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Be­triebs­rat ver­langt Zu­sa­ge für VW-Jobs - Ma­nage­ment will ver­han­deln

Nach kon­flikt­rei­chen Mo­na­ten tritt Volks­wa­gens Be­triebs­rat die Flucht nach vorn an: Die Ar­beit­neh­mer for­dern den Vor­stand der VW-Kern­mar­ke mit­ten in der Die­sel-Kri­se zu Ver­hand­lun­gen über ei­nen "Zu­kunfts­pakt" auf. Das Ma­nage­ment zeigt sich schon ge­sprächs­be­reit
Betriebsratsbüro Betriebsratsbeschluss Wie könn­te der Zu­kunfts­pakt aus­se­hen?

08.04.2016. (dpa) - Der ver­schärf­te Spar­kurs bei Volks­wa­gen treibt mit­ten in der Ab­gas-Kri­se ei­nen Keil zwi­schen den mäch­ti­gen Be­triebs­rat und das Ma­nage­ment.

Die be­reits seit Mo­na­ten an­dau­ern­de Kon­fron­ta­ti­on mit dem Vor­stand der VW-Kern­mar­ke ist aus Sicht der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter an ei­nem neu­en Hö­he­punkt an­ge­langt.

Da ein "gra­vie­ren­des Ver­trau­ens­pro­blem" vor­lie­ge, ruft Be­triebs­rats­chef Bernd Os­ter­loh nun zu Ge­sprä­chen über ei­nen "Zu­kunfts­pakt" an den Ver­hand­lungs­tisch.

Mit die­ser Of­fen­si­ve steht dem Vor­stand auch mit Blick auf das Die­sel-De­ba­kel ei­ne Macht­pro­be ins Haus.

Es ge­be kei­ne Ba­sis mehr für die bis­he­ri­ge Form der Zu­sam­men­ar­beit, heißt es aus dem Be­triebs­rat. Dis­kus­sio­nen über ei­nen "Zu­kunfts­pakt" sei­en nö­tig, um die ak­tu­el­len Spe­ku­la­tio­nen zur Si­cher­heit von Jobs und Wer­ken in Deutsch­land zu be­en­den. "Dar­in wol­len wir fes­te Pro­dukt-, Stück­zahl- und In­ves­ti­ti­ons­zu­sa­gen für die nächs­ten Jah­re fest­schrei­ben", schrieb der Be­triebs­rat an die VW-Be­leg­schaft. Das er­fuhr die Deut­sche Pres­se-Agen­tur am Don­ners­tag von Ver­trau­ens­leu­ten der IG Me­tall. Der Brief ging un­ter an­de­rem per E-Mail auf den Weg.

Der Vor­stand der VW-Kern­mar­ke zeig­te sich be­reit, rasch in Ge­sprä­che über mehr Pla­nungs­si­cher­heit und Ge­wiss­heit für die künf­ti­gen Jobs ein­zu­stei­gen. "Das Schrei­ben des Be­triebs­rats se­hen wir als sehr gu­te Vor­la­ge für die wei­te­re Ar­beit. Wir be­grü­ßen aus­drück­lich das Ver­hand­lungs­an­ge­bot für ei­nen lang­fris­ti­gen Zu­kunfts­pakt", sag­te VW-Per­so­nal­chef Karl­heinz Bles­sing der Deut­schen Pres­se-Agen­tur auf An­fra­ge. "Die Si­che­rung der Stand­or­te liegt auch im In­ter­es­se des Vor­stands. Die Ge­sprä­che wer­den wir zü­gig und kon­struk­tiv füh­ren."

Der mit dem Schrei­ben in die Be­leg­schaft ge­tra­ge­ne Kon­flikt mar­kiert ei­ne neue Qua­li­tät. Os­ter­loh und VW-Mar­ken­chef Her­bert Diess ge­rie­ten seit dem Aus­bruch der Die­sel-Kri­se schon mehr­fach an­ein­an­der, es knall­te hef­tig. Ein of­fe­ner Bruch blieb aber aus. Das ist nun an­ders.

Der Vor­wurf des Be­triebs­ra­tes wiegt schwer: Er fürch­tet, dass das Ma­nage­ment an­ge­sichts der Ab­gas-Af­fä­re den Ren­di­te­druck ver­schärft und die La­ge be­wusst aus­nutzt, um ge­zielt auch die Axt an den Stel­len an­zu­set­zen. "So ha­ben wir den Ein­druck, dass der Die­sel-Skan­dal hin­ter­rücks da­zu ge­nutzt wer­den soll, per­so­nel­le Ein­schnit­te vor­zu­neh­men, die bis vor we­ni­gen Mo­na­ten kein The­ma wa­ren", heißt es in dem Brief, den auch die Be­triebs­rats­chefs aus Em­den, Han­no­ver, Kas­sel, Salz­git­ter, Braun­schweig und VW-Sach­sen un­ter­schrie­ben ha­ben.

