HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/377

Viel Ar­beit, we­nig Mit­spra­che? IT-Be­schäf­tig­te sind kaum or­ga­ni­siert

Nur we­ni­ge Mit­ar­bei­ter von IT-Fir­men su­chen den Weg in ei­ne Ge­werk­schaft: Auch Be­triebs­rä­te fin­den sich sel­ten. Fle­xi­bi­li­tät ist Trumpf. Doch neu­er­dings gibt es in gro­ßen IT-Un­ter­neh­men auch Pro­tes­te
War­um ist der Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad im IT-Be­reich ge­ring?

13.11.2014. (dpa) - Nie­sel­re­gen und trü­bes No­vem­ber­wet­ter hal­ten die IBM-Mit­ar­bei­ter nicht ab.

Et­wa 1200 - zählt die Ge­werk­schaft Ver­di - ha­ben sich vor der IBM-Zen­tra­le in Eh­nin­gen bei Stutt­gart ver­sam­melt.

Mit Ras­seln und Klap­pern lär­men sie am ver­gan­ge­nen Mon­tag für hö­he­re Löh­ne.

De­mons­tra­tio­nen für mehr Geld?

Sol­che Pro­tes­te ha­ben in der IT-Bran­che im­mer noch Sel­ten­heits­wert.

In gro­ßen Kon­zer­nen wie IBM, der Deut­schen Te­le­kom oder Hew­lett-Pa­ckard (HP) ha­ben die Ge­werk­schaf­ten zwar Ein­fluss. Bei IBM und der Te­le­kom ha­ben sie so­ge­nann­te Haus­ta­rif­ver­trä­ge für die Un­ter­neh­men aus­ge­han­delt. Doch das Bild trügt. "Der Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad im IT-Be­reich ist im Ver­gleich zu an­de­ren Bran­chen ge­ring. Er steigt ver­hal­ten", sagt Bert Stach vom Fach­be­reich In­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie bei der Ge­werk­schaft Ver­di.

Der So­zio­lo­ge Ra­pha­el Me­nez von der Uni Ho­hen­heim hat in Un­ter­su­chun­gen von 2004 bis 2007 fest­ge­stellt, dass das Be­dürf­nis, sich zu or­ga­ni­sie­ren, in IT-Fir­men nied­rig ist. Häu­fig sei­en die Mit­ar­bei­ter hoch qua­li­fi­ziert, sie fühl­ten sich Ge­werk­schaf­ten we­nig ver­bun­den - so die Er­klä­rung. Ein wei­te­rer Grund: Die Mehr­zahl der Fir­men ist klein. Laut Bran­chen­ver­band Bit­kom mach­ten 2012 gut 90 Pro­zent von bun­des­weit et­wa 87 000 IT-Fir­men un­ter ei­ner Mil­li­on Eu­ro Um­satz.

Vor al­lem in Start-Ups sind die Hier­ar­chi­en flach, wohl­klin­gen­de Ti­tel schnell ver­ge­ben und Ver­ant­wor­tung auf we­ni­ge Schul­tern ver­teilt. Ro­bert Ber­nau, von der Fir­ma Re­le­van­tec, die un­ter dem La­bel "Di­rekt­zu" Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­for­men für Fir­men pro­gram­miert, hat dar­an nichts aus­zu­set­zen: Als "Exe­cu­ti­ve As­sis­tant" be­glei­tet er in der 19-Mann-Fir­ma Pro­jek­te, über­nimmt aber auch Ver­triebs­auf­ga­ben, Mar­ke­ting, Fi­nan­zen oder Per­so­nal­ver­wal­tung. "Fak­tisch ist es so, dass je­der en­ga­giert sein muss", sagt Wolf­gang Lau­ter­bach, ei­ner der drei Grün­der von "Sorg­los In­ter­net", ei­nem An­bie­ter von In­ter­net-Rou­tern mit ex­tra IP-Adres­sen für Gäs­te von Ho­tels. Vor­ga­ben für Ar­beits­zeit gibt es in dem Star­t­up mit fünf Mit­ar­bei­tern nicht. "Der Out­put muss stim­men", sagt Lau­ter­bach.

Die­se Si­tua­ti­on ist ty­pisch für klei­ne IT-Fir­men, sagt Ge­werk­schaf­ter Stach. Die Mit­ar­bei­ter füh­len sich als Teil­ha­ber. "Das bringt sie in ei­nen Loya­li­täts­kon­flikt", sagt er. Die Fra­ge nach ei­nem Be­triebs­rat, der die In­ter­es­sen der Mit­ar­bei­ter wahr­nimmt, stel­le sich häu­fig erst, wenn es Pro­ble­me gibt, so Stach.

"Wir müs­sen un­se­re Mit­ar­bei­ter gut be­han­deln, sonst sind sie oh­ne­hin weg", be­grün­det der Chef ei­nes schwä­bi­schen IT-Un­ter­neh­mens, der sei­nen Na­men aus Wett­be­werbs­grün­den nicht nen­nen will, das Feh­len ei­nes Be­triebs­rats. Die Be­zah­lung sei hoch, die Kon­kur­renz um gu­te Leu­te groß.

41 000 IT-Ex­per­ten feh­len laut Bit­kom ak­tu­ell. Bun­des­weit hat die Bran­che 950 000 Be­schäf­tig­te. Ein Be­triebs­rat sei eher "Be­stand­teil ei­ner al­ten Welt", fin­det Su­san­ne Kai­ser, Tech­nik­che­fin der Fir­ma Just Soft­ware, die ei­ne Platt­form für die Kom­mu­ni­ka­ti­on in Un­ter­neh­men ent­wi­ckelt hat.

Beim Soft­ware­kon­zern SAP wur­de der Be­triebs­rat erst 2006 auf Druck der Ge­werk­schaf­ten durch­ge­setzt. Da­bei gibt es Be­darf. Der Ge­sund­heits­be­richt des Soft­ware­kon­zerns zeich­net ein ähn­li­ches Bild wie in der ge­sam­ten Bran­che. Psy­chi­sche Be­las­tun­gen sind am häu­figs­ten für Fehl­ta­ge ver­ant­wort­lich. Laut ei­ner Aus­wer­tung der Bun­des­an­stalt für Ar­beits­schutz für dpa lei­den Mit­ar­bei­ter von IT-Fir­men zwar sel­te­ner un­ter kör­per­li­chen Be­schwer­den. "All­ge­mei­ne Mü­dig­keit, Mat­tig­keit oder Er­schöp­fung" oder emo­tio­na­le Er­schöp­fung kom­men aber häu­fi­ger vor als in an­de­ren Bran­chen.

"Die größ­te Ge­fahr ist die psy­chi­sche Be­las­tung durch Stress", fasst Stach zu­sam­men. In ei­nem Be­richt von Ver­di auf Ba­sis des DGB-In­dex "Gu­te Ar­beit" füh­len sich 58,2 Pro­zent der Be­frag­ten in der Ar­beit ge­hetzt oder un­ter Zeit­druck. "Ge­sund­heits­schutz ist ein wich­ti­ges The­ma, weil die Ar­beit in der IT-Bran­che be­son­ders ent­grenzt ist."

IT-Mit­ar­bei­ter sind na­tur­ge­mäß tech­ni­kaf­fin und mo­bil er­reich­bar. Der Kun­de ist Kö­nig: Ste­hen Pro­jek­te kurz vor Schluss gel­ten kei­ne Ar­beits­zeit­ge­set­ze. Beim Bran­chen­ver­band ist man sich des­sen be­wusst. "Wir wol­len die Fle­xi­bi­li­tät er­hal­ten", sagt Ste­phan Pfis­te­rer, Be­reichs­lei­ter Ar­beits­markt beim Bit­kom. Sie soll aber auch zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer gel­ten. Ei­nen bran­chen­wei­ten Ta­rif­ver­trag, in dem sol­che Fra­gen ge­re­gelt sind, hält er trotz­dem nicht für not­wen­dig.

Die in der Mehr­zahl klei­nen IT-Fir­men wür­de der wohl auch teil­wei­se eher vor ei­ne Her­aus­for­de­rung stel­len. Kla­re Re­geln da­zu wird es al­so vor­erst nur in den gro­ßen Un­ter­neh­men ge­ben. Bei IBM ha­be Ver­di im ver­gan­ge­nen Jahr ei­nen Ta­rif­ver­trag über Ge­sund­heits­ma­nage­ment aus­ge­han­delt, sagt Stach. Auch da­für wa­ren die Mit­ar­bei­ter bei Re­gen auf die Stra­ße ge­gan­gen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 29. Juni 2016

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de