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Das Leid mit der Lan­ge­wei­le - So be­kämp­fen Mit­ar­bei­ter das Bo­reout

Das Burn out-Syn­drom ist alt­be­kannt: Vie­le Men­schen sind im Job über­las­tet. Aber auch Un­ter­for­de­rung und Lan­ge­wei­le kön­nen Stress ver­ur­sa­chen - und krank ma­chen. In vie­len Fir­men feh­len An­sprech­part­ner
Zeitungslektüre Newsletter Was ist ein Bo­reout?

15.07.2014. (dpa) - Tors­ten Gott­schall hat­te ei­gent­lich im­mer gut zu tun in sei­nem Job.

In der Be­hin­der­ten­ar­beit ei­ner städ­ti­schen Ver­wal­tung in Schles­wig-Hol­stein gab es für ihn sel­ten Leer­lauf.

Bis sei­ne Vor­ge­setz­te ihn 2005 ins Con­trol­ling zwangs­ver­setz­te.

"Die woll­te mich los­wer­den", er­zählt Gott­schall.

Der So­zi­al­wis­sen­schaft­ler ver­steht nur we­nig von Zah­len.

"Plötz­lich hat­te ich kei­ne Auf­ga­be mehr, und es wur­de im­mer we­ni­ger und we­ni­ger."

Die Schwei­zer Un­ter­neh­mens­be­ra­ter Phil­ip­pe Roth­lin und Pe­ter Wer­der präg­ten 2007 mit dem Buch "Dia­gno­se Bo­reout" ein Sym­ptom, das als Krank­heits­bild erst lang­sam er­forscht wird. "Seit­dem ha­ben wir ein un­glaub­li­ches Feed­back be­kom­men", sagt Roth­lin. Im Ge­gen­satz zum Burn out be­schrei­ben die Buch­au­to­ren Be­schäf­tig­te, die aus Lan­ge­wei­le (bo­re­dom) oder Un­ter­for­de­rung im Job krank wer­den. Die Ar­beit­neh­mer kön­nen da­bei ähn­li­che Sym­pto­me wie beim Burn out-Syn­drom zei­gen.

"Das Be­wusst­sein ist wich­tig, dass Leu­te un­ter der Si­tua­ti­on lei­den", er­läu­tert Roth­lin. Da­bei ge­he es kei­nes­wegs um Faul­heit. Roth­lin nennt das die "Mär des sü­ßen Nichts­tuns". "Es gibt Leu­te, die sind faul und scha­den da­mit dem Un­ter­neh­men und den Kol­le­gen. Die ge­hö­ren ent­las­sen. Wer Bo­reout hat, wird aber in die Si­tua­ti­on hin­ein­ma­nö­vriert. Das liegt in der Ver­ant­wor­tung des Vor­ge­setz­ten."

Bo­reout ent­steht durch zu we­ni­ge oder fal­sche Auf­ga­ben, häu­fig in Ver­wal­tungs- oder Dienst­leis­tungs­jobs, in de­nen Auf­ga­ben weg­ra­tio­na­li­siert oder durch Soft­ware er­le­digt wer­den. Nach der Zu­sam­men­le­gung von Un­ter­neh­men ent­fal­len Auf­ga­ben, in Auf­trags­flau­ten bre­chen Kun­den weg. An­ders­wo wer­den Teams zu groß struk­tu­riert, man­che Stel­len nur aus Sta­tus­grün­den be­setzt. Nach Mei­nung von Roth­lin trifft es vor al­lem Be­am­te, die Fi­nanz­in­dus­trie, Bü­ro­jobs: "Mau­rer kön­nen nicht so tun, als ob sie ar­bei­ten wür­den."

Laut dem Stress­re­port 2012 der Bun­des­an­stalt für Ar­beits­schutz und Ar­beits­me­di­zin (Baua) füh­len sich 13 Pro­zent der ab­hän­gig Be­schäf­tig­ten fach­lich und 5 Pro­zent men­gen­mä­ßig im Job un­ter­for­dert. Auch Tors­ten Gott­schall hät­te ger­ne mehr ge­macht. "Der Stress war, dass mir nichts mehr zu­ge­mu­tet wur­de", sagt er. Gott­schall hat ein­mal So­zi­al­we­sen stu­diert, ei­ne Aus­bil­dung zum Psy­cho­the­ra­peu­ten ge­macht, ei­ne Al­ten­ein­rich­tung ge­lei­tet. Er hat frü­her im­mer gern ge­ar­bei­tet. "Ich galt als Leis­tungs­trä­ger, und plötz­lich war ich ei­ne Null."

Jah­re­lang sitzt er an sei­nem Schreib­tisch, zählt die Mi­nu­ten bis zum Fei­er­abend und lei­det. Das Sur­fen im Netz ist ver­bo­ten, Bü­cher le­sen zu auf­fäl­lig. Schließ­lich schult er sich selbst in Ex­cel und Word, spielt mit EDV-Pro­gram­men. Je­de ein­fa­che Schreib­ar­beit zieht er in die Län­ge. "Da­mit es so aus­sieht, als ob ich et­was tue", sagt er.

