bens­jahr des Kin­des El­tern­zeit in An­spruch neh­men und in die­sem zeit­lich be­fris­te­ten Rah­men ih­re Ar­beits­zeit ver­rin­gern, al­ler­dings bis­lang nur im Um­fang zwi­schen min­des­tens 15 und höchs­tens 30 St­un­den pro Wo­che (§ 15 Abs.7 Satz 1 Nr.3 BEEG). An­ge­sichts die­ser Möglich­kei­ten auf der Grund­la­ge des BEEG wird sich man­cher kon­ser­va­ti­ve Ab­ge­ord­ne­te fra­gen, ob es ei­ne Ände­rung des Tz­B­fG wirk­lich braucht.

Da­bei wäre der Ver­weis auf die ak­tu­ell gu­te Ar­beits­markt­la­ge als po­li­ti­sches Ge­gen­ar­gu­ment al­ler­dings nicht sehr über­zeu­gend. Denn wenn sich vie­le Ar­beit­ge­ber der­zeit über den Wunsch nach ei­ner Ar­beits­zeit­erhöhung freu­en würden, heißt das um­ge­kehrt, dass ein An­spruch auf "Teil­zeit plus Rück­kehr­recht" die­sen Ar­beit­ge­bern kaum weh­tun dürf­te, da ei­ne Wie­der­auf­sto­ckung der Ar­beits­zeit aus ih­rer Sicht gut ist. So ge­se­hen wäre die vom BMAS vor­ge­schla­ge­ne Ge­set­zesände­rung durch­aus "markt­kon­form".

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Letzte Überarbeitung: 24. Oktober 2017

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