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Schei­tern als Kar­rie­re­stu­fe - Die Kraft ei­nes "CV of failu­res"

Glän­zen­de aka­de­mi­sche Kar­rie­ren sind sel­ten, der Druck auf jun­ge Wis­sen­schaft­ler ist um­so hö­her: Rück­schlä­ge ver­ste­cken sie. Au­ßer sie schrei­ben ei­nen et­was an­de­ren Le­bens­lauf. Aber kann die Idee ei­nes "CV of failu­res" tat­säch­lich die Re­kru­tie­rungs­pra­xis än­dern?
Bewerbungsmappe mit darauf liegender Fahrkarte Wie sieht der per­fek­te Le­bens­lauf aus?

30.05.2016. (dpa) - Je­der, der sich in ei­nem um­kämpf­ten Feld um Stel­len be­wirbt, dürf­te das Ge­fühl ken­nen: Die Le­bens­läu­fe der an­de­ren schei­nen ma­kel­los.

Der ei­ge­ne hin­ge­gen - nun­ja. Jun­ge Wis­sen­schaft­ler in Deutsch­land ken­nen die­sen Druck be­son­ders gut.

Sie un­ter­rich­ten, netz­wer­ken, hal­ten Vor­trä­ge und müs­sen die ei­ge­ne For­schung vor­an­trei­ben.

All das, ob­wohl sie kaum Aus­sicht auf ei­ne si­che­re Zu­kunft ha­ben.

Wel­che Fol­gen das ha­ben kann, dar­auf macht ei­ner auf­merk­sam, der es ge­schafft hat: Jo­han­nes Haus­ho­fer, As­sis­tenz­pro­fes­sor an der Prin­ce­ton Uni­ver­si­ty. Mit sei­nem "CV of failu­res" - ei­nem "Le­bens­lauf des Schei­terns".

Dar­in schreibt er zum Bei­spiel über aka­de­mi­sche Stel­len, auf die er sich be­warb und die er nicht be­kam, über Sti­pen­di­en, für die er nicht aus­ge­wählt wur­de, und über Auf­sät­ze, die er ver­fass­te, und die nicht zur Ver­öf­fent­li­chung an­ge­nom­men wur­den. Au­ßer­dem schreibt er au­gen­zwin­kernd, dass sein Le­bens­lauf des Schei­terns "we­sent­lich mehr Auf­merk­sam­keit" be­kom­men ha­be als sei­ne ge­sam­te wis­sen­schaft­li­che Ar­beit.

"Ich bin nicht si­cher, ob es gut ist, für sich selbst ei­nen zu schrei­ben", sagt der 36-Jäh­ri­ge. "In der Psy­cho­lo­gie nutzt man ähn­li­che Übun­gen, um Leu­te zu stres­sen." Ihn selbst müs­sen sei­ne Miss­er­fol­ge nicht all­zu sehr be­las­ten. Ge­bo­ren in Hof, ist er über Ox­ford und Har­vard nach Prin­ce­ton ge­langt. Sein aka­de­mi­scher Le­bens­lauf ist sie­ben Sei­ten lang. Sei­ne Ge­gen-Er­zäh­lung, der "CV of failu­res", misst zwei Sei­ten und er­regt im Netz Auf­se­hen.

Zu­erst woll­te Haus­ho­fer nur ei­ne an­de­re Per­spek­ti­ve bie­ten. Jetzt will er die Auf­merk­sam­keit für ei­ne De­bat­te nut­zen. "Das Meis­te von dem, was ich pro­bie­re, schei­tert", schreibt Haus­ho­fer über sei­ne Lis­te der Rück­schlä­ge. "Aber die­se Miss­er­fol­ge sind oft un­sicht­bar, wäh­rend die Er­fol­ge sicht­bar sind." An­de­re däch­ten des­halb oft, es lä­ge an ih­nen, wenn sie et­was nicht schaf­fen.

Was sie nicht se­hen, be­tont Haus­ho­fer: die Macht des Zu­falls, dass Be­wer­bun­gen auch Glücks­sa­che sind und so­gar Aus­wahl­ko­mi­tees schlech­te Ta­ge ha­ben. Das woll­te schon Me­la­nie Ste­fan von der Uni­ver­si­ty of Edin­burgh än­dern: Sie mach­te als Ers­te die Idee ei­nes "CV of failu­res" pu­blik. "Wir Wis­sen­schaft­ler kon­stru­ie­ren ei­ne Ge­schich­te des Er­folgs", schrieb sie. Wer ei­nen Rück­schlag er­le­be, ver­ste­cke ihn - und füh­le sich al­lein und ent­mu­tigt.

"Ich fin­de den Ver­such gut, die teil­wei­se ver­rück­te Idea­li­sie­rung zu durch­bre­chen", sagt Hans-Wer­ner Rück­ert, der die Psy­cho­lo­gi­sche Be­ra­tung der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin lei­tet. Doch er ist skep­tisch, ob "CVs of failu­res" die Re­kru­tie­rungs­pra­xis ver­än­dern kön­nen. In Deutsch­land gibt es recht vie­le Dok­to­ran­den- und Post­doc-Stel­len, aber be­fris­tet auf ein oder zwei Jah­re. Pro­fes­su­ren mit dau­er­haf­ter An­stel­lung gibt es nur sehr we­ni­ge, die Nach­fra­ge ist viel grö­ßer als das An­ge­bot. Das führt zu gro­ßer Kon­kur­renz.

Um ei­nen der we­ni­gen Jobs zu er­gat­tern, muss man mög­lichst vie­le Bei­trä­ge in kur­zer Zeit in an­er­kann­ten wis­sen­schaft­li­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen un­ter­brin­gen. "Das schafft er­heb­li­chen Druck", sagt Rück­ert. Da­her der Spruch "pu­blish or pe­rish". Ver­öf­fent­li­che - oder geh' zu­grun­de.

Den Druck, den ver­meint­lich per­fek­ten Le­bens­lauf zu ha­ben, ken­nen vie­le Be­rufs­an­fän­ger. "Aber der Un­ter­schied zur frei­en Wirt­schaft ist, dass die be­ruf­li­che Zu­kunft in der Wis­sen­schaft viel län­ger un­si­cher bleibt", sagt der Vi­ze-Chef der Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft, An­dre­as Kel­ler. Ob man ei­ne Pro­fes­sur be­kommt, ent­schei­de sich mit En­de 30, An­fang 40. Für den Wech­sel ins Aus­land oder in die freie Wirt­schaft sei es da fast zu spät.

"Ich wür­de mir wün­schen, ein­fach mit gan­zem Her­zen Wis­sen­schaft­le­rin sein zu kön­nen", sagt ei­ne jun­ge Frau, die ge­ra­de ih­ren Dok­tor­ti­tel in Ge­schichts­wis­sen­schaft an ei­ner baye­ri­schen Uni­ver­si­tät macht. "In Wirk­lich­keit ha­be ich aber Angst vor pre­kä­ren Ar­beits­ver­hält­nis­sen und Al­ters­ar­mut trotz ho­hem Bil­dungs­grad und gro­ßem En­ga­ge­ment." Dass sie ei­ne Frau ist und sich Kin­der wünscht, ver­stär­ke den Druck noch.

Die Dok­to­ran­din will ih­ren Na­men nicht mit die­sen Zi­ta­ten in den Me­di­en ver­öf­fent­li­chen. Wer klagt, hat Sor­ge, als zu schwach für die Auf­ga­ben wahr­ge­nom­men zu wer­den. "Ge­ra­de gu­te For­schung braucht Zeit, und sie kennt na­tür­li­cher­wei­se auch un­pro­duk­ti­ve Pha­sen", sagt die jun­ge His­to­ri­ke­rin. "Die sind al­ler­dings nicht vor­ge­se­hen."

Es gibt in Deutsch­land der GEW zu­fol­ge kei­ne of­fi­zi­el­len Zah­len zur psy­chi­schen Ge­sund­heit von Nach­wuchs­wis­sen­schaft­lern. Rück­ert schätzt, dass et­wa fünf Pro­zent der jun­gen For­scher an sei­ner Uni sich bei ihm und sei­nen Kol­le­gen et­wa we­gen Schlaf­stö­run­gen oder Kon­zen­tra­ti­ons­pro­ble­me Hil­fe ho­len, wo­bei sei­ner Mei­nung nach mehr Pro­ble­me ha­ben. Sie gin­gen lie­ber zum Haus­arzt - oder ver­such­ten, sich selbst zu ku­rie­ren oder mit Dro­gen ab­zu­len­ken.

"Lässt man die Un­si­cher­heit zu nah an sich her­an, blo­ckiert sie das Den­ken und da­mit das Ar­bei­ten", be­rich­tet die jun­ge His­to­ri­ke­rin von ei­ge­nen Er­fah­run­gen. "Viel pro­duk­ti­ver ist da schon der Är­ger dar­über, dass un­se­re Ge­sell­schaft mei­ne Fä­hig­kei­ten we­nig zu schät­zen scheint."

Bis vor we­ni­gen Jah­ren sei­en die schlech­ten Be­schäf­ti­gungs­be­din­gun­gen in der Wis­sen­schaft eher ge­leug­net wor­den, schil­dert GEW-Vi­ze Kel­ler. Im Mai ei­nig­te sich die Ge­mein­sa­me Wis­sen­schafts­kon­fe­renz von Bund und Län­dern auf ein För­der­pro­gramm für län­ge­re Ver­trags­lauf­zei­ten. Die psy­chi­sche Ge­sund­heit der Be­trof­fe­nen aber, so Kel­ler, ist noch gar nicht auf der Agen­da.

Ak­tu­ell sei deut­lich we­ni­ger als die Hälf­te des wis­sen­schaft­li­chen Nach­wuch­ses in der GEW. Zu lan­ge hät­ten sich die Be­trof­fe­nen nicht ge­traut und es nicht als Stra­te­gie er­kannt, sich ge­werk­schaft­lich zu or­ga­ni­sie­ren. Da­bei wä­re das ei­ne tak­ti­sche Al­ter­na­ti­ve zu "CVs of failu­res". Denn selbst der prin­zi­pi­ell auf­ge­schlos­se­ne psy­cho­lo­gi­sche Be­ra­ter Rück­ert be­tont: "Ich wür­de nie­man­dem emp­feh­len, ei­nen sol­chen CV of failu­res zu ver­öf­fent­li­chen, der ge­ra­de auf Job­su­che ist."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 15. Juli 2016

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