Pa­ra­do­xer­wei­se täu­schen Bo­reout-Be­trof­fe­ne häu­fig vor, be­schäf­tigt zu sein, star­ren auf den Bild­schirm, be­rich­ten Kol­le­gen von ei­nem Berg an Auf­ga­ben. Sie ma­chen mit­un­ter Über­stun­den, um ihr Nichts­tun zu ka­schie­ren. Wer nur Lö­cher in die Luft starrt, ris­kiert sei­nen Ar­beits­platz. Ge­ra­de die­se Ver­tu­schungs­stra­te­gi­en er­zeu­gen aber laut Ex­per­ten Stress und kön­nen die Ge­sund­heit be­las­ten.

"Ich kann nicht über Lan­ge­wei­le spre­chen in ei­ner Zeit, wo Leis­tung das Maß al­ler Din­ge ist und je­der um sei­nen Job kämpft", sagt die ös­ter­rei­chi­sche Ar­beits­so­zio­lo­gin Eli­sa­beth Pram­mer. Sie hat Bo­reout-Bio­gra­fi­en un­ter die Lu­pe ge­nom­men. Das Pro­blem sei weit ver­brei­tet, wer­de aber ta­bui­siert. "Wir wur­den in ei­nem Leis­tungs­dog­ma so­zia­li­siert." Ih­rer Mei­nung nach passt das Syn­drom Bo­reout in un­se­re Zeit eben­so wie Über­for­de­rung.

Tors­ten Gott­schall be­rich­tet von Ge­füh­len der Wert­lo­sig­keit, von An­triebs­lo­sig­keit, De­pres­si­on. "Ich hab mich töd­lich ge­lang­weilt", sagt er. Ir­gend­wann stand sei­ne Be­zie­hung auf der Kip­pe, zwei­ein­halb Jah­re be­gibt er sich we­gen der Un­ter­for­de­rung in psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Be­hand­lung. "Lan­ge Fehl­be­an­spru­chung kann krank ma­chen", be­stä­tigt Baua-Ex­per­tin An­drea Loh­mann-Hais­lah. Un­ter­for­de­rung kön­ne eben­so wie Über­las­tung zu De­pres­sio­nen, chro­ni­schen Rü­cken­schmer­zen und Herz-Kreis­lauf-Er­kran­kun­gen füh­ren.

Fach­lich un­ter­for­dert sei­en laut Loh­mann-Hais­lah ver­mehrt Be­schäf­tig­te im Gast­ge­wer­be oder in Ver­kehrs­be­trie­ben, wie Zim­mer­mäd­chen und Bus­fah­rer. Auch Tä­tig­kei­ten mit mo­no­to­nen Ar­beits­vor­gän­gen, wie sie zum Bei­spiel teils Wa­ren­prü­fer in der Qua­li­täts­kon­trol­le ha­ben, un­ter­for­dern schnell. Selbst­stän­di­ge lei­den sel­te­ner an Bo­reout.

Die Fol­ge ist meist Re­si­gna­ti­on. Nach ei­ner Um­fra­ge des Be­ra­tungs­un­ter­neh­mens Gal­lup über die emo­tio­na­le Bin­dung zum Ar­beit­ge­ber leis­ten 67 Pro­zent der Ar­beit­neh­mer Dienst nach Vor­schrift. Gut je­der sechs­te Be­schäf­tig­te hat nach ei­ge­ner Aus­sa­ge be­reits in­ner­lich ge­kün­digt.

In vie­len Un­ter­neh­men feh­le ein An­sprech­part­ner für das The­ma, sagt Pram­mer. Fir­men müss­ten al­te Struk­tu­ren auf­bre­chen, Ar­beits­zei­ten fle­xi­bler ge­stal­ten und Heim­ar­beit er­lau­ben. Ex­per­ten ra­ten Be­trof­fe­nen vor al­lem zum frü­hen Dia­log mit dem Ar­beit­ge­ber. "Das Wich­tigs­te ist die Ei­gen­ver­ant­wor­tung. Man muss sel­ber et­was tun", rät Buch­au­tor Roth­lin. Be­schäf­tig­te soll­ten vom Vor­ge­setz­ten ak­tiv span­nen­de­re Auf­ga­ben ein­for­dern. "Und viel­leicht auch ein­mal un­ge­fragt neue Din­ge er­ar­bei­ten, und sich nicht der Lan­ge­wei­le er­ge­ben", sagt Roth­lin.

Die Wün­sche for­mu­lie­ren Ar­beit­neh­mer da­bei am bes­ten po­si­tiv, rät Loh­mann-Hais­lah. "Es geht dar­um, wie die Nach­richt ver­packt ist", er­klärt auch Roth­lin. In gro­ßen Un­ter­neh­men loh­ne sich der Blick in an­de­re Ab­tei­lun­gen. Viel­leicht bie­ten sich dort neue Auf­ga­ben an. Und als letz­tes Mit­tel bleibt die Kün­di­gung.

Tors­ten Gott­schall be­sieg­te die Lan­ge­wei­le im Jahr 2011. Er kün­dig­te. Nun ar­bei­tet er Voll­zeit in sei­ner ei­ge­nen psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Pra­xis und lei­tet ein re­gio­na­les Netz­werk ge­gen Mob­bing. Der 54-Jäh­ri­ge ist da­bei schwer be­schäf­tigt. "Ich bin mehr aus­ge­las­tet, als mir lieb ist", sagt er und lacht.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 20. Oktober 2016

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