Ei­nen Pakt für si­che­re Jobs gab es zu­letzt vor zehn Jah­ren, als VW die Vier­ta­ge­wo­che zu Gra­be trug und Zu­ge­ständ­nis­se mit Mehr­ar­beit oh­ne vol­len Lohn­aus­gleich er­rang. "Auch in der da­ma­li­gen schwie­ri­gen Zeit ist es uns über ver­bind­li­che Ver­ein­ba­run­gen ge­lun­gen, die Zu­kunft für Un­ter­neh­men und Be­schäf­tig­te po­si­tiv zu ge­stal­ten. Dies ist auch heu­te un­ser An­ge­bot an den Mar­ken­vor­stand von Volks­wa­gen", heißt es in dem Brief. "Wir wol­len ein En­de der Spe­ku­la­tio­nen über die Zu­kunft von Men­schen und Stand­or­ten von Volks­wa­gen!"

Die Mit­be­stim­mung im VW-Kon­zern ist un­ge­wöhn­lich stark. Auch we­gen his­to­ri­scher Wur­zeln ha­ben der Be­triebs­rat um die IG Me­tall und der Min­der­heits­eig­ner Nie­der­sach­sen star­ke Po­si­tio­nen - die Na­zis bau­ten das VW-Stamm­werk mit ent­eig­ne­tem Ge­werk­schafts­ver­mö­gen. Ab­stri­che bei der Mit­be­stim­mung trä­fen das Grund­ver­ständ­nis von VW, in dem Be­schäf­ti­gung und Wirt­schaft­lich­keit Zie­le glei­chen Ran­ges sind.

"We­der die ge­wach­se­nen Mit­spra­che­rech­te der Men­schen bei Volks­wa­gen noch die Schutz­re­ge­lun­gen des VW-Ge­set­zes für Stand­or­te und Be­schäf­ti­gung noch die Be­tei­li­gung des Lan­des Nie­der­sach­sen ha­ben den Die­sel-Skan­dal aus­ge­löst oder mit­ver­schul­det", heißt es in dem Brief.

Os­ter­lohs Team hegt of­fen­bar gro­ßes Miss­trau­en. So spricht es dem Mar­ken­vor­stand die sprich­wört­li­che "Hand­schlag-Qua­li­tät" ab: "Stän­di­ge wech­seln­de Ziel­vor­ga­ben, das Feh­len ei­ner ver­läss­li­chen, lang­fris­ti­gen Stra­te­gie für die Mar­ke Volks­wa­gen oder pau­scha­le, nicht zu En­de ge­dach­te Spar­vor­ga­ben sind hier­für nur ei­ni­ge Bei­spie­le." Nö­tig sei des­we­gen ein "kla­rer Rich­tungs­wech­sel".

"Der Grund­satz, dass Wirt­schaft­lich­keit und Be­schäf­ti­gung gleich­ran­gi­ge Un­ter­neh­mens­zie­le sind, muss sei­ne Gül­tig­keit be­hal­ten." Dies gel­te "selbst­ver­ständ­lich" auch für die Leih­ar­beit. Da­bei ließ VW zu­letzt - nach Jah­ren der Über­nah­me­pra­xis - gut tau­send Ver­trä­ge aus­lau­fen. Der Brief for­dert: "Ziel darf es nicht sein, mög­lichst vie­le Leih­ar­beit­neh­mer schnellst­mög­lich ab­zu­mel­den."

Os­ter­lohs Leu­te spie­len mit dem "Zu­kunfts­pakt" auf An­griff. Sie for­dern mit den fes­ten Zu­sa­gen für Jobs, Pro­duk­te und Stück­zah­len auch ein stra­te­gi­sches Ge­samt­kon­zept ein. "Dies gilt bei­spiels­wei­se für un­se­re Mo­to­ren- und Ge­trie­be­stand­or­te, die durch den Ein­zug von Elek­tro­mo­bi­li­tät be­trof­fen sein wer­den, für un­se­re fahr­zeug­bau­en­den Wer­ke und auch für die in­di­rek­ten Be­rei­che."

Mit Letz­te­rem sind in der Bran­che Jobs fern der Pro­duk­ti­on ge­meint, al­so et­wa in der Ver­wal­tung. Dort will das VW-Ma­nage­ment mehr als 3000 Stel­len ab­bau­en, wor­in der Be­triebs­rat ei­ne blin­de Spar­wut nach der "Ra­sen­mä­her-Me­tho­de" sieht. Die ak­tu­el­le Be­schäf­ti­gungs­si­che­rung für die 120.000 Mit­ar­bei­ter im VW-Haus­ta­rif schließt Stel­len­strei­chun­gen nicht aus. Die­se könn­ten über we­ni­ger Neu­ein­stel­lun­gen oder Zu­wei­sen neu­er Auf­ga­ben lau­fen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 19. Oktober 2016

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