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Au­to­zu­lie­fe­rer ban­gen um ih­re Jobs

Bei den Zu­lie­fe­rern hat der Ab­schied vom Ver­bren­ner gro­ße Ver­un­si­che­rung aus­ge­löst. Ei­ni­ge Re­gio­nen trifft es be­son­ders hart
Daimler, Mercedes, Autoindustrie, PKW

13.06.2019. (dpa/fle) - Wenn nichts pas­siert, dro­hen "in­dus­tri­el­le Wüs­ten", hat IG-Me­tall-Chef Jörg Hof­mann jüngst ge­warnt.

Mit dem Schwenk auf Elek­tro­mo­bi­li­tät wird die deut­sche Au­to­in­dus­trie mäch­tig durch­ein­an­der ge­wir­belt. Die Schock­wel­len aus den Kon­zern­zen­tra­len in Wolfs­burg oder Stutt­gart zei­gen auch in der ver­meint­li­chen Au­to­pro­vinz Wir­kung.

Wenn in die Ver­bren­ner­tech­no­lo­gie nicht mehr in­ves­tiert wird, wa­ckeln in Re­gio­nen wie dem Saar­land und Rhein­land-Pfalz die Ar­beits­plät­ze bei gro­ßen und klei­nen Zu­lie­fe­rern.

Sor­gen macht sich bei­spiels­wei­se Ru­dolf Marx, Be­triebs­rats­chef des klei­nen Scha­eff­ler-Werks Mor­bach im Huns­rück. Der frän­ki­sche Zu­lie­fer-Rie­se hat die In­ves­ti­tio­nen in Kupp­lungs­be­lä­ge für Hand­schal­ter ge­stoppt, weil die­ses Seg­ment nicht mehr als zu­kunfts­träch­tig gilt. Nach Schät­zun­gen des Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ters hän­gen aber 200 der 300 Mor­ba­cher Jobs an die­sem Seg­ment, so­dass drin­gend nach Al­ter­na­ti­ven ge­sucht wer­den müs­se. Marx ist sich si­cher, dass das vor­han­de­ne Wis­sen über Ma­te­ria­li­en und Pro­zes­se auch für an­de­re Pro­duk­te nutz­bar wä­re. "Wir lau­fen sonst Ge­fahr, dass un­ser Werk lang­sam aus­blu­tet und ir­gend­wann ge­schlos­sen wird."

Beim Tur­bo-Spe­zia­lis­ten Borg War­ner im pfäl­zi­schen Kirch­heim­bo­lan­den ge­hen die Ge­schäf­te schon schlech­ter, sagt die ört­li­che Ge­werk­schafts­se­kre­tä­rin Bir­git Moh­ne. Leih­ar­bei­ter wer­den nicht wei­ter­be­schäf­tigt, und auch die Stamm­be­leg­schaft ist nur noch bis En­de 2021 vor Ent­las­sun­gen ge­schützt. "Wir su­chen nach Zu­kunfts­pro­jek­ten", sagt Moh­ne. Doch die Ent­schei­dun­gen der Kon­zern­lei­tung in den USA lie­ßen im­mer noch auf sich war­ten.

Das be­nach­bar­te Saar­land mit rund 44.000 Au­to-Be­schäf­tig­ten hängt wie kaum ei­ne an­de­re Re­gi­on am Ver­bren­nungs­mo­tor. Laut ei­ner ak­tu­el­len IW/Fraun­ho­fer-Stu­die ent­fal­len rund 40 Pro­zent des Um­sat­zes von knapp 17 Mil­li­ar­den EUR auf Spar­ten, die stark vom Wan­del be­trof­fen sein wer­den. Da­zu zäh­len Fa­bri­ken für Mo­to­ren, Ge­trie­be oder Ab­gas­nach­be­hand­lung, al­lein Bosch be­schäf­tigt in Hom­burg mehr als 4.700 Men­schen vor­wie­gend in der Die­sel­tech­no­lo­gie. Ins­ge­samt um­fasst der Au­to-Sek­tor 260 Un­ter­neh­men, Spe­zia­lis­ten für zu­kunfts­träch­ti­ge Au­to­ma­ti­sie­rung oder Fahr­zeug­ver­net­zung sind kaum dar­un­ter.

Die Au­to­ren der Stu­die ge­ben der Re­gi­on zehn Jah­re Zeit, den Wan­del kon­kret zu ge­stal­ten, weil nach ih­rer Ein­schät­zung auch 2030 noch 40 Pro­zent der neu­en Au­tos ei­nen Ver­bren­ner als An­trieb ha­ben wer­den. Wei­te­re 35 Pro­zent sind in die­sem Sze­na­rio als Hy­bri­de un­ter­wegs, rei­ne Elek­tro­au­tos ma­chen nur rund ein Vier­tel aus. Der evo­lu­tio­nä­re Wan­del bräch­te Zeit, sich nach neu­en Pro­duk­ten und Ge­schäfts­ide­en um­zu­schau­en. Soll­te es we­sent­lich schnel­ler ge­hen mit der Dekar­bo­ni­sie­rung, dro­hen an der Saar mas­si­ve Um­satz- und Job­ver­lus­te.

Im ZF-Werk Saar­brü­cken mit rund 9.000 Be­schäf­tig­ten setzt man auf den Hy­brid­an­trieb: 800 Mil­lio­nen EUR sol­len in den nächs­ten vier Jah­ren in­ves­tiert wer­den, um den Stand­ort fit zu ma­chen für den Wan­del von kon­ven­tio­nel­len hin zu teil-elek­tri­schen Pkw-An­trie­ben. Der Pro­duk­ti­ons­an­teil an Hy­bridge­trie­ben in Saar­brü­cken wer­de sich nach Aus­kunft ei­ner Spre­che­rin in den kom­men­den Jah­ren von der­zeit 5 auf 50 Pro­zent er­hö­hen. Grund­la­ge ist der größ­te Auf­trag der Un­ter­neh­mens­ge­schich­te von BMW, die für ei­nen zwei­stel­li­gen Mil­li­ar­den­be­trag hy­bri­dop­ti­mier­te Ge­trie­be be­stellt ha­ben.

"Wer Ent­schei­dun­gen in die Zu­kunft ge­rich­tet trifft, der hat auch ei­ne Zu­kunft", sagt da­zu die saar­län­di­sche Wirt­schafts­mi­nis­te­rin An­ke Rehlin­ger (SPD). Ih­rer An­sicht nach müs­se die Trans­for­ma­ti­on der In­dus­trie vor al­lem ge­mein­sam mit den Be­schäf­tig­ten ge­lin­gen. Schlüs­sel sei­en die Qua­li­fi­zie­rung und Wei­ter­bil­dung der Mit­ar­bei­ter. "Land und Bund kön­nen da viel tun, aber hier sind auch die Un­ter­neh­men in der Pflicht", sagt Rehlin­ger.

Im Ford-Werk Saar­louis wer­den ge­ra­de 1.600 der noch 6.000 Ar­beits­plät­ze ge­stri­chen, weil sich der Kom­pakt-Van C-Max nicht mehr ver­kauft. Laut Spre­cher Mar­ko Bel­ser soll nach den Werk­fe­ri­en vom 29. Ju­li an von ei­nem Drei­schicht- auf ein Zwei­schicht-Sys­tem um­ge­stellt wer­den. Für den Stand­ort sieht Bel­ser den­noch gu­te Per­spek­ti­ven: "Da un­ser Werk in Saar­louis zu den ef­fi­zi­en­tes­ten Pro­duk­ti­ons­wer­ken in der ge­sam­ten Au­to­in­dus­trie zählt, sind wir sehr zu­ver­sicht­lich, was die Zu­kunft des Stand­orts an­geht", sagt er. Na­tür­lich spie­le Elek­tri­fi­zie­rung da­bei ei­ne Rol­le. Den ers­ten Schritt bil­de da­bei der Ford Fo­cus Mild-Hy­brid, der An­fang nächs­ten Jah­res kom­men soll. Die IG Me­tall sieht das Werk für die nächs­ten fünf Jah­re ab­ge­si­chert. Die Be­schäf­tig­ten sind noch bis En­de 2021 vor Kün­di­gun­gen ge­schützt.

"Das Saar­land kann Struk­tur­wan­del", ist Ge­schäfts­füh­rer Mar­tin Schlech­ter vom Ar­beit­ge­ber­ver­band ME Saar über­zeugt. Die­ser sei schließ­lich be­reits ein­mal vom Berg­bau/Stahl hin zu ei­ner star­ken Au­to­mo­ti­ve-In­dus­trie ge­lun­gen. Ak­tu­el­le Vor­tei­le sei­en die gut aus­ge­bil­de­te Fach­ar­bei­ter­schaft, die zen­tra­le La­ge in Eu­ro­pa und ver­gleichs­wei­se güns­ti­ge Stand­ort­kos­ten. Tat­säch­lich stün­den aber vie­le Zu­lie­fe­rer vor gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen bei durch­aus un­ge­nau­en Ziel­vor­ga­ben. "Die For­de­rung nach ei­nem Wan­del geht man­chem schnell von den Lip­pen, aber oft­mals ist der Weg noch gar nicht klar."

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Letzte Überarbeitung: 7. Oktober 2019

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