HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/056

Ein schma­ler Grat: Fle­xi­bi­li­tät im Job hat nicht nur Vor­tei­le

Dienst­schluss, Ar­beits­wei­se und so­gar die Auf­ga­ben: Vie­le Be­rufs­tä­ti­ge ent­schei­den über sol­che Din­ge in­zwi­schen selbst. Neue Ar­beits­zeit­re­ge­lun­gen, mo­der­ne Ma­nage­ment-Me­tho­den und di­gi­ta­le Tech­nik ma­chen es mög­lich. Doch nicht je­der kommt da­mit klar
Homeoffice, flexibles Arbeiten Was kann man tun, wenn ei­nen die Ei­gen­ver­ant­wor­tung stresst?

20.02.2017. (dpa) - Punkt 8.00 Uhr ist Dienst­be­ginn, je­de Ar­beits­an­wei­sung kommt vom Chef – und oh­ne Er­laub­nis fasst man am bes­ten gar nichts an.

Sol­che stren­gen Re­geln ge­hö­ren an vie­len Ar­beits­plät­zen längst der Ver­gan­gen­heit an.

Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Selbst­füh­rung lau­ten die Zau­ber­wor­te: Mit­ar­bei­ter sol­len selbst ent­schei­den, wie sie ihr Ziel am bes­ten er­rei­chen, wie viel und wo sie ar­bei­ten.

Doch un­ter Um­stän­den ist das der di­rek­te Weg in die Selbst­aus­beu­tung.

Bei­spie­le für die­sen Trend gibt es ge­nug. Im­mer öf­ter küm­mern sich Mit­ar­bei­ter selbst um Din­ge, für die es frü­her im Un­ter­neh­men Per­so­nal gab, sei es für die Rei­se­kos­ten­ab­rech­nung oder die Ma­te­ri­al­be­schaf­fung. "Mit Ei­gen­ver­ant­wor­tung hat das nichts zu tun", sagt Va­nes­sa Barth vom Vor­stand der IG Me­tall. "Da geht es eher dar­um, Kos­ten ein­zu­spa­ren."

Po­si­ti­ver sieht sie Ma­nage­ment­tech­ni­ken wie die so­ge­nann­ten agi­len Me­tho­den. Sie stam­men aus der Soft­ware­ent­wick­lung, kom­men heu­te aber auch in vie­len an­de­ren Bran­chen und Be­rei­chen zum Ein­satz. Ei­ne der Grund­ide­en da­bei ist, dass Teams und Mit­ar­bei­ter sich selbst or­ga­ni­sie­ren, Zie­le und den Weg da­hin selbst fest­le­gen und auch den Fort­schritt in Ei­gen­re­gie über­prü­fen.

"Grund­sätz­lich gibt es ei­nen Trend zu mehr Ei­gen­ver­ant­wor­tung", sagt Barth. Der Ur­sprung liegt in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Im Si­li­con Val­ley ar­bei­ten vie­le Fir­men längst mit viel Ei­gen­ver­ant­wor­tung – und sind auch des­halb so in­no­va­tiv und schnell.

Hin­zu kom­men die Mög­lich­kei­ten der Di­gi­ta­li­sie­rung: "Ein Grund ist die tech­ni­sche Ver­än­de­rung der Ar­beits­welt", er­klärt Jo­se­phi­ne Hof­mann vom Fraun­ho­fer-In­sti­tut für Ar­beits­wirt­schaft und Or­ga­ni­sa­ti­on (IAO). Per Vi­deo­kon­fe­renz ist man selbst auf dem hei­mi­schen So­fa in Mee­tings da­bei. Wenn al­le wich­ti­gen Do­ku­men­te be­quem im In­tra­net ab­ruf­bar sind, er­leich­tert das ei­gen­ver­ant­wort­li­ches Or­ga­ni­sie­ren und de­zen­tra­les Ar­bei­ten.

Wo es sol­che Mög­lich­kei­ten gibt, ver­än­dern sich auch die Wün­sche der Mit­ar­bei­ter: Die Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Be­ruf wird vie­len zum Bei­spiel im­mer wich­ti­ger. Hin­zu kommt der Trend zur so­ge­nann­ten Wis­sens­ar­beit. "Vie­le Fach­kräf­te sind heu­te so spe­zia­li­siert, dass sie nur selbst wis­sen, wie sie am bes­ten ar­bei­ten", sagt Hof­mann. "Da kann dann ein Chef kei­ne de­tail­lier­ten Vor­schrif­ten mehr ma­chen, weil er die Auf­ga­be selbst nicht über­bli­cken kann."

Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und –füh­rung gibt es aber noch nicht über­all. "Das ist ein we­nig ei­ne Fra­ge der Bran­che und der Po­si­ti­on", sagt Kar­rie­r­e­be­ra­te­rin Sven­ja Ho­fert. "In vie­len Pro­duk­ti­ons­jobs ist die klein­tei­li­ge Auf­ga­ben­tei­lung zum Bei­spiel noch sehr ver­brei­tet." Über­all dort, wo krea­tiv ge­ar­bei­tet wird, sei der Trend zu ei­gen­ver­ant­wort­li­chem Ar­bei­ten aber schon deut­lich zu se­hen.

Auch der Bil­dungs­grad spielt ei­ne Rol­le: Je hö­her der Ab­schluss, des­to stär­ker der Trend zur Selbst­füh­rung. Doch nicht je­der kom­me da­mit zu­recht, sagt Ho­fert. Das Ar­bei­ten oh­ne di­rek­te An­wei­sun­gen und so­for­ti­ges Feed­back sei ei­ne Typf­ra­ge: Man­che Be­rufs­tä­ti­ge ge­nie­ßen es, auf ei­ge­ne Faust los­le­gen zu dür­fen, an­de­re stresst die Ver­ant­wor­tung eher.

Wer sich von zu viel Ei­gen­ver­ant­wor­tung ge­stresst fühlt, kann da­her zwar ver­su­chen, das zu än­dern - zum Bei­spiel mit Fort­bil­dun­gen rund um Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on oder Auf­bau­se­mi­na­re für Füh­rungs­kräf­te. Ei­ne Er­folgs­ga­ran­tie gibt es aber nicht, warnt Ho­fert. "Un­ab­hän­gi­ges Ar­bei­ten ist für den Ein­zel­nen lern­bar, aber nur be­grenzt", sagt sie. "Zum Teil ist das aber ein­fach ei­ne Fra­ge der Per­sön­lich­keit und da­mit un­ver­än­der­lich."

Des­halb rät die Ex­per­tin Ar­beit­neh­mern auch, sich Selbst­füh­rung nicht auf­zwin­gen zu las­sen: Braucht je­mand zum Bei­spiel kon­kre­te An­wei­sun­gen und re­gel­mä­ßi­ges Feed­back, soll­te er das in ei­nem Mit­ar­bei­ter­ge­spräch ru­hig selbst­be­wusst ein­for­dern. Denn ei­ne Schwä­che sei das nicht: Wer mit kla­ren An­wei­sun­gen bes­ser ar­bei­tet, ist oft bes­ser oder ge­nau­er bei de­ren Um­set­zung als je­mand, der ger­ne ei­ge­ne Zie­le setzt. "Da ist dann die Füh­rung ge­fragt, die her­aus­fin­den muss, wel­cher Mit­ar­bei­ter was braucht", so Ho­fert.

Auch Jo­se­phi­ne Hof­mann sieht die Ver­ant­wor­tung für er­folg­rei­che Selbst­füh­rung eher beim Un­ter­neh­men: Ent­schei­dend sei, wie die Idee um­ge­setzt wird. "Häu­fig wer­den Leu­te da­mit über­for­dert, weil sie da­für die Kom­pe­ten­zen nicht ha­ben", er­klärt die Ex­per­tin. So kön­ne es zum Bei­spiel pas­sie­ren, dass je­mand zwar die Ver­ant­wor­tung für die Fer­tig­stel­lung ei­nes Groß­pro­jekts trägt, da­bei aber nicht die Ent­schei­dungs­ge­walt hat, Per­so­nal- und Res­sour­ce­n­eng­päs­se aus­zu­glei­chen. "Da kann dann ein Zwang zur Selbst­aus­beu­tung ent­ste­hen."

Und auch die Stim­mung in der Ab­tei­lung oder in der Fir­ma muss pas­sen, sagt Barth. Da sei­en auch die Mit­ar­bei­ter oder ih­re Ver­tre­ter in der Pflicht, pas­sen­de Rah­men­be­din­gun­gen ein­zu­for­dern: "Mehr Ei­gen­ver­ant­wor­tung für Mit­ar­bei­ter ist nur dann sinn­voll, wenn es auch ei­ne ent­spre­chen­de Kul­tur im Un­ter­neh­men gibt - wenn Mit­ar­bei­ter al­so zum Bei­spiel Feh­ler ma­chen dür­fen."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 20. September 2019

Bewertung: 5.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Für Personaler, betriebliche Arbeitnehmervertretungen und andere Arbeitsrechtsprofis: "Update Arbeitsrecht" bringt Sie regelmäßig auf den neusten Stand der arbeitsgerichtlichen Rechtsprechung. Informationen zu den Abo-Bedingungen und ein kostenloses Ansichtsexemplar finden Sie hier:

Alle vierzehn Tage alles Wichtige
verständlich / aktuell / praxisnah

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2019:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de