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Mehr als drei Mil­lio­nen Men­schen mit Ne­ben­job

Noch nie hat­ten in Deutsch­land so vie­le Men­schen ei­nen Ne­ben­job wie der­zeit. Ar­beits­markt­for­scher kri­ti­sie­ren: Dar­un­ter sei­en vie­le Gut­ver­die­ner, die von der Ab­ga­ben­frei­heit pro­fi­tie­ren
Mobiler Hotdogverkäufer mit Fahrradverkaufsstand War­um ha­ben so vie­le Be­schäf­tig­te noch ei­nen Ne­ben­job?

25.03.2014. (dpa) - Die Zahl der Be­schäf­tig­ten mit ei­nem Ne­ben­job hat in Deutsch­land ei­nen Re­kord­wert er­reicht.

Im ver­gan­ge­nen Jahr hat­ten laut Da­ten des In­sti­tuts für Ar­beits­markt- und Be­rufs­for­schung (IAB) erst­mals mehr als drei Mil­lio­nen Men­schen ne­ben ih­rem Haupt­be­ruf ei­nen Zweit­job.

Die Zahl der Ar­beit­neh­mer mit ei­nem Ne­ben­job hat sich da­mit seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung mehr als ver­drei­facht auf zu­letzt 3,02 Mil­lio­nen.

In die­sem Jahr rech­net das IAB er­neut mit ei­ner leich­ten Zu­nah­me.

Zu­erst hat­te die "Ber­li­ner Zei­tung" (Mon­tag) dar­über be­rich­tet.

Ein we­sent­li­cher Grund für den An­stieg sei­en Ver­güns­ti­gun­gen für Zweit­jobs, die die Po­li­tik im Zu­ge der Hartz-Re­for­men be­schlos­sen ha­be, sagt IAB-For­scher En­zo We­ber. Die meis­ten Be­schäf­tig­ten mit Ne­ben­job - mehr als 2 Mil­lio­nen - hät­ten ne­ben ih­rem Haupt­be­ruf ei­nen Mi­ni­job. Seit 2003 ist der Hin­zu­ver­dienst für die Be­schäf­tig­ten hier prak­tisch steu­er- und ab­ga­ben­frei.

Des­halb lohnt sich der Mi­ni­job oft fi­nan­zi­ell mehr als ei­ne ent­spre­chen­de Aus­wei­tung der Ar­beits­zeit im Haupt­job: Bei 8,50 Eu­ro St­un­den­lohn müss­te ein Ar­beit­neh­mer laut dem ar­beit­ge­ber­na­hen In­sti­tut der deut­schen Wirt­schaft (IW/Köln) in Voll­zeit rund 17 Eu­ro im Haupt­job ver­die­nen, da­mit sich die­ser mehr lohnt als der Mi­ni­job.

We­ber kri­ti­siert: "Es ist schwer nach­voll­zieh­bar, war­um man den Zweit­job so be­güns­tigt." Ent­las­tet wür­den da­mit näm­lich nicht nur Ge­ring­ver­die­ner, die aus fi­nan­zi­el­len Grün­den zwei Jobs über­neh­men müs­sen. Von der Re­ge­lung pro­fi­tier­ten auch Gut­ver­die­ner mit ei­ner Ne­ben­tä­tig­keit. Laut We­ber müss­te viel­mehr dif­fe­ren­ziert wer­den: "Bei Ge­ring­ver­die­nern müss­te man grund­sätz­lich die Be­las­tung re­du­zie­ren. Das nur über den Zweit­job zu tun, ist we­nig ziel­ge­nau."

Ei­gent­lich sol­len Mi­ni­jobs zu­sätz­li­che Ar­beits­mög­lich­kei­ten für Ge­ring­ver­die­ner schaf­fen und die Hür­den für ei­ne Ein­stel­lung sen­ken. Die Ver­diens­to­ber­gren­ze liegt bei 450 Eu­ro.

Der Zu­wachs bei den Be­schäf­tig­ten mit Ne­ben­jobs hat sich zu­letzt aber ver­lang­samt. 2007 gab es im Ver­gleich zum Vor­jahr noch 184 000 mehr. Von 2012 auf 2013 nahm ih­re Zahl nur noch um 52 000 zu. Der An­teil der Ne­ben­job­ber an al­len be­schäf­tig­ten Ar­beit­neh­mern liegt der­zeit bei acht Pro­zent. Ne­ben­jobs ge­be es vor al­lem im Gast­ge­wer­be und im Ge­sund­heits­we­sen. Den­noch sei­en sie über den ge­sam­ten Ar­beits­markt "breit ge­streut", sagt We­ber. Auch je­der hoch qua­li­fi­zier­te bei­spiels­wei­se in der IT-Bran­che kön­ne ei­nen Ne­ben­job an­neh­men.

Ein wei­te­rer Grund für die Zu­nah­me der Ne­ben­tä­tig­kei­ten sei der all­ge­mei­ne Job-Boom. "Die Be­schäf­ti­gung ist ins­ge­samt deut­lich ge­stie­gen, der Be­darf bei der Ar­beit­ge­bern nach Fach­kräf­ten ist sehr hoch. Da­von ha­ben auch die Ne­ben­job­ber pro­fi­tiert", sagt der IAB-For­scher. Das IW er­gänzt, dass bei man­chen Ar­beit­neh­mern die Haupt­be­schäf­ti­gung auch nur ein Teil­zeit­job ist, bei dem die Ar­beits­zeit nicht wie ge­wünscht aus­ge­wei­tet wer­den kann. Als Al­ter­na­ti­ve blei­be dann nur ein zu­sätz­li­cher Mi­ni­job.

Die Lin­ke im Bun­des­tag be­zeich­ne­te die Zu­nah­me von Zweit­jobs als "Alarm­zei­chen". Mi­ni­jobs müss­ten drin­gend voll so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig wer­den, sag­te die ar­beits­markt­po­li­ti­sche Spre­che­rin, Sa­bi­ne Zim­mer­mann. Auch die Ge­werk­schaft Nah­rung-Ge­nuss-Gast­stät­ten (NGG) for­dert: "Not­wen­dig ist die So­zi­al­ver­si­che­rungs­pflicht von der ers­ten St­un­de an." Nur so könn­ten ver­steck­te Sub­ven­tio­nen be­sei­tigt wer­den.

Im Gast­ge­wer­be ar­bei­te­ten mitt­ler­wei­le et­wa 870 000 Be­schäf­tig­te mit ei­nem Mi­ni­job, vor al­lem Frau­en. Die Be­zah­lung lie­ge meist un­ter dem Ta­rif­lohn. Nur noch je­der zwei­te Ar­beits­platz im Gast­ge­wer­be sei so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig - mit sin­ken­der Ten­denz. "Mi­ni­job­ber wer­den ge­kö­dert mit der Aus­sicht, kei­ne Steu­ern und Ab­ga­ben zu zah­len, und ver­har­ren in der Nied­rig­lohn­fal­le - oh­ne Aus­sicht auf re­gu­lä­re Be­schäf­ti­gung." Au­ßer­dem wür­den Mi­ni­jobs oft ge­nutzt, um Schwarz­ar­beit zu ver­ste­cken. Zwar wer­de ein Mi­ni­job an­ge­mel­det, ge­ar­bei­tet wer­de je­doch we­sent­lich mehr.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 9. Juli 2016

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