HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 15/360

Süch­tig nach Ar­beit - Wenn es ne­ben dem Job nichts an­de­res mehr gibt

Die Ar­beit sta­pelt sich, und trotz­dem ist da der Wunsch nach noch ei­nem Pro­jekt: Ar­beits­süch­ti­ge kön­nen nicht oh­ne ih­ren Job. Trotz der vie­len Über­stun­den sind sie je­doch nicht im­mer pro­duk­tiv
Fünf Arbeitnehmer Wie äu­ßert sich die Ar­beits­sucht?

21.12.2015. (dpa) - Man­che Men­schen ar­bei­ten viel.

Und an­de­re kön­nen gar nicht auf­hö­ren da­mit – sie sind süch­tig.

Nicht nach Al­ko­hol oder Ni­ko­tin, nicht nach Pil­len oder Dro­gen.

Son­dern nach ih­rem Job.

Ähn­lich wie der Burn-out ist die Ar­beits­sucht nicht all­ge­mein­gül­tig de­fi­niert, sagt Di­plom-Psy­cho­lo­ge Ste­fan Pop­pel­reu­ter, der ver­schie­de­ne Bü­cher zum The­ma Ar­beits­sucht ver­öf­fent­licht hat.

Zwi­schen 200 000 und 300 000 Be­trof­fe­ne gibt es Schät­zun­gen zu­fol­ge.

Nicht je­der, der ex­zes­siv ar­bei­tet und vie­le St­un­den im Bü­ro ver­bringt, ist süch­tig. "Viel­mehr geht es dar­um, dass ei­nen die Ar­beit nicht mehr los­lässt und man meint, die Welt bricht zu­sam­men oh­ne die ei­ge­ne Leis­tung", er­klärt er. Psy­cho­lo­gi­sche Stu­di­en zei­gen, dass Be­trof­fe­ne sich un­wohl füh­len, wenn sie nicht schuf­ten. "Ar­beits­süch­ti­ge be­nö­ti­gen das Ge­fühl, per­ma­nent pro­duk­tiv zu sein und ge­braucht zu wer­den", er­läu­tert Prof. Ute Ra­de­ma­cher, Do­zen­tin an der In­ter­na­tio­nal School of Ma­nage­ment (ISM) in Ham­burg.

Doch wo ist die Gren­ze? "Wer das Te­le­fon und den Com­pu­ter aus­schal­ten kann und ei­nen Tag mit der Fa­mi­lie ge­nießt, oh­ne an die Ar­beit zu den­ken, braucht sich kei­ne Sor­gen zu ma­chen", sagt Pop­pel­reu­ter. Schwie­rig ist, wenn das nicht mehr geht. Vie­le Ar­beits­süch­ti­ge sind mor­gens als Ers­te da und ge­hen als Letz­te. Da­bei sind sie al­ler­dings nicht im­mer pro­duk­tiv. Workaho­lics ar­bei­ten häu­fig sehr in­ef­fi­zi­ent. "Sie kön­nen nicht de­le­gie­ren und kei­ne Prio­ri­tä­ten set­zen, ver­gif­ten das Team­kli­ma und eig­nen sich nicht, mit an­de­ren zu­sam­men­zu­ar­bei­ten", er­zählt der Psy­cho­lo­ge. Hin­zu kom­me oft, dass sie durch den schlech­ten Out­put den Druck für das gan­ze Team er­hö­hen.

Häu­fig wer­de Ar­beits­sucht zu­nächst auch ver­klärt: Man­cher fin­det es toll, zu sa­gen: Ich ar­bei­te viel zu viel. Und Ar­beit­ge­ber hei­ßen das häu­fig gut. "In ei­nem Vor­stel­lungs­ge­spräch wird oft nach der größ­ten Schwä­che ge­fragt", gibt Pop­pel­reu­ter ein Bei­spiel. Vie­le Be­wer­ber ant­wor­ten dann, sie ar­bei­ten zu viel. Es soll­te je­doch ein ab­so­lu­tes Aus­schluss­kri­te­ri­um sei­nen, ei­nen Ar­beits­süch­ti­gen ein­zu­stel­len. Denn aus Ar­beit­ge­ber­sicht bringt so ein Mit­ar­bei­ter nur ei­nen be­grenz­ten Nut­zen: "Die per­ma­nen­te Über­be­las­tung führt zu Kon­se­quen­zen, es kommt zu ver­zö­ger­ten Ent­schei­dungs­pro­zes­sen, Aus­schuss wird pro­du­ziert."

