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Fit in die Nacht – So ach­ten Schicht­ar­bei­ter auf ih­re Ge­sund­heit

Schicht­ar­beit gilt als gro­ße Be­las­tung für Psy­che, Ge­sund­heit und das Fa­mi­li­en­le­ben: Trotz­dem ar­bei­tet rund je­der ach­te Er­werbs­tä­ti­ge zu wech­seln­den Ar­beits­zei­ten. Wie blei­ben sie ge­sund?
Berlin bei Nacht Wor­auf soll­ten Schicht­ar­bei­ter ach­ten?

12.12.2016. (dpa) - Ein Früh­auf­ste­her war Ste­fan Scherf nie.

Den­noch ar­bei­tet er an die­sem Sonn­tag­mor­gen schon um 6.00 Uhr in ei­ner Tier­fut­ter-Ab­füll­an­la­ge in Sach­sen-An­halt.

In der Fa­brik hat der 26-jäh­ri­ge Pro­duk­ti­ons­tech­ni­ker aus Wei­ßen­fels sei­ne Aus­bil­dung ge­macht.

Sei­nen Meis­ter hat er noch vor sich.

"In der Aus­bil­dung hast du dir über die Schicht­ar­beit noch kei­nen Kopf ge­macht", er­klärt er.

Stö­ren tue ihn die Schicht­ar­beit aber auch nicht. "In mei­nem Be­ruf ist das al­les Schicht­be­trieb. Wie willst du es än­dern? Du willst ja ar­bei­ten ge­hen."

Er und sei­ne Kol­le­gen ar­bei­ten im Vier­schicht­sys­tem. Das be­deu­tet: Die Pro­duk­ti­on läuft 24 St­un­den am Tag un­un­ter­bro­chen, sie­ben Ta­ge die Wo­che. Un­ter den 150 Mit­ar­bei­tern in Hal­le wer­den Früh-, Spät- und Nacht­schich­ten auf­ge­teilt. St­un­den, die Ste­fan mehr ge­ar­bei­tet hat, sam­melt er auf ei­nem Ar­beits­zeit­kon­to.

Ar­bei­ten, wenn der Part­ner schla­fen geht und frei ha­ben, wenn die Freun­de im Bü­ro sit­zen: Das kann nicht nur ei­ne gro­ße Be­las­tung für Be­zie­hun­gen und Freund­schaf­ten sein, son­dern auch für Ge­sund­heit und Leis­tungs­fä­hig­keit. Im­mer­hin folgt der Kör­per ei­nem na­tür­li­chen Schlaf-Wach-Rhyth­mus: Das Ta­ges­licht hat gro­ßen Ein­fluss auf Ver­dau­ung, Wohl­be­fin­den und vie­les mehr.

Laut der ge­werk­schafts­na­hen Hans-Böck­ler-Stif­tung ar­bei­ten 15,8 Pro­zent der Er­werbs­tä­ti­gen in wech­seln­den Schich­ten. "Nicht je­der Mensch ist für Schicht­ar­beit ge­eig­net. Ei­ne gu­te kör­per­li­che und psy­chi­sche Ge­sund­heit ist ei­ne wich­ti­ge Vor­aus­set­zung", sagt Psy­cho­lo­gie-Pro­fes­sor Han­nes Za­cher von der Uni­ver­si­tät Leip­zig.

Jün­ge­re und ge­sun­de Men­schen er­le­ben ge­ne­rell we­ni­ger Be­ein­träch­ti­gun­gen durch Schicht­ar­beit, so Za­cher. Da­zu kom­men laut dem Psy­cho­lo­gen an­de­re Fak­to­ren: Hat ein Mit­ar­bei­ter Er­fah­rung mit un­re­gel­mä­ßi­gen Ar­beits­zei­ten und passt das Schicht­sys­tem zu sei­ner in­ne­ren bio­lo­gi­schen Uhr, kön­ne das die ne­ga­ti­ven Fol­gen von Schicht­ar­beit min­dern. Wich­tig sei­en ei­ne po­si­ti­ve Ein­stel­lung zur Ar­beit so­wie ein ge­sun­des Ess- und Schlaf­ver­hal­ten.

Rich­tig es­sen und schla­fen - das Wis­sen dar­über hat sich Ste­fan Scherf selbst an­ge­eig­net. Wäh­rend sei­ner Aus­bil­dung hat er sich dar­über mit er­fah­re­nen Kol­le­gen aus­ge­tauscht und sich im In­ter­net in­for­miert. "Du musst da schon ein biss­chen auf­pas­sen. Ich hat­te am An­fang durch die­ses un­re­gel­mä­ßi­ge Es­sen zu­ge­nom­men. Seit­dem ge­he ich wie­der re­gel­mä­ßig trai­nie­ren – zum Aus­gleich", sagt er.

Der men­sch­li­che Kör­per passt sich an die stän­dig wech­seln­den Ar­beits­zei­ten nur be­grenzