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Leih­ar­beit: Glei­che Ar­beit, we­ni­ger Lohn

Leih­ar­beit­neh­mer be­kom­men bei glei­cher Ar­beit we­ni­ger Lohn als Stamm­kräf­te: Ber­tels­mann-Stu­die zur Zeit­ar­beit be­legt Lohn­un­ter­schied zwi­schen Zeit­ar­beit­neh­mern und Stamm­kräf­ten
Zwei Männchen mit Euro Equal pay? Weit ge­fehlt!

10.04.2012. Ob es Be­rich­te über Leih­ar­beit­neh­mer sind, die trotz ih­res Jobs auf Ar­beits­lo­sen­geld II an­ge­wie­sen sind, ob es um die Ein­füh­rung von Min­dest­löh­nen in der Leih­ar­beits­bran­che geht oder um die Fol­gen der Ta­rif­un­fä­hig­keit der Ta­rif­ge­mein­schaft Christ­li­cher Ge­werk­schaf­ten für Zeit­ar­beit und Per­so­nal­ser­vice­agen­tu­ren (CG­ZP) - die Zeit­ar­beit ist seit Jah­ren in al­ler Mun­de.

Kaum ver­wun­der­lich, denn im­mer­hin be­schäf­tigt die Bran­che der­zeit na­he­zu 900.000 Men­schen.

Doch schei­nen die Pro­ble­me bei der Be­zah­lung von Zeit­ar­bei­tern mit der Ein­füh­rung ei­nes all­ge­mein­ver­bind­li­chen ta­rif­li­chen Min­dest­lohns nicht be­ho­ben zu sein. Ei­ne Stu­die, die das Rhei­nisch-West­fä­li­sche In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung (RWI) im Auf­trag der Ber­tels­mann Stif­tung durch­ge­führt hat, ent­hält neue Zah­len, die ei­ne sol­che Schief­la­ge bei der Be­zah­lung von Leih­ar­beit­neh­mern un­ter­mau­ern.

Der Stu­die zu­fol­ge boomt die Leih­ar­beits­bran­che. Et­wa je­de drit­te der bei der Bun­des­agen­tur für Ar­beit ge­mel­de­ten of­fe­nen Stel­len wird von ei­nem Zeit­ar­beits­be­trieb an­ge­bo­ten. Zu den Kun­den der Ver­lei­her­be­trie­be zäh­len meist mitt­le­re und gro­ße Un­ter­neh­men. Da­bei grei­fen Groß­un­ter­neh­men eher als Mit­tel­ständ­ler auf die Leih­ar­beit als In­stru­ment ei­nes fle­xi­blen Per­so­nal­ma­nage­ments zu­rück.

In der Leih­ar­beit be­schäf­tigt sind über­pro­por­tio­nal vie­le Män­ner, Per­so­nen mitt­le­ren Al­ters, Aus­län­der und Ar­beit­neh­mer oh­ne ab­ge­schlos­se­ne Be­rufs­aus­bil­dung. Deut­lich über­re­prä­sen­tiert sind Fer­ti­gungs­be­ru­fe, wo­hin­ge­gen Dienst­leis­tungs­be­ru­fe und tech­ni­sche Be­ru­fe in der Leih­ar­beits­bran­che sel­te­ner an­zu­tref­fen sind. Den größ­ten An­teil der Leih­ar­beit­neh­mer stel­len nach wie vor die Hilfs­ar­bei­ter.

Die vor­lie­gen­de Un­ter­su­chung wi­der­legt die oft ge­äu­ßer­te Be­fürch­tung, dass Zeit­ar­beit ein­ge­setzt wird, um die Stamm­be­schäf­tig­ten zu er­set­zen. Of­fen­bar ist eher das Ge­gen­teil der Fall, denn nur ein ge­rin­ger An­teil der Kun­den­be­trie­be baut Zeit­ar­beit auf und gleich­zei­tig die Stamm­be­leg­schaft ab. Öf­ter ist zu be­ob­ach­ten, dass Un­ter­neh­men, die Leih­ar­bei­ter be­schäf­ti­gen, ih­re Stamm­be­leg­schaft lang­fris­tig eher auf­stockt ha­ben.

Die Stu­die ent­hält aber nicht nur gu­te Nach­rich­ten, son­dern auch schlech­te. Denn die durch­schnitt­li­chen Ent­gel­te in der Zeit­ar­beit un­ter­schrei­ten deut­lich die an­sons­ten üb­li­chen Löh­ne und Ge­häl­ter. In den neu­en Bun­des­län­dern la­gen die mo­nat­li­chen Brut­to­ent­gel­te so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ger voll­zeit­be­schäf­tig­ter Män­ner und Frau­en in der Zeit­ar­beit im De­zem­ber 2010 rund 40 Pro­zent un­ter den ent­spre­chen­den Durch­schnitts­ein­kom­men in der Ge­samt­wirt­schaft.

Im Bun­des­ge­biet West be­trägt die Dif­fe­renz bei den Frau­en rund 40 Pro­zent. Bei den Män­nern be­trägt der Un­ter­schied so­gar gan­ze 50 Pro­zent. Und der Ver­gü­tungs­rück­stand hält sich über die Jah­re: Für kei­ne der o.g. Ar­beit­neh­mer­grup­pen hat sich der Rück­stand auf die Ent­gel­te ver­gleich­ba­rer Ar­beit­neh­mer au­ßer­halb der Zeit­ar­beits­bran­che seit 2003 nen­nens­wert ge­än­dert.

Al­ler­dings weist die Stu­die auch dar­auf hin, dass sich die Lohn­un­ter­schie­de teil­wei­se durch in­di­vi­du­el­le Merk­ma­le der Zeit­ar­bei­ter er­klä­ren las­sen. Denn sie kom­men häu­fig nach lan­ger Ar­beits­lo­sig­keit in ei­nen Ent­lei­her­be­trieb und müs­sen dort zu­nächst ein­ge­ar­bei­tet wer­den. Zu­dem zeich­nen sich ih­re Le­bens­läu­fe häu­fig durch Brü­che und Ar­beits­lo­sig­keit aus. Ih­re Pro­duk­ti­vi­tät ist da­mit an­fangs ge­rin­ger als die ih­rer Kol­le­gen aus der Stamm­be­leg­schaft, so­lan­ge sie nicht mit ih­ren neu­en Auf­ga­ben ver­traut sind.

Da­mit un­ter­schei­den sich Leih­ar­beit­neh­mer, zu­min­dest zu Be­ginn ih­rer Tä­tig­keit im Ent­lei­her­be­trieb, von den durch­schnitt­li­chen Be­schäf­tig­ten und die­se Un­ter­schie­de schla­gen sich üb­li­cher­wei­se in ei­nem ge­rin­ge­ren Lohn nie­der. Da­zu kommt, dass es sich hier­bei oft um An­lern- oder Aus­hilfs­tä­tig­kei­ten han­delt, ins­be­son­de­re wenn die Leih­ar­beit­neh­mer über kei­ne ab­ge­schlos­se­ne Be­rufs­aus­bil­dung ver­fü­gen.

Da­mit lässt sich je­doch nur ein Teil des Lohn­ge­fäl­les er­klä­ren. Die For­de­rung, die­ses Ge­fäl­le im Lau­fe der Zeit ab­zu­bau­en, ist da­her be­rech­tigt. Denn ar­bei­tet ein Leih­ar­bei­ter über län­ge­re Zeit für das­sel­be Un­ter­neh­men, stei­gert er dort auch sei­ne Leis­tung.

Die Stu­die zeigt so­mit, dass Leih­ar­beit für Ar­beits­lo­se ei­ne „Brü­cke“ zu­rück ins Er­werbs­le­ben schla­gen kann. Wür­de man be­reits ab Be­ginn des Leih­ar­beits­ein­sat­zes an ei­ne glei­che Be­zah­lung von Leih­ar­beit­neh­mern und Stamm­kräf­ten vor­schrei­ben, wür­den sich vor­aus­sicht­lich die Chan­cen für Leih­ar­beit­neh­mer ver­rin­gern, über die Leih­ar­beit wie­der in Be­schäf­ti­gung zu kom­men. Denn auch das hat die vor­lie­gen­de Er­he­bung be­legt: Die Stamm­be­leg­schaft wird durch Leih­ar­beit eher auf­ge­baut als dass sie durch Leih­ar­beit er­setzt wird.

Fa­zit: Ob­wohl die Stu­die zeigt, dass Leih­ar­beit nicht den Ef­fekt hat, re­gu­lä­re Be­schäf­ti­gung zu ver­drän­gen, kann sie die den­noch die Stamm­be­leg­schaft un­ter Druck set­zen und ei­nen Bei­trag da­zu leis­ten, dass de­ren Lohn­ni­veau ab­ge­senkt wird.

Des­halb spricht sich die Ber­tels­mann-Stu­die da­für aus, die Be­zah­lung von Leih­ar­bei­tern an die Ver­gü­tung der Stamm­kräf­te an­zu­glei­chen, wenn der Ar­beits­ein­satz in dem­sel­ben Ein­satz­un­ter­neh­men län­ger als drei Mo­na­te dau­ert („Equal Pay“). Da­mit wür­den et­wa 490.000 von 910.000 Zeit­ar­bei­tern in Deutsch­land deut­lich mehr Ge­halt be­kom­men, so schät­zen die Wis­sen­schaft­ler.

Ei­ne sol­che An­he­bung auf „Equal Pay“ wür­de die Ge­fahr ver­rin­gern, dass zum Stich­tag der An­he­bung die vor­han­de­nen Leih­ar­beit­neh­mer durch neue er­setzt wer­den, um ei­ne An­glei­chung der Löh­ne zu ver­mei­den. In die­sem Fall müss­ten die Ar­beit­ge­ber ei­ne hö­he­re Fluk­tua­ti­ons­ra­te ein­kal­ku­lie­ren und stän­dig neue Kräf­te ein­ar­bei­ten. Ein sol­cher er­heb­li­cher Zeit­auf­wand wird sich oft­mals nicht für sie rech­nen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 18. November 2015

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