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Be­wer­bungs­fo­to adé - an­ony­mi­sier­tes Sys­tem setzt auf Qua­li­fi­ka­ti­on

Aus­län­der, Frau­en und Äl­te­re füh­len sich bei der Job­su­che oft be­nach­tei­ligt: An­ony­mi­sier­te Be­wer­bungs­ver­fah­ren sol­len dies ver­mei­den. Se­hen Wirt­schaft und Ver­wal­tung dar­in ein Pa­tent­re­zept?
Bewerbungsmappe mit darauf liegender Fahrkarte Be­wer­bungs­fo­to adé - jetzt zählt aus­schließ­lich die Qua­li­fi­ka­ti­on

11.04.2013. (dpa) - Der Kan­di­dat hat zwar ei­ne her­vor­ra­gen­de Qua­li­fi­ka­ti­on, sein Na­me und Aus­se­hen in­des ver­ra­ten aus­län­di­sche Wur­zeln: Ob Tho­mas Eda­thy un­ter den 47 Be­wer­bern um die Stel­le als Stadt­wer­ke-Chef in Cel­le prompt zur Vor­stel­lung ein­ge­la­den wor­den wä­re, ist frag­lich.

Da Cel­le den Spit­zen­pos­ten je­doch als bun­des­weit ers­te Stadt mit ei­nem an­ony­mi­sier­ten Be­wer­bungs­ver­fah­ren be­setz­te, mach­te Eda­thy das Ren­nen.

Als ein­zi­ge Kom­mu­ne be­tei­lig­te sich Cel­le zu­nächst an ei­nem deutsch­land­wei­ten Pi­lot­pro­jekt - in­zwi­schen wer­den an­ony­me Be­wer­bun­gen von acht Bun­des­län­dern so­wie Fir­men und Kom­mu­nen ge­tes­tet.

Auch das Land Nie­der­sach­sen und die Lan­des­haupt­stadt Han­no­ver sind nun da­bei.

Na­me, Al­ter, Her­kunft und Ge­schlecht der Kan­di­da­ten er­fährt die Per­so­nal­ab­tei­lung da­bei zu­nächst nicht, auch ein Fo­to gibt es nicht.

Der neue Cel­ler Stadt­wer­ke-Chef Eda­thy räum­te am Mitt­woch bei sei­ner Vor­stel­lung ein, an der un­be­wuss­ten Dis­kri­mi­nie­rung von Be­wer­bern ha­be er sich bei der Aus­wahl von Ar­beit­neh­mern frü­her sel­ber be­tei­ligt.

"Auch ich ha­be Be­wer­bun­gen teil­wei­se da­nach aus­sor­tiert, ob Be­wer­ber aus­län­di­sche Na­men hat­ten, wenn gu­te Deutsch­kennt­nis­se ge­fragt wa­ren, oder ha­be auf das Al­ter ge­guckt."

Ge­nau sol­che Be­nach­tei­li­gun­gen soll das in an­gel­säch­si­schen Län­dern seit Jah­ren prak­ti­zier­te Ver­fah­ren ver­mei­den hel­fen. Auch Frau­en fal­len da­durch manch­mal durchs Ras­ter der Per­so­nal­chefs, vor al­lem, wenn sie klei­ne Kin­der ha­ben.

"Ich war erst skep­tisch", er­in­nert sich Cel­les Per­so­nal­chef Jo­ckel Birk­holz. Aber auch er ha­be oft un­be­wusst auf As­pek­te ge­guckt, die mit der Qua­li­fi­ka­ti­on und Mo­ti­va­ti­on für ei­ne Stel­le nichts zu tun ha­ben. "Im üb­li­chen Ver­fah­ren gu­cke ich aufs Fo­to, auf den Le­bens­lauf, auf die Fa­mi­li­en­ver­hält­nis­se, da schwin­gen Wert­vor­stel­lun­gen mit, trotz al­ler Be­mü­hun­gen um Ob­jek­ti­vi­tät."

Ist das neue Ver­fah­ren ein Pa­tent­re­zept, das dem bes­ten Kan­di­da­ten zur Stel­le ver­hilft und Dis­kri­mi­nie­rung aus­schließt? Bei der Stadt Han­no­ver, die test­wei­se seit Ja­nu­ar im Tief­bau­amt und Ge­bäu­de­ma­nage­ment mit an­ony­mi­sier­ten Be­wer­bun­gen ar­bei­tet, gibt es da auch Zwei­fel. "Wir sind nicht zu 100 Pro­zent über­zeugt von dem An­satz in Cel­le", sag­te Stadt­spre­cher An­dre­as Mö­ser. Die Stadt ha­be sich vor­her be­reits zum Ziel ge­setzt, den An­teil von Frau­en und Mi­gran­ten zu er­hö­hen, bei glei­cher Qua­li­fi­ka­ti­on sei­en sie be­vor­zugt wor­den.

Skep­tisch äu­ßert sich auch die Wirt­schaft. "Bei gro­ßen Fir­men gibt es eher die Be­reit­schaft, das zu ma­chen, als bei Mit­tel­ständ­lern", meint der Haupt­ge­schäfts­füh­rer der Un­ter­neh­mer­ver­bän­de Nie­der­sach­sen, Vol­ker Mül­ler.

In­ha­ber­ge­führ­te Fir­men setz­ten lie­ber auf Ge­fühl und Men­schen­kennt­nis und woll­ten von An­fang an se­hen, ob der po­ten­zi­el­le künf­ti­ge Mit­ar­bei­ter ins Team pas­se. "Ge­ra­de vor dem Hin­ter­grund der Glo­ba­li­sie­rung ge­he ich da­von aus, dass die Fir­men oh­ne­hin ein In­ter­es­se ha­ben, Mit­ar­bei­ter mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund ein­zu­stel­len."

Lob für Cel­les Pio­nier­ar­beit hat Chris­ti­ne Lü­ders, die Lei­te­rin der An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­stel­le des Bun­des, die 2011/12 das Pi­lot­pro­jekt in­iti­ier­te. Ge­ra­de im kom­mu­na­len Be­reich könn­ten an­ony­mi­sier­te Be­wer­bun­gen Kun­ge­lei­en und ei­ne Stel­len­ver­ga­be un­ter der Hand ver­hin­dern, sagt sie.

Tho­mas Eda­thy kam das viel­leicht zu­gu­te - sein Bru­der näm­lich ist der SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Se­bas­ti­an Eda­thy. Dem schwarz-gel­ben Stadt­rat von Cel­le wä­re dies mög­li­cher­wei­se ein Dorn im Au­ge ge­we­sen. Nach sei­ner Aus­wahl gab es für ihn aber Zu­stim­mung al­ler Par­tei­en - Tho­mas Eda­thy sel­ber hat kein Par­tei­buch.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 30. Mai 2016

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