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ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/011

In Le­bens­pha­sen den­ken: So las­sen sich Fa­mi­lie und Be­ruf ver­ein­ba­ren

In man­chen Le­bens­pha­sen ist es nicht leicht, ei­ne 100-Pro­zent-Stel­le zu ha­ben: Sind die Kin­der klein oder der Part­ner krank, wä­re et­was we­ni­ger ar­bei­ten ide­al. Le­bens­pha­sen­ori­en­tier­te Ar­beits­zeit­mo­del­le er­mög­li­chen Mit­ar­bei­tern das. Wie funk­tio­niert so et­was ge­nau?
Eltern mit krankem Kind Wie kann man den An­for­de­run­gen des Ar­beit­ge­bers und der Fa­mi­lie ge­recht wer­den?

11.01.2016. (dpa) - An­ke Helm woll­te kei­ne Aus­zeit vom Job, weil sie klei­ne Kin­der hat­te oder ei­nen An­ge­hö­ri­gen pfle­gen muss­te.

Sie lässt der­zeit ih­re Stel­le beim Flug­ha­fen­be­trei­ber Fra­port in Frank­furt am Main für ein Jahr ru­hen, weil ihr Mann ge­sund­heit­lich an­ge­schla­gen ist.

Sie ist 55 Jah­re, er ge­ra­de in Ren­te ge­gan­gen.

"Mit der Er­kran­kung mei­nes Man­nes ha­ben sich die Prio­ri­tä­ten ver­scho­ben", sagt sie.

"Wenn ich in zehn Jah­ren in den Ru­he­stand ge­he, kön­nen wir die Zeit zu zweit viel­leicht nicht mehr so ge­nie­ßen, wie das ak­tu­ell der Fall ist."

Des­halb woll­te sie jetzt für ei­ne Zeit im Job kür­zer­tre­ten.

Helm war bei Fra­port zu­letzt Lei­te­rin der Air­port Se­cu­ri­ty, ei­ner Ab­tei­lung mit rund 300 Mit­ar­bei­tern, die sich um prä­ven­ti­ve Si­cher­heits­maß­nah­men am Flug­ha­fen küm­mert. Seit mitt­ler­wei­le mehr als 30 Jah­ren ist sie für das Un­ter­neh­men tä­tig. Und in die­ser Zeit hat sie an­ge­fal­le­ne Über­stun­den und nicht ge­nom­me­ne Ur­laubs­ta­ge auf ei­nem Le­bens­ar­beits­zeit­kon­to sam­meln kön­nen. "Ei­gent­lich hat­te ich ge­plant, dass ich die Über­stun­den am En­de mei­nes Be­rufs­le­bens ge­sam­melt neh­me und mich frü­her in die Ren­te ver­ab­schie­de", er­zählt Helm. Doch ih­re Che­fin war schnell ein­ver­stan­den, als sie vor­schlug, statt­des­sen jetzt für ein Jahr aus­zu­stei­gen.

Vie­le Be­schäf­tig­te ken­nen das: Im­mer wie­der gibt es Pha­sen im Le­ben, in de­nen es schwie­rig ist, die An­for­de­run­gen des Ar­beit­ge­bers und die An­sprü­che der Fa­mi­lie in Ein­klang zu brin­gen. Der Be­trieb for­dert den gan­zen Tag An­we­sen­heit - die Fa­mi­lie zu­min­dest stun­den­wei­se. Dann wie­der gibt es Zei­ten, in de­nen man die Mög­lich­kei­ten hat, der Fir­ma viel mehr zur Ver­fü­gung zu ste­hen - et­wa als Be­rufs­an­fän­ger oder wenn die Kin­der grö­ßer sind. Le­bens­pha­sen­ori­en­tier­te Ar­beits­zeit­mo­del­le ori­en­tie­ren sich an die­sen un­ter­schied­li­chen Zeit­ab­schnit­ten.

"Es ist ei­ne neue Phi­lo­so­phie bei den Ar­beit­ge­bern. Sie rea­li­sie­ren im­mer mehr, dass die Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Be­ruf für Mit­ar­bei­ter ganz zen­tral ist", sagt Prof. Jut­ta Rump. Sie lehrt Be­triebs­wirt­schafts­leh­re an der Hoch­schu­le Lud­wigs­ha­fen und ist Ex­per­tin für das The­ma. Die Ar­beits­welt wird zu­neh­mend schnel­ler, Ar­beit ver­dich­tet sich im­mer mehr. Für Fir­men sei es wich­tig, Be­schäf­tig­te zu ha­ben, die das aus­hal­ten - und das geht nur, wenn sie trotz Dop­pel­be­las­tung Job und Fa­mi­lie in der Ba­lan­ce sind. Le­bens­pha­sen­ori­en­tier­te Ar­beits­zeit­mo­del­le sol­len bei der Ver­ein­bar­keit hel­fen.

Da­bei gibt es nicht das ei­ne Kon­zept. Le­bens­pha­sen­ori­en­tier­te Ar­beits­zeit­mo­del­le ist viel­mehr der Ober­be­griff für ei­ne Viel­zahl von Op­tio­nen, er­läu­tert Prof. Ul­ri­ke Hel­lert. Sie ist Di­rek­to­rin des In­sti­tuts für Ar­beit & Per­so­nal - iap - an der FOM Hoch­schu­le. Ein Mo­dell sieht et­wa vor, dass Mit­ar­bei­ter in Pha­sen fa­mi­liä­rer Be­las­tung für min­des­tens drei und ma­xi­mal sechs Mo­na­te auf 80 Pro­zent re­du­zie­ren kön­nen. An­de­re er­lau­ben in Pha­sen ho­her Be­las­tung die Ar­beit im Ho­me Of­fice oder Ver­trau­ens­ar­beits­zeit. Mit­ar­bei­ter kön­nen bei letz­te­rer frei ent­schei­den, wann sie ar­bei­ten, und müs­sen ge­steck­te Zie­le er­rei­chen. Und es gibt Le­bens­ar­beits­zeit­kon­ten wie bei Helm.

Bei Fra­port ha­ben laut Be­triebs­ver­ein­ba­rung al­le Stamm­be­schäf­tig­ten ei­nen An­spruch auf ein sol­ches Kon­to. Ar­beit­neh­mer dür­fen je­des Jahr bis zu 200 St­un­den und ins­ge­samt ma­xi­mal 3000 St­un­den an­sam­meln, die sie dann bei Be­darf ab­fei­ern kön­nen. Das Kon­to kön­nen sie et­wa nut­zen, um ei­ne Pau­se ein­zu­le­gen, be­fris­tet ei­ne Zeit lang in Teil­zeit zu ar­bei­ten oder sich per­sön­lich wei­ter­zu­bil­den. Die Ent­nah­me der Über­stun­den muss dem Ar­beit­ge­ber min­des­tens sechs Mo­na­te vor­her an­ge­kün­digt wer­den.

Helm ge­nießt der­zeit in vol­len Zü­gen die Zeit zu zweit zu Hau­se. Und sie ist froh, dass sie ih­re Che­fin um die Aus­zeit ge­be­ten hat. Ein Schritt, den sich noch nicht vie­le trau­en. "Wir ma­chen die Er­fah­rung: Wir ha­ben bei Fra­port al­le In­stru­men­te zum le­bens­pha­sen­ori­en­tier­ten Ar­bei­ten, die Be­schäf­tig­ten nut­zen sie aber nicht so stark, wie sie könn­ten", er­zählt Gu­drun Mül­ler, bei Fra­port zu­stän­dig für Di­ver­si­ty und Fra­gen zur Ver­ein­bar­keit von Be­ruf und Fa­mi­lie. Sie ver­mu­tet, dass Rol­len­vor­bil­der feh­len und man­cher auch ein­fach nicht den Mut hat, zu fra­gen.

Doch was kann der Ein­zel­ne tun, wenn die Fir­ma so et­was gar nicht an­bie­tet? Prof. Rump rät, das The­ma be­reits im Be­wer­bungs­ge­spräch an­zu­spre­chen. An­hand der Re­ak­ti­on des Per­so­na­lers ist schnell zu er­ken­nen, ob die Fir­ma Mit­ar­bei­ter un­ter­stützt oder sich da­bei kaum zu­stän­dig fühlt. Sind Fir­men sehr en­ga­giert beim The­ma Ver­ein­bar­keit, fin­den sich An­ga­ben da­zu häu­fig auch im Netz oder in Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen. Es lohnt des­halb, die­sen Punkt gründ­lich zu re­cher­chie­ren.

Wenn Mit­ar­bei­ter be­reits bei ei­nem Ar­beit­ge­ber sind, soll­ten sie das The­ma ein­fach beim Chef an­spre­chen, sagt Prof. Hel­lert. Oft sei die Ab­leh­nung ge­gen­über fle­xi­blen Ar­beits­zei­ten gar nicht so groß, wenn Mit­ar­bei­ter Ide­en prä­sen­tie­ren, wie das funk­tio­nie­ren kann. Am bes­ten ist es, sich vor­her im Team zu be­spre­chen. Gibt es mög­li­cher­wei­se meh­re­re Kol­le­gen, die sich das wün­schen?

Hat der Chef Zwei­fel, ob an­de­re Ar­beits­zei­ten prak­ti­ka­bel sind, kann man ihm zu­nächst ei­ne Pi­lot­pha­se vor­schla­gen. Zu­nächst wer­den die ver­än­der­ten Ar­beits­zei­ten zum Bei­spiel ei­nen Mo­nat lang ge­tes­tet - dann ana­ly­siert man ge­mein­sam die Er­geb­nis­se und schaut sich an, was funk­tio­niert und was eher nicht prak­ti­ka­bel ist.

Gibt es wie bei Fra­port sol­che Mo­del­le, braucht es schließ­lich Mit­ar­bei­ter, die sich trau­en, sie in An­spruch zu neh­men. Und Be­schäf­tig­te sind laut Prof. Hel­lert viel mehr als frü­her ge­fragt, zu klä­ren: Wel­ches Mo­dell passt zu mir? Bringt es mir et­was, wenn ich zum Bei­spiel zwei­mal die Wo­che von zu Hau­se ar­bei­te oder in Teil­zeit ge­he?

Helm ist froh, mit 55 Jah­ren die Aus­zeit vom Job ge­nom­men zu ha­ben. "Für mich ist die­ses Jahr ein un­glaub­li­cher Lu­xus", sagt sie. Au­ßer­dem hat sie in die­ser Zeit ei­nen ganz neu­en, fri­schen Blick auf den Job ge­won­nen. "Und das Bes­te ist: Ich freue mich wirk­lich wie­der rich­tig auf die Ar­beit. Ich ha­be Bock, wie­der ein­zu­stei­gen."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 18. Juli 2016

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