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Über zehn Jah­re Hartz IV - "Ir­gend­wann ist man ganz un­ten an­ge­kom­men"

Vie­len gel­ten die Hartz-IV-Ge­set­ze als Be­schäf­ti­gungs­wun­der und Er­folgs­ge­schich­te: Doch für Be­trof­fe­ne wie zum Bei­spiel den 54-Jäh­ri­gen Mar­tin S. aus Kiel be­deu­tet die Re­form Ab­sturz in Ar­mut und Chan­cen­lo­sig­keit. Am Diens­tag zieht die Ar­beits­be­hör­de in Schles­wig-Hol­stein Bi­lanz
Münzen, Münzhaufen Wie kommt man aus der Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit raus?

16.12.2014. (dpa) - Mar­tin S., 54 Jah­re, hat kei­ne Il­lu­sio­nen mehr: Nach rund zehn Jah­ren Hartz IV fühlt er sich "so­zi­al aus­ge­grenzt und stig­ma­ti­siert".

Der frü­he­re EDV-Mit­ar­bei­ter wur­de mit An­fang 40 ent­las­sen.

Sein Be­trieb brauch­te ihn nicht mehr, hieß es.

Zwar schaff­te er noch zwei Jah­re für ei­ne Zeit­ar­beits­fir­ma, doch dann war auch dort Schluss.

Für den oh­ne­hin ent­mu­tig­ten Mann be­deu­te­te das Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit und so­zia­len Ab­stieg, be­rich­tet er.

Die Ar­beits­agen­tur zieht am Diens­tag Bi­lanz zu zehn Jah­ren Hartz IV in Schles­wig-Hol­stein. Hier er­hal­ten rund 65 000 Men­schen ent­spre­chen­de Leis­tun­gen; die Hälf­te da­von sind Lang­zeit­ar­beits­lo­se. Ins­ge­samt le­ben laut Ar­beits­agen­tur im Land aber knapp 220 000 Men­schen von Hartz IV, Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge ein­be­zo­gen.

An­fangs er­hielt S. noch das Ar­beits­lo­sen­geld I, das wa­ren rund 300 Eu­ro mehr, sagt er. Doch mit der Re­form kam der Ab­sturz auf die so­ge­nann­te Grund­si­che­rung. 391 Eu­ro sind es der­zeit für den Le­bens­un­ter­halt - Mie­te und Heiz­kos­ten wer­den ex­tra be­zahlt. Auch weil das Geld fehlt, riss der Kon­takt zu sei­nem heu­te 26-jäh­ri­gen Sohn ab. S. kann sich die Bahn­fahr­ten nicht leis­ten. Zu­dem schämt sich der Sohn wo­mög­lich.

Längst hat der eher un­ter­setz­te Mann sein Le­ben an die Re­gel­sät­ze an­ge­passt: "An­fangs hab ich ge­dacht, ich muss ver­hun­gern, doch jetzt hab ich mich auf nied­rigs­tem Ni­veau ein­ge­rich­tet", sagt er. "Mit dem Re­gel­satz kann man nur die Bil­lig-Sa­chen ma­chen: Bil­lig Es­sen, Bil­lig-Klei­dung, Bil­lig-Trin­ken, al­les vom Dis­coun­ter und den Haar­schnitt vom Bil­lig-Fri­seur." Er fürch­tet, "dass man von Hartz IV im­mer mehr ver­ein­samt und ver­gam­melt".

Ex­tras sind nicht drin. Von kul­tu­rel­ler Teil­ha­be ganz zu schwei­gen. "Ki­no, Thea­ter, Sport­ver­ein oder die Volks­hoch­schu­le, das kann ich mir nicht leis­ten," bi­lan­ziert er. Von dem Geld für den Le­bens­un­ter­halt muss er nicht nur sein Es­sen und Ge­trän­ke, son­dern auch Strom samt Nach­zah­lun­gen und al­le an­de­re Aus­ga­ben be­strei­ten. Bis­her hat es nicht ein­mal für ein Fahr­rad ge­reicht, auch nicht für ei­ne ge­brauch­te Spie­gel­re­flex­ka­me­ra. Da­bei war "Fo­to­gra­fie­ren mein Hob­by".

Um nicht voll­ends in den "Rum­gam­mel-Mo­dus" zu ge­ra­ten, gibt der 54-Jäh­ri­ge täg­lich sie­ben Eu­ro für das Es­sen aus, statt der ihm laut Be­darfs­ta­bel­le zu­ste­hen­den fünf Eu­ro. Er will "nicht den gan­zen Tag in der Bu­de sit­zen". Des­halb nutzt er An­ge­bo­te wie das "Flex-Werk", das in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Job­cen­ter und der Stadt Kiel be­trie­ben wird. Dort gibt es Mit­tag­es­sen für 2,50 € und ei­nen Pott Kaf­fee für 50 Cent. Die an­de­ren vier Eu­ro ge­hen dann im Bil­lig-Markt für Früh­stück und Abend­es­sen drauf. Über die Weih­nachts­ta­ge sind das "Flex-Werk" und an­de­re so­zia­le Treff­punk­te ge­schlos­sen. S. fürch­tet sich vor den Ta­gen. "Dann ist lei­der fünf Ta­ge lang Fern­se­hen und Dö­ner Bu­de an­ge­sagt."

