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Daim­ler-Be­triebs­rats­chef for­dert Ex­pe­ri­men­tier­fel­der für Ar­beits­zeit

Ist der Acht-St­un­den-Tag noch zeit­ge­mäß? Seit Mo­na­ten wird in Deutsch­land über Ar­beits­zei­ten dis­ku­tiert. Der Be­triebs­rats­chef des Au­to­bau­ers Daim­ler hält Lo­cke­run­gen für mög­lich - in be­grenz­tem Rah­men
Wanduhr Wie kann mo­bi­les Ar­bei­ten ge­stal­tet wer­den?

20.07.2016. (dpa) - In der Dis­kus­si­on um fle­xi­ble­re Ar­beits­zeit­mo­del­le hat Daim­ler-Be­triebs­rats­chef Mi­cha­el Brecht über Ta­rif­ver­trä­ge ab­ge­si­cher­te Test­läu­fe ge­for­dert.

"Es braucht ei­nen Schutz vor Aus­beu­tung und Selbst­aus­beu­tung. Da muss das Ge­setz wei­ter­hin strin­gent sein", sag­te Brecht der Deut­schen Pres­se-Agen­tur.

Es ge­be aber Mög­lich­kei­ten, Aus­nah­men von den star­ren Re­geln des Ar­beits­zeit­ge­set­zes zu fin­den: "Wir soll­ten Ex­pe­ri­men­tier­fel­der - be­trieb­li­che Pra­xis­la­bo­re - schaf­fen."

Fle­xi­ble­re Re­ge­lun­gen, die an die Be­dürf­nis­se von ein­zel­nen Be­schäf­tig­ten­grup­pen an­ge­passt sei­en, könn­ten zum Bei­spiel über Ta­rif­ver­trä­ge ge­schaf­fen wer­den, schlägt Brecht vor. "Das soll­te das Ge­setz zu­las­sen", sag­te der Daim­ler-Be­triebs­rats­chef und schloss sich da­mit ei­nem Vor­schlag von Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­rin An­drea Nah­les (SPD) an.

Nah­les hat­te sich im Ju­ni in ei­nem Auf­satz für die "Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung" für ei­ne Lo­cke­rung der ge­setz­li­chen Ar­beits­zeit­vor­schrif­ten für Fir­men aus­ge­spro­chen und die Mög­lich­keit "aus­ge­han­del­te Fle­xi­bi­li­tät" in Ta­rif­ver­trä­gen und Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen ge­nannt. Die Ar­beit­ge­ber­sei­te wet­tert seit lan­gem ge­gen die deut­schen Ar­beits­zeit­ge­set­ze - auch Daim­lers Per­so­nal­chef Wil­fried Porth sprach sich erst jüngst ge­gen star­re Ru­he­zei­ten von elf St­un­den aus.

An die­ser Stel­le hält Brecht Aus­nah­men für mög­lich: "Die Ru­he­zeit muss viel­leicht nicht bei al­len Tä­tig­kei­ten elf St­un­den be­tra­gen", sagt er. In der Dis­kus­si­on wer­de aber häu­fig ver­ges­sen, dass die Mehr­heit der Deut­schen über­haupt nicht mo­bil und fle­xi­bel ar­bei­ten kön­ne. Schicht­ar­bei­ter, Men­schen in Pfle­ge­be­ru­fe oder Be­rufs­tä­ti­ge, die an Öff­nungs­zei­ten ge­bun­den sind, kön­nen sich die Zeit nicht frei ein­tei­len.

Bei Daim­ler selbst ar­bei­tet der Be­triebs­rat der­zeit an ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung zu mo­bi­lem Ar­bei­ten. Ähn­li­che Re­ge­lun­gen gibt es bei an­de­ren Kon­zer­nen schon - et­wa beim Zu­lie­fe­rer Bosch oder bei BMW. Bei Daim­ler wur­den im ver­gan­ge­nen Jahr wur­den mehr als 30.000 Mit­ar­bei­ter zu dem The­ma be­fragt. Das Er­geb­nis: Gut 80 Pro­zent wünsch­ten sich mehr Fle­xi­bi­li­tät.

In Work­shops wur­den nun Eck­punk­te für die Be­triebs­ver­ein­ba­rung aus­ge­ar­bei­tet, die im Herbst ste­hen soll. "Es dreht sich viel um das The­ma Ver­trau­en", sagt Brecht. "Der Vor­ge­setz­te muss dem Be­schäf­tig­ten nicht dau­ernd über die Schul­ter schau­en. Zum Schluss muss das Er­geb­nis stim­men."

"Für uns ist wich­tig, Selbst­be­stim­mung und Selbst­ver­ant­wor­tung zu stär­ken", sagt Brecht. "Die Mög­lich­keit, mo­bil zu ar­bei­ten, darf nicht ab­hän­gig von der Lau­ne oder Ein­stel­lung des Vor­ge­setz­ten sein. Wenn die Art der Ar­beit es zu­lässt, soll­ten die Be­schäf­tig­ten mo­bil ar­bei­ten dür­fen". Au­ßer­dem wer­de in der Be­triebs­ver­ein­ba­rung ge­klärt, dass mo­bi­les Ar­bei­ten nicht zu ei­ner un­be­grenz­ten Er­reich­bar­keit der Mit­ar­bei­ter füh­ren dür­fe.

Da­bei sind die Neu­reg­lun­gen drin­gend nö­tig: "Bis­lang wird die Ar­beit au­ßer­halb der be­trieb­lich ver­ein­bar­ten Gleit­zeit­rah­men schlicht nicht er­fasst", sagt Brecht. Da­mit die Be­triebs­ver­ein­ba­rung kein Pa­pier­ti­ger wird, muss sich bei dem Au­to­bau­er al­ler­dings ei­ni­ges än­dern: "Wir sind kul­tu­rell in ei­nem Um­bruch", sagt Brecht. "Wir ha­ben bis­lang ei­ne star­ke Gre­mi­en­kul­tur, die Prä­senz for­dert. Da geht es jetzt um Fra­gen wie: Muss man bei je­dem Mee­ting phy­sisch an­we­send sein?" Da­bei ist ihm be­wusst: "Ei­ne Kul­tur­ver­än­de­rung er­reicht man nicht durch ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung".

Die neu­en Re­geln sei­en auf et­wa 80.000 der deutsch­land­weit et­wa 170.000 Mit­ar­bei­ter an­wend­bar, die in der Ver­wal­tung und er­wei­ter­ten Funk­tio­nen in der Pro­duk­ti­on ar­bei­ten. Da­bei soll es nicht blei­ben, so Brecht: "Im nächs­ten Schritt den­ken wir dar­über nach, wie wir in der Pro­duk­ti­on bes­se­re Mög­lich­kei­ten zur Ver­ein­bar­keit von Be­ruf- und Pri­vat­le­ben schaf­fen kön­nen."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 7. Dezember 2016

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