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Fri­seur-Min­dest­lohn? Klar! - "Aber es muss in die Köp­fe der Kun­den"

Die Ge­werk­schaft will ei­nen bun­des­wei­ten Min­dest­lohn in der Fri­seur­bran­che ein­füh­ren: Die Fri­seu­re ste­hen grund­sätz­lich hin­ter der For­de­rung. Knack­punkt sind der Os­ten - und das Ver­ständ­nis der Kun­den. Am Mon­tag ist die ers­te Ver­hand­lungs­run­de in Würz­burg
Münzen, Münzhaufen Wor­an schei­tert der Fri­seur-Min­dest­lohn?

20.04.2013. (dpa) - Ka­ren Leicht wuss­te schon als Kind, dass sie Fri­seu­rin wer­den möch­te.

Und ob­wohl ihr als Teen­ager be­wusst wur­de, dass sie da­mit nicht viel Geld ver­die­nen wird, blieb es bei ih­rem Wunsch.

Heu­te ist sie im drit­ten Lehr­jahr. "Es stimmt schon. Am En­de des Mo­nats bleibt nicht viel Geld üb­rig. Aber ich ha­be die Ent­schei­dung nicht be­reut", sagt die 19-Jäh­ri­ge mit den blon­den Haa­ren.

Sie be­kommt ein Aus­bil­dungs­ge­halt von et­wa 420 Eu­ro net­to. Als Ge­sel­lin wird sie in Bay­ern ei­nen St­un­den­lohn von min­des­tens 8,04 Eu­ro er­hal­ten.

In Bay­ern und den west­li­chen Bun­des­län­dern gibt es da­für klar ge­re­gel­te Lohn­un­ter­gren­zen. Des­halb will die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft Ver­di mit den Lan­des­ver­bän­den des Fri­seur­hand­werks nun ei­nen bun­des­wei­ten Min­dest­lohn für die Bran­che aus­han­deln.

An die­sem Mon­tag (22. April) tref­fen sich die bei­den Sei­ten für ei­ne ers­te Ver­hand­lungs­run­de. Bei den Son­die­rungs­ge­sprä­chen in Han­no­ver wur­de be­reits klar: Die Bran­che un­ter­stützt den Min­dest­lohn. Es dürf­te aber schwie­rig wer­den, Ost und West zu­sam­men­zu­füh­ren.

"Der Knack­punkt ist das un­ter­schied­li­che Lohn­ni­veau, von dem wir kom­men. Wäh­rend es in Bay­ern ei­ne gu­te Per­spek­ti­ve gibt, sind die Ta­rif­ver­trä­ge in an­de­ren Bun­des­län­dern seit 20 Jah­ren un­ver­än­dert", sagt Ver­di-Ver­hand­lungs­füh­re­rin Ute Kit­tel. Dort wür­den noch im­mer Eck­löh­ne von un­ter vier Eu­ro ge­zahlt. "Die sind dann zwar recht­lich auf der rich­ti­gen Sei­te, aber mo­ra­lisch nicht."

Die Ver­hand­lungs­part­ner hät­ten nun die Auf­ga­be, dort die Ge­häl­ter um bis zu 150 Pro­zent an­zu­he­ben. "Das ist am­bi­tio­niert, aber mach­bar", so Kit­tel. Ziel sei es, ei­nen Stu­fen­plan zu ent­wi­ckeln, da­mit bis 2015 die Lohn­un­ter­schie­de zwi­schen Ost und West be­sei­tigt sind.

Ei­ni­gen sich bei­de Sei­ten auf ei­nen Ab­schluss - und das wird noch nicht am Mon­tag der Fall sein - sind zu­nächst die In­nungs­be­trie­be in der Pflicht. Auch Ket­ten wol­len sich ver­pflich­ten. Deutsch­land­weit gibt es dem Zen­tral­ver­band des Deut­schen Fri­seur­hand­werks zu­fol­ge fast 261 000 Fri­seu­re.