Der Mann spricht lei­se, zö­ger­lich, in knap­pen Sät­zen mit län­ge­ren Pau­sen. Und er sitzt, als duckt er sich weg, wagt kaum den di­rek­ten Blick. Er sei schon frü­her mal de­pres­siv ge­we­sen, be­rich­tet er. Mit Hartz IV ha­be sich das ver­stärkt. Das Job­cen­ter for­der­te ihn des­halb auch vor kur­zem auf, vor­zei­tig Ren­te zu be­an­tra­gen. Dann ist er zwar raus aus der Sta­tis­tik. Doch er bleibt auf Grund­si­che­rung an­ge­wie­sen, dies­mal vom So­zi­al­amt.

Auch mit dem För­dern und For­dern des Job­cen­ters hat der 54-Jäh­ri­ge sei­ne Er­fah­run­gen. 2010 gibt es für ihn die ein­zi­ge Wei­ter­bil­dungs­maß­nah­me, er­zählt er. Die bricht er aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den ab. Dann hat er sechs Mo­na­te ei­nen 1-€-Hilfs­job in der Stadt­bü­che­rei. Doch Per­spek­ti­ve bringt auch das nicht. Das For­dern des Am­tes spürt er stän­dig. Zum Bei­spiel bei den Be­wer­bun­gen, die er schrei­ben muss, um nicht sank­tio­niert zu wer­den. Er­folgs­aus­sich­ten? "Gleich Null", sagt er.

Nicht nur Me­di­zi­ner wie der Kie­ler Arzt und Psych­ia­ter Ge­org Schu­nert hal­ten ei­ne kom­pe­ten­te psy­cho-so­zia­le Be­treu­ung für un­ab­ding­bar, um Ar­beits­lo­sen über­haupt wie­der Chan­cen im ers­ten Ar­beits­markt er­öff­nen zu kön­nen. "Ei­ne psy­cho-so­zia­le Be­treu­ung ist zwin­gend not­wen­dig, um die Wie­der­ein­glie­de­rung in ei­nen Be­ruf mög­lich zu ma­chen", be­tont er. "Nur Be­wer­bungs-, Kom­mu­ni­ka­ti­ons- oder Com­pu­ter­trai­nings rei­chen nicht aus. Wer kein Geld hat und so­wie­so am Rand der Ge­sell­schaft steht, muss erst ein­mal see­lisch sta­bi­li­siert wer­den."

Das be­stä­tigt auch Tors­ten P. (52). Er be­an­tragt seit 2007 Hartz IV. Das Stu­di­um der Mu­sik­wis­sen­schaft brach er ab. Schlug sich jah­re­lang als Jazz­mu­si­ker und Mu­sik­leh­rer durch, zu­letzt an ei­ner Mu­sik­schu­le, die aber ir­gend­wann kei­ne Ver­wen­dung mehr für ihn hat­te. Das Job­cen­ter bot ihm Be­schäf­ti­gung im Call-Cen­ter an. "Das war nichts für mich," sagt er. In sei­nem Fall "hat das Job­cen­ter hin­ge­guckt" und ihn zwei Jah­re lang als Mu­sik­leh­rer in ein ge­för­der­tes Pro­jekt mit Kin­dern und Ju­gend­li­chen ver­mit­telt.

Als da­für kein Geld mehr da war, gab P. nicht auf. Mit psy­cho­the­ra­peu­ti­scher Hil­fe lernt er, sich zu struk­tu­rie­ren und Zie­le zu set­zen. "Na­tür­lich ist das Geld ex­trem knapp, na­tür­lich hab ich auch Pro­ble­me", sagt er. "Doch ich hab mei­ne Sicht­wei­se ge­än­dert. Ich seh' ja das Elend der Leu­te, dass sie sich so ka­putt­ma­chen und tot sau­fen. Aber ich seh' auch die Vor­tei­le und nut­ze die Zeit." Zum Bei­spiel für sei­ne Pro­jek­te als Mu­si­ker. Er träumt von Selbst­stän­dig­keit. Jetzt probt er mehr­mals die Wo­che, geht Lau­fen, baut sich ein so­zia­les Netz. "Zu den­ken, oh­ne Ar­beit bin ich nichts, hab ich mir ab­ge­wöhnt."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 24. Mai 2016

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