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Auch für Bul­ga­ren und Ru­mä­nen ge­hen an Neu­jahr die Schran­ken hoch

Für Bul­ga­ren und Ru­mä­nen be­ginnt am 1. Ja­nu­ar ei­ne neue Frei­heit: Sie brau­chen dann kei­ne Ar­beits­er­laub­nis mehr, um nach Deutsch­land zu kom­men. In Städ­ten wie Ber­lin oder Dort­mund wächst die Sor­ge, dass dar­un­ter ver­mehrt auch Ar­muts­zu­wan­de­rer sind
Europafahne Wie wird sich die Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit aus­wir­ken?

27.12.2013. (dpa) - Zum Jah­res­wech­sel fal­len die letz­ten Job-Schran­ken in der EU: Dann öff­net sich der deut­sche Ar­beits­markt auch für Bul­ga­ren und Ru­mä­nen.

Sie brau­chen dann kei­ne Ar­beits­er­laub­nis mehr, um nach Deutsch­land zu kom­men.

Noch ist un­klar, wie vie­le das sein wer­den.

Ex­per­ten er­war­ten kei­ne Völ­ker­wan­de­rung, wohl aber Zu­zug im sechs­stel­li­gen Be­reich.

Bul­ga­ri­en und Ru­mä­ni­en sind seit 2007 EU-Mit­glie­der. Seit­dem steigt in Deutsch­land kon­ti­nu­ier­lich der Zu­zug aus die­sen Län­dern. Im Sep­tem­ber ar­bei­te­ten schon 160 000 Bul­ga­ren und Ru­mä­nen in Deutsch­land, 126 000 da­von in so­zi­al­ver­si­cher­ten Jobs. Von 2014 an wer­den jähr­lich zwi­schen 100 000 und 180 000 Zu­wan­de­rer aus den bei­den Län­dern er­war­tet, schät­zen die For­scher des In­sti­tuts für Ar­beits­markt- und Be­rufs­for­schung (IAB) in Nürn­berg.

Die Zu­ge­wan­der­ten aus den bei­den Län­dern sind bis­lang durch­weg gut qua­li­fi­ziert, fin­den aber häu­fig Jobs nur im we­ni­ger at­trak­ti­ven Dienst­leis­tungs­sek­tor, in der Gas­tro­no­mie zum Bei­spiel oder als Ern­te­hel­fer. 25 Pro­zent ha­ben nach ei­ner Stu­die des In­sti­tuts für Ar­beits­markt- und Be­rufs­for­schung (IAB) Hoch­schul­ab­schluss, 40 Pro­zent ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung, 35 Pro­zent kei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on.

Die Ar­beits­lo­sen­quo­ten der bis­lang zu­ge­wan­der­ten Bul­ga­ren und Ru­mä­nen lie­gen frei­lich durch­weg un­ter je­nen der an­de­ren Aus­län­der­grup­pen. Vor Aus­bruch der Wirt­schafts­kri­se zog es 80 Pro­zent der bul­ga­ri­schen und ru­mä­ni­schen Aus­wan­de­rer nach Spa­ni­en und Ita­li­en. Seit es dort berg­ab geht, wird Deutsch­land für sie at­trak­ti­ver. Ex­per­ten spre­chen von ei­nem "Um­len­kungs­ef­fekt".

DIW-Ar­beits­markt­for­scher Karl Bren­ke sagt zur IAB-Schät­zung von 100 000 bis 180 000 Im­mi­gran­ten: "100 000 Zu­wan­de­rer se­he ich als Un­ter­gren­ze an." Nicht ge­nau ab­schätz­bar sei der Um­len­kungs­ef­fekt. "Der ge­plan­te ge­setz­li­che Min­dest­lohn könn­te hel­fen, ei­nen durch Zu­wan­de­rung er­zeug­ten Lohn­druck ab­zu­wen­den."

Deutsch­land ist Ein­wan­de­rungs­land nicht erst mit dem 1. Ja­nu­ar 2014. Die Zahl der Mi­gran­ten stieg schon in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren deut­lich: Von 2011 auf 2012 um 381 000, von 2010 auf 2011 um 216 000. Von 2009 auf 2010 lag der Zu­wachs laut Sta­tis­ti­schem Bun­des­amt noch bei 43 000. Im ver­gan­ge­nen Jahr wan­der­ten erst­mals mehr Men­schen nach Deutsch­land ein, als Mi­gran­ten der zwei­ten Ge­ne­ra­ti­on hier­zu­lan­de ge­bo­ren wur­den.

Deutsch­land ist we­gen sei­ner schrump­fen­den ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung auf Zu­wan­de­rung an­ge­wie­sen. Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit sei da­zu "ein wich­ti­ger Bei­trag", heißt es beim Ar­beit­ge­ber­ver­band BDA. Ei­nen Grund zur Pa­nik­ma­che ge­be es nicht: Über­trie­be­ne Be­fürch­tun­gen über mas­sen­haf­te Zu­wan­de­rung in die deut­schen So­zi­al­sys­te­me hat es be­reits bei der ers­ten Frei­zü­gig­keits­re­ge­lung für die acht mit­tel- und ost­eu­ro­päi­sche Mit­glied­staa­ten ge­ge­ben. "Nichts da­von hat sich be­wahr­hei­tet." Al­ler­dings hät­ten qua­li­fi­zier­te und drin­gend be­nö­tig­te Fach­kräf­te da­mals ei­nen Bo­gen um Deutsch­land ge­macht. "Wir ha­ben da­mals ei­ne Chan­ce ver­tan, das darf sich nicht wie­der­ho­len."

Bul­ga­ri­en und Ru­mä­ni­en sind die ärms­ten Län­der in der EU. Ihr Brut­to­in­lands­pro­dukt liegt un­ter der Hälf­te des EU-Durch­schnitts. Vie­le Men­schen dort lei­den un­ter pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen, An­ge­hö­ri­ge der Ro­ma et­wa. Von ei­nem Auf­ent­halt hier­zu­lan­de ver­spre­chen sich vie­le ein bes­se­res Le­ben. Der­zeit wird vor den Schran­ken der Ge­rich­te dar­über ge­strit­ten, ob auch Ar­muts­zu­wan­de­rer An­spruch auf So­zi­al­hil­fe ha­ben. Ent­schei­den muss nun der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof.

Hartz IV-Leis­tun­gen - al­so So­zi­al­hil­fe - be­an­tragt ha­ben bis­her knapp 40 000 Men­schen mit bul­ga­ri­schem oder ru­mä­ni­schem Pass. Das ent­spricht ei­ner Ver­dop­pe­lung in zwei Jah­ren - um ein Mas­sen­phä­no­men han­delt es sich nicht. Und: Die Be­trof­fe­nen dür­fen kei­nes­wegs zu den Ar­muts­flücht­lin­gen ge­zählt wer­den, stellt DGB-Vor­stands­mit­glied An­ne­lie Bun­ten­bach klar: "Von ei­ner Ar­muts­zu­wan­de­rung in die So­zi­al­sys­te­me kann kei­ne Re­de sein."

Den­noch kla­gen Städ­te wie Ber­lin, Dort­mund, Duis­burg oder Mann­heim über den Zu­zug Chan­cen­lo­ser aus Ost­eu­ro­pa. "Die Si­tua­ti­on in den be­son­ders be­trof­fe­nen Städ­ten und Stadt­tei­len ist heu­te be­reits schwie­rig. Bund, Län­der und EU müs­sen des­halb im neu­en Jahr spür­bar da­zu bei­tra­gen, Pro­ble­me durch Ar­muts­zu­wan­de­rung in un­se­ren Städ­ten zu be­wäl­ti­gen oder zu ver­mei­den", sagt der Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Deut­schen Städ­te­ta­ges, Ste­phan Ar­ti­cus. An der Frei­zü­gig­keit für Ar­beit­neh­mer will er aber "nicht rüt­teln".

Im Dunst­kreis der Zu­ge­wan­der­ten re­gis­trie­ren die Be­hör­den mehr Schwarz­ar­beit und (Schein)Ge­wer­be­an­mel­dun­gen. Nicht nur aus Sicht des Deut­schen Städ­te­ta­ges lie­ße sich Ar­muts­zu­wan­de­rung am bes­ten da­durch ver­mei­den, dass die Ver­hält­nis­se in den Hei­mat­län­dern der Be­trof­fe­nen ver­bes­sert wer­den. Doch För­der-Mil­li­ar­den aus dem Eu­ro­päi­schen So­zi­al­fonds wer­den kaum ab­ge­ru­fen - oder kom­men we­gen kor­rup­ter Struk­tu­ren vor Ort nicht an, kri­ti­sie­ren Ex­per­ten wie der Grü­nen-So­zi­al­ex­per­te Mar­kus Kurth.

Die Ge­werk­schaf­ten sind skep­tisch, wol­len ver­hin­dern, dass mit der neu­en Frei­heit der Druck auf Ar­beits­be­din­gun­gen und Löh­ne zu­nimmt. "Die Aus­beu­tung von mo­bi­len Be­schäf­tig­ten in Eu­ro­pa muss ent­schie­de­ner be­kämpft wer­den", mahnt DGB-Vor­stand Bun­ten­bach. Die Pro­ble­men in so­zia­len Brenn­punk­ten rüh­ren nach ih­rer Ein­schät­zung da­her, "dass In­te­gra­ti­ons­maß­nah­men der Rot­stift-Po­li­tik zum Op­fer ge­fal­len sind". Das För­der­pro­gramm "So­zia­le Stadt" müs­se da­her wie­der auf­ge­bes­sert wer­den.

Be­stre­bun­gen in Deutsch­land und Groß­bri­tan­ni­en, den Zu­gang für ar­beits­lo­se Zu­wan­de­rer zu er­schwe­ren, ha­ben zu­letzt zu Ver­span­nun­gen mit der EU-Kom­mis­si­on ge­führt. "Frei­zü­gig­keit ist ein Ge­mein­gut und das steht nicht zur De­bat­te", kon­ter­te EU-Jus­tiz­kom­mis­sa­rin Vi­via­ne Re­din. Die Re­gie­run­gen sei­en für die Re­ge­lung ih­rer na­tio­na­len So­zi­al­sys­te­me al­lein zu­stän­dig: "Macht Eu­re Haus­auf­ga­ben", er­teil­te sie For­de­run­gen nach Än­de­run­gen des EU-Rechts ei­ne ri­gi­de Ab­sa­ge.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 31. Dezember 2014

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