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ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/047

Wenn die Luft raus ist - In­ne­re Kün­di­gung nicht aus­sit­zen

An­we­send, aber ei­gent­lich gar nicht da: Man­che sind im Job nicht rich­tig bei der Sa­che. Sie iden­ti­fi­zie­ren sich nicht mit ih­rem Ar­beit­ge­ber und se­hen kei­nen Sinn in ih­rer Tä­tig­keit. Die in­ne­re Kün­di­gung ist die Fol­ge. Ab­tun soll­te man das Pro­blem nicht
Kündigung auf Postit (Klebezettel) Wie kann ei­ne emo­tio­na­le Bin­dung zum Un­ter­neh­men auf­ge­baut wer­den?

13.02.2017. (dpa) - Schlech­te Lau­ne am Mon­tag­mor­gen, Egal-Ein­stel­lung dem Ar­beit­ge­ber ge­gen­über und höchs­tens noch Dienst nach Vor­schrift: Wenn es ei­nem so geht, soll­ten beim Mit­ar­bei­ter al­le Alarm­glo­cken läu­ten.

Denn das kön­nen An­zei­chen für ein ernst­haf­tes Pro­blem im Job sein – die in­ne­re Kün­di­gung.

Höchs­te Zeit, et­was zu än­dern.

Denn wer ver­sucht, die Si­tua­ti­on aus­zu­hal­ten und nichts un­ter­nimmt, ris­kiert see­li­sche und kör­per­li­che Be­schwer­den.

"Wer in­ner­lich ge­kün­digt hat, iden­ti­fi­ziert sich nicht mehr mit dem Un­ter­neh­men", er­klärt Anet­te Wahl-Wa­chen­dorf, Vi­ze­prä­si­den­tin des Ver­bands der Werks- und Be­triebs­ärz­te. Der Mit­ar­bei­ter ist nicht mehr mit dem Ar­beit­ge­ber ver­bun­den und han­delt ge­ge­be­nen­falls nicht mehr loy­al.

Das Pro­blem der in­ne­ren Kün­di­gung scheint nicht ge­ra­de sel­ten zu sein. Das Be­ra­tungs­un­ter­neh­men Gal­lup hat 1.429 Ar­beit­neh­mer be­fragt und her­aus­ge­fun­den: 16 Pro­zent ha­ben kei­ne emo­tio­na­le Bin­dung zu ih­rem Un­ter­neh­men – sie ha­ben in­ner­lich ge­kün­digt. Laut ei­ner Stu­die der von Kas­sen und Un­fall­ver­si­che­rern ge­tra­ge­nen Initia­ti­ve Ge­sund­heit und Ar­beit (iga) un­ter 381 Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen in­ter­es­siert sich de­ren Schät­zun­gen zu­fol­ge je­der fünf­te Ar­beit­neh­mer nicht mehr für sei­nen Job und macht nur noch das Nö­tigs­te.

Zur in­ne­ren Kün­di­gung kommt es nicht von heu­te auf mor­gen. Viel­mehr ist das ein schlei­chen­der Pro­zess. "Vie­le spü­ren zu­nächst ei­ne in­ne­re Un­ru­he und ha­ben das Ge­fühl, nicht mehr an­ge­kom­men zu sein", er­klärt die Kar­rie­r­e­be­ra­te­rin Ute Böl­ke aus Wies­ba­den. "Auch sich schon sonn­tags vor Mon­tag zu gru­seln und schlecht zu schla­fen, ist ein Warn­si­gnal."

Öf­ter krank sein, sich selbst und sei­ne Hob­bys ver­nach­läs­si­gen, die schlech­te Stim­mung aus dem Job auch ins Pri­vat­le­ben tra­gen, kei­nen Sinn mehr in sei­ner Ar­beit se­hen – wer der­ar­ti­ges bei sich be­merkt, gibt bes­ser auf sich Acht. "Ein ers­tes un­an­ge­neh­mes Ge­fühl soll­te man nicht dra­ma­ti­sie­ren, aber wenn sich die An­zei­chen häu­fen, soll­te man et­was un­ter­neh­men", sagt Lo­thar Drat vom Ver­ein ge­gen psy­cho­so­zia­len Stress und Mob­bing in Wies­ba­den.