Zwi­schen Män­nern und Frau­en gibt es kei­nen Un­ter­schied, was die Zahl der Ar­beits­süch­ti­gen an­geht. Al­ler­dings sei­en in den hel­fen­den und krea­ti­ven Be­ru­fen so­wie bei den Selbst­stän­di­gen mehr Men­schen mit ei­ner Nei­gung zum Sucht­ver­hal­ten ver­tre­ten, er­zählt Pop­pel­reu­ter. Ar­beit ist da­bei häu­fig ei­ne Flucht vor an­de­ren Kon­flik­ten im Le­ben. Workaho­lics sind nicht sel­ten Ge­trie­be­ne, bun­kern die Ar­beit und ver­nach­läs­si­gen So­zi­al­kon­tak­te. "Vie­len fehlt die in­ne­re Er­fül­lung", sagt Wer­ner Gross, Mit­be­grün­der des Psy­cho­lo­gi­schen Fo­rums Of­fen­bach.

Das ist auch der Punkt, an dem Freun­de und Ver­wand­te die Sucht er­ken­nen kön­nen. "Die Ar­beits­süch­ti­gen sind zwar phy­sisch prä­sent, aber geis­tig ab­we­send, fol­gen Ge­sprä­chen nicht und schrei­ben dau­ernd Mails", sagt Pop­pel­reu­ter. In der ers­ten Ur­laubs­wo­che fal­len sie für die Fa­mi­lie häu­fig aus, weil sie erst­mal den Schlaf nach­ho­len müs­sen, den sie ver­passt ha­ben. Auch kör­per­li­che Ver­än­de­run­gen kön­nen An­zei­chen sein: Ent­we­der er­näh­ren sich Workaho­lics schlecht, ha­ben zu we­nig Be­we­gung und in der Fol­ge zu vie­le Ki­los. "Oder sie sind auch in an­de­ren Le­bens­be­rei­chen zwang­haft, ren­nen Ma­ra­thon oder ma­chen et­was ähn­lich Ex­tre­mes", stellt Pop­pel­reu­ter fest.

Die Fol­gen der Ar­beits­sucht äu­ßern sich oft kör­per­lich durch Kopf­schmer­zen, Ma­gen­ge­schwü­re oder Schlaf­stö­run­gen. Kör­per und Psy­che ge­ben da­mit ein Stopp­si­gnal. "Das kann auch sehr dra­ma­tisch sein, mit Zu­sam­men­bruch, to­ta­ler Er­schöp­fung und Herz­in­farkt", er­zählt Gross. Spä­tes­tens dann muss man sich mit der Sucht aus­ein­an­der­set­zen. Lang­fris­tig bleibt Be­trof­fe­nen nichts an­de­res üb­rig, als ih­ren Le­bens­stil zu än­dern. "Kurz­fris­tig kann man sich mal zwei St­un­den Zeit zum Mit­tag­es­sen neh­men, oh­ne Han­dy, oh­ne Fach­li­te­ra­tur und am bes­ten mit Freun­den", sagt er.

Auch muss man nicht gleich in ei­ne lang­wie­ri­ge The­ra­pie. "Der ers­te Schritt ist, es selbst zu pro­bie­ren, mit Ver­trau­ten zu re­den." Au­ßer­dem ge­be es ver­schie­de­ne Selbst­hil­fe­grup­pen für see­li­sche Ge­sund­heit, auch die An­ony­men Ar­beits­süch­ti­gen kön­nen Be­trof­fe­ne kon­tak­tie­ren. Erst wenn das nicht reicht, sind die Pro­fis ge­fragt. Psy­cho­the­ra­pie oder so­gar die sta­tio­nä­re Re­ha­bi­li­ta­ti­on kön­nen dann hel­fen. Es gibt vie­le The­ra­peu­ten, die sich auf das The­ma Sucht spe­zia­li­siert ha­ben. Al­ler­dings kann es da­bei nur sel­ten ei­ne per­ma­nen­te Hei­lung ge­ben, sagt Pop­pel­reu­ter. "Ziel ei­ner Be­hand­lung kann nicht die Ab­sti­nenz sein, da­zu ist Ar­beit zu wich­tig und not­wen­dig."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 8. Juli 2016

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email* Nachname
  Abmelden   *Pflichtangabe

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2018:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de