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Bei­trags­satz zur Ren­ten­ver­si­che­rung sinkt 2013

Der Bei­trags­satz zur ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung sinkt zum Jah­res­wech­sel um 0,7 Pro­zent­punk­te: Ge­setz zur Fest­set­zung der Bei­trags­sät­ze in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung für das Jahr 2013 (Bei­trags­satz­ge­setz 2013)
Klei­nes-Mün­zen-Ar­gu­ment ge­gen die Bei­trags­sen­kung?

03.12.2012. Der­zeit be­trägt der Bei­trags­satz zur ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung 19,6 Pro­zent. Ob man das als viel oder we­nig an­sieht, hängt vom Ver­gleichs­maß­stab ab.

Ver­gli­chen mit der St­un­de Null in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung im Jah­re 1891 sind 19,6 Pro­zent hor­rend hoch, denn da­mals lag der Bei­trags­satz noch bei freund­li­chen 1,7 Pro­zent. Im Jah­re 1949 be­trug er schon 10 Pro­zent, um bis 1970 lang­sam aber si­cher auf im­mer­hin 17 Pro­zent an­zu­stei­gen.

Die Schall­mau­er von 20 Pro­zent wur­de dann vor­über­ge­hend in den Jah­ren 1997 und 1998 ge­knackt, als der Ren­ten­bei­trags­satz 20,3 Pro­zent aus­mach­te. Seit­dem pen­delt er zwi­schen 19,1 und 19,9 Pro­zent­punk­ten.

Nun­mehr ha­ben Bun­des­re­gie­rung und gro­ße Ko­ali­ti­on be­schlos­sen, den Bei­trags­satz erst­mals seit 1995 wie­der un­ter die Mar­ke von 19 Pro­zent­punk­ten sin­ken zu las­sen. Ge­plant war ur­sprüng­lich im Ge­setz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung vom 24.09.2012 ei­ne Ab­sen­kung auf „nur“ 19,0 Pro­zent, doch sind dar­aus im Lau­fe des Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­rens 18,9 Pro­zent ge­wor­den (Be­schluss­emp­feh­lung und Be­richt des Aus­schus­ses für Ar­beit und So­zia­les zu dem Ge­setz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung (…) Bei­trags­satz­ge­setz 2013).

Die Bei­trags­sen­kung er­folgt durch ein Ge­setz, das am 25.10.2012 im Bun­des­tag mit den Stim­men der Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on an­ge­nom­men wur­de.

Die Bun­des­re­gie­rung und die gro­ße Ko­ali­ti­on be­grün­den die Ab­sen­kung um sat­te 0,7 Pro­zent­punk­te vor al­lem mit der ak­tu­el­len Ge­set­zes­la­ge. Die­se sieht näm­lich in Ge­stalt von § 158 Sechs­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB VI) vor, dass der Bei­trags­satz zur ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung zum 01. Ja­nu­ar ei­nes Jah­res an­zu­pas­sen bzw. zu ver­än­dern ist, wenn der bis­her gel­ten­de Bei­trags­satz da­zu füh­ren wür­de, dass die fi­nan­zi­el­len Re­ser­ven der Ren­ten­ver­si­che­rung un­ter 20 Pro­zent der mo­nat­li­chen Aus­ga­ben ab­sin­ken oder aber das Ein­ein­halb­fa­che ei­ner Mo­nats­aus­ga­be über­stei­gen wür­de.

Und da auf­grund der gu­ten Kon­junk­tur und des ho­hen Be­schäf­ti­gungs­stan­des in 2011 und 2012 die Kas­sen der Ren­ten­ver­si­che­rung prall ge­füllt sind, fol­gen Bun­des­re­gie­rung und gro­ße Ko­ali­ti­on die­ser ge­setz­li­chen Vor­ga­be. Denn die Schwan­kungs­re­ser­ve der Ren­ten­ver­si­che­rung, die heu­te „Nach­hal­tig­keits­re­ser­ve“ heißt“, wür­de bei ei­nem gleich blei­ben­den Bei­trags­satz von 19,6 Pro­zent die ge­setz­li­che Ober­gren­ze von 1,5 Mo­nats­zah­lun­gen über­schrei­ten.

Die SPD, die Ge­werk­schaf­ten und So­zi­al­ver­bän­de ha­ben sich in den letz­ten Wo­chen al­ler­dings ge­gen die Ab­sen­kung des Ren­ten­bei­trags aus­ge­spro­chen.

Sie ar­gu­men­tie­ren, dass die Bei­trags­sen­kun­gen für die Ar­beit­neh­mer nur ei­ni­ge we­ni­ge Eu­ro im Mo­nat aus­ma­chen wür­den, so dass man sich da­mit ei­ne Cur­ry­wurst oder ei­ne Maß Bier zu­sätz­lich im Mo­nat leis­ten könn­te (so der SPD-Ab­ge­ord­ne­te An­ton Schaaf im Bun­des­tag am 25.10.2012).

Oben­drein sind die­se eh schon ge­rin­gen Ent­las­tun­gen, so die Kri­tik, auch noch un­gleich ver­teilt. Spür­bar sei­en sie al­len­falls bei gut oder durch­schnitt­lich ver­die­nen­den Ar­beit­neh­mern, wäh­rend sie bei den Ge­ring­ver­die­nern nur in sym­bo­li­schen Mi­ni-Be­trä­gen an­kom­me.

Ein wei­te­res Ar­gu­ment da­für, den Bei­trags­satz bei den der­zei­ti­gen 19,6 Pro­zent zu be­las­sen, be­ruht auf den ab­seh­ba­ren künf­ti­gen Mehr­be­las­tun­gen der Ren­ten­ver­si­che­rung. Wenn man den Bei­trags­satz jetzt nicht sen­ken wür­de, so das Ar­gu­ment, könn­te man im Lau­fe ei­ni­ger Jah­re ei­ne so gro­ße Men­ge Geld an­spa­ren, dass künf­ti­ge Stei­ge­run­gen des Bei­trags­sat­zes nicht mehr nö­tig wä­ren (so der SPD-Ab­ge­ord­ne­te Schaaf im Bun­des­tag am 25.10.2012).

Trotz die­ser Ein­wän­de wur­de die Bei­trags­sen­kung am 25.10.2012 be­schlos­sen und wird zum Jah­res­an­fang 2013 in Kraft tre­ten. Letzt­lich dürf­te das auch die bes­se­re Ent­schei­dung sein.

Denn das Klei­ne-Mün­zen-Ar­gu­ment über­sieht, dass ja nicht nur die Ar­beit­neh­mer mehr Geld in der Ta­sche be­hal­ten, son­dern auch die Ar­beit­ge­ber, und bei­de Bei­trags­an­tei­le ma­chen je­weils für sich ge­nom­men schon gut 3 Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr aus und sum­mie­ren sich da­her zu mehr als 6 Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr (so die Bun­des­re­gie­rung in ei­ner Pres­se­mel­dung vom 23.11.2012). Das ist ei­ne er­heb­li­che Ent­las­tung von Ar­beit­neh­mer­haus­hal­ten und von Ar­beit­ge­bern.

Au­ßer­dem ist der Bund ge­setz­lich da­zu ver­pflich­tet, ei­nen er­heb­li­chen Teil von der­zeit et­wa ei­nem Vier­tel der Ge­samt­aus­ga­ben der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung zu stem­men. Und die­ser Bun­des­zu­schuss wie­der­um ist an den Bei­trags­satz ge­kop­pelt.

Sinkt der Bei­trags­satz, dann sinkt auch der Bun­des­zu­schuss, und zwar um vor­aus­sicht­lich 1,3 Mil­li­ar­den Eu­ro al­lein im Jah­re 2013 (Be­schluss­emp­feh­lung und Be­richt des Aus­schus­ses für Ar­beit und So­zia­les zu dem Ge­setz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung (…) Bei­trags­satz­ge­setz 2013).

Au­ßer­dem sind Bund, Län­der und Ge­mein­den Ar­beit­ge­ber und wer­den da­her durch die Sen­kung des Bei­trags­sat­zes fi­nan­zi­ell ent­las­tet. Al­lein der Bund als Ar­beit­ge­ber wird das mit ei­ner Ent­las­tung von gut 0,4 Mil­li­ar­den pro Jahr spü­ren.

Ins­ge­samt führt die Sen­kung des Bei­trags­sat­zes da­her zu ei­ner sub­stan­ti­el­len Ent­las­tung der öf­fent­li­chen Haus­hal­te.

Dass mit der Sen­kung der Bei­trags­sät­ze die Chan­ce ver­tan wird, ei­ne grö­ße­re fi­nan­zi­el­le Re­ser­ve auf­zu­bau­en, ist zwar rich­tig, doch fragt sich, was die ge­setz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung ei­gent­lich mit all den vie­len zu­sätz­li­chen Mil­li­ar­den Eu­ro Rück­la­gen ma­chen soll.

Die Fi­nan­zie­rung der Ren­ten­ver­si­che­rung be­ruht seit Mit­te der 50er Jah­re auf dem sog. Um­la­ge­prin­zip, d.h. die Ren­ten­bei­trä­ge wer­den seit­dem nicht mehr an­ge­spart bzw. ka­pi­ta­li­siert, son­dern im Prin­zip so­fort wie­der aus­ge­ge­ben.

Da­durch ent­ge­hen der Ren­ten­ver­si­che­rung zwar mög­li­che Zins­er­trä­ge, doch braucht man sich an­de­rer­seits nicht mit all den Pro­ble­men her­um­zu­schla­gen, die man bei An­wen­dung des Ka­pi­tal­de­ckungs­prin­zips lö­sen müss­te.

Das An­spar-Ar­gu­ment hängt so ge­se­hen ein we­nig in der Luft, weil die Ren­ten­ver­si­che­rung mit ih­ren Rück­la­gen nicht an den Ak­ti­en­märk­ten spe­ku­lie­ren darf, es aber für sog. „mün­del­si­che­re“ An­la­ge­for­men seit Jah­ren nur ex­trem ge­rin­ge Zin­sen gibt. Wer Bei­trags­ein­nah­men an­spa­ren will, muss da­her die Fra­ge be­ant­wor­ten, was er mit dem Geld ei­gent­lich ma­chen möch­te.

Schließ­lich und end­lich ver­wei­sen CDU und FDP auf ei­nen wei­te­ren po­si­ti­ven Ne­ben­ef­fekt der Bei­trags­sen­kung, näm­lich dar­auf, dass die Ren­ten­hö­he an die Ent­wick­lung der Net­to­löh­ne der Bei­trags­zah­ler, d.h. der ak­ti­ven Ge­ne­ra­ti­on ge­bun­den ist. Sin­ken die Bei­trags­sät­ze, stei­gen dem­ent­spre­chend die Net­to­löh­ne und es ist ei­ne wei­te­re Er­hö­hung der Ren­ten zu er­war­ten. Wer da­her mehr Geld in den Kas­sen der Ren­ten­ver­si­che­rung be­las­sen möch­te, um bes­se­re Leis­tun­gen für die Rent­ner fi­nan­zie­ren zu kön­nen, nimmt in Kauf, dass ei­ne sehr rasch spür­ba­re Ren­ten­er­hö­hung aus­blei­ben wird.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 30. September 2016

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