Be­vor man et­was un­ter­nimmt, ist Ur­sa­chen­for­schung wich­tig. Wahl-Wa­chen­dorf emp­fiehlt da­für zu­nächst ein Ge­spräch – Freun­de und Fa­mi­lie sind ers­te An­sprech­part­ner. Pro­fes­sio­nell un­ter­stützt der Be­triebs­arzt. "Wenn das Ver­hält­nis ent­spre­chend ver­trau­ens­voll ist, emp­fiehlt sich ein Ge­spräch mit dem Vor­ge­setz­ten." Be­trof­fe­ne kön­nen sich bei die­ser Pro­ble­ma­tik auch an den Be­triebs­rat wen­den. Das ma­che vor al­lem Sinn, wenn der Grund für die in­ne­re Kün­di­gung Pro­ble­me mit dem Vor­ge­setz­ten sind, sagt Wahl-Wa­chen­dorf.

Die Ur­sa­chen kön­nen viel­fäl­tig sein, sagt Be­ra­ter Drat. Et­wa Kon­kur­renz, Neid oder An­ti­pa­thi­en un­ter Kol­le­gen so­wie zu viel oder zu we­nig Ar­beit oder Auf­ga­ben, die nicht zu ei­nem pas­sen. Ein zen­tra­les Pro­blem sei aber oft der Füh­rungs­stil, ge­nau­er ge­sagt: man­geln­de An­er­ken­nung und feh­len­des Feed­back vom Chef. Wer aus sol­chen Grün­den über­haupt nicht mehr ger­ne zur Ar­beit geht, ist zu­nächst meist un­zu­frie­den. Dem folgt oft die in­ne­re Kün­di­gung. Drat er­klärt aber: "Ar­bei­ten muss nicht nur an­ge­nehm sein. Aber es muss an­ge­neh­me Ele­men­te ha­ben."

Wenn das nicht mehr der Fall ist, kann man zu­nächst ver­su­chen, die Un­zu­frie­den­heit bei der Ar­beit über das Pri­vat­le­ben aus­zu­glei­chen: Sport trei­ben, Freun­de tref­fen, sich ein Hob­by su­chen. "Das Le­ben soll­te nicht nur aus Ar­beit be­ste­hen", sagt Böl­ke. Wenn man ei­ne kon­kre­te Ur­sa­che im Job aus­ge­macht hat, lässt sich un­ter Um­stän­den auch an der Stel­le ge­gen­steu­ern: Wer sich un­ter­for­dert fühlt, kann viel­leicht ei­ne Wei­ter­bil­dung ma­chen, wem das Feed­back fehlt, soll­te das bei sei­nem Chef ein­for­dern, rät Böl­ke. Wer sich in sei­ner Ab­tei­lung un­wohl fühlt, wird auf Wunsch viel­leicht ver­setzt.

Das Pro­blem: "Vie­le Men­schen re­du­zie­ren ge­nau das, was ih­nen ei­gent­lich gut­tut, wenn es schwie­rig wird", sagt Drat. Das ver­schlim­mert die Si­tua­ti­on zu­sätz­lich und ist ge­nau das, was man kei­nes­falls tun soll­te: aus­hal­ten und wei­ter durch­zie­hen. Man­che Be­trof­fe­ne kön­nen nicht mehr schla­fen, sind we­ni­ger ge­nuss­fä­hig, stän­dig mü­de und er­schöpft, de­pres­siv ver­stimmt oder ent­wi­ckeln so­gar ei­ne De­pres­si­on. Hin­zu kön­nen zum Bei­spiel Ma­gen- und Kopf­schmer­zen kom­men. "Wer sich stark über die Ar­beit de­fi­niert und über län­ge­re Zeit kei­ne Wert­schät­zung er­fährt, ist deut­lich ge­fähr­de­ter für psy­cho­so­ma­ti­sche Be­schwer­den als ein Be­schäf­tig­ter, der ei­nen Aus­gleich in Frei­zeit und Fa­mi­lie lebt", sagt Wahl-Wa­chen­dorf.

Dann hilft manch­mal nur noch ei­nes: Die in­ne­re Kün­di­gung in die Tat um­set­zen. Aber Vor­sicht: Auch beim neu­en Job soll­te man sich ge­nau über­le­gen, was man will. Wem zum Bei­spiel Wei­ter­ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten feh­len, soll­te beim neu­en Ar­beit­ge­ber ge­nau nach den Aus­sich­ten fra­gen – sonst droht er­neut die in­ne­re Kün­di­gung.

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Letzte Überarbeitung: 16. Oktober 2018

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