Auch Ka­ren Leichts Che­fin un­ter­stützt die For­de­rung nach ei­nem bun­des­weit ein­heit­li­chen Min­dest­lohn. Der dürf­te ih­rer Mei­nung nach auch hö­her sein, doch die Pra­xis er­schwert die­se Idee. "Ich wür­de mei­nen Fri­seu­rin­nen gern mehr Lohn zah­len. Aber das muss zu­erst in die Köp­fe der Kun­den. Da gibt es noch ei­nen ganz gro­ßen Auf­klä­rungs­be­darf", sagt Bir­git Hart­bau­er.

"Für klei­ne Au­to­re­pa­ra­tu­ren zah­len vie­le hun­der­te Eu­ro oh­ne mit der Wim­per zu zu­cken. Aber für ei­ne St­un­de Hand­ar­beit und per­sön­li­che Dienst­leis­tung am Kun­den sind ih­nen 50 Eu­ro zu teu­er", sagt Hart­bau­er. Reich wer­de man in dem Be­ruf nicht. "Man braucht viel Idea­lis­mus und Lei­den­schaft."

Der Kon­kur­renz­kampf ist hart, denn der Kun­de hat die Wahl. Er kann sich auch für ei­nen Bil­lig­fri­seur ent­schei­den. "Die Flucht­mög­lich­kei­ten für die Kun­den sind recht groß. Aber ein Haar­schnitt für zehn oder we­ni­ger Eu­ro - das kann ja gar nicht funk­tio­nie­ren", sagt der Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Zen­tral­ver­ban­des, Rai­ner Röhr. Es ge­be 80 000 Fri­seur­be­trie­be in Deutsch­land, da­von sei­en et­wa 20 000 in den ver­gan­ge­nen Jah­ren neu da­zu ge­kom­men.

In per­so­nal­in­ten­si­ven Be­ru­fen wie dem Fri­seur­hand­werk hän­gen Preis und Lohn eng zu­sam­men. "50 Pro­zent der Kos­ten sind Per­so­nal­kos­ten", sagt Ge­schäfts­füh­re­rin Do­ris Ort­lieb vom Lan­des­in­nungs­ver­band des baye­ri­schen Fri­seur­hand­werks. "Wenn nicht min­des­tens 33 Eu­ro pro St­un­de an­ge­setzt wer­den, rech­net sich die Ar­beit ei­gent­lich nicht." Der Kun­de müs­se schon über­le­gen, ob bei zehn Eu­ro für den Haar­schnitt wirk­lich Ta­rif ge­zahlt wer­den kann oder ob da nicht ir­gend­wo ge­trickst wer­den muss. Zum Bei­spiel, in­dem die An­ge­stell­ten län­ger ar­bei­ten als im Ver­trag steht und So­zi­al­bei­trä­ge hin­ter­zo­gen wer­den.

In Bay­ern weiß die Lan­des­in­nung ak­tu­ell von fast 14 200 selbst­stän­di­gen Fri­seu­ren. Mehr als die Hälf­te da­von nimmt im Jahr mehr als 17 000 Eu­ro ein. Auf das Jahr ge­se­hen ha­ben die­se Be­trie­be ei­nen Um­satz von ins­ge­samt 874 Mil­lio­nen Eu­ro ge­macht. Der In­nung zu­fol­ge ar­bei­ten im Frei­staat et­wa 36 100 Ar­beit­neh­mer in der Fri­seur­bran­che, rund 4800 da­von sind Azu­bis so wie Ka­ren Leicht.

Die 19-Jäh­ri­ge will ir­gend­wann noch ih­ren Meis­ter ma­chen. "Auch, we­gen des Gel­des, klar." Bis da­hin je­doch wird sie wahr­schein­lich wei­ter bei ih­ren El­tern woh­nen und auf so man­chen Kom­fort ver­zich­ten. "Der Min­dest­lohn reicht aus zum Le­ben, aber Lu­xus ist da­mit nicht mög­lich."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 25. Juli 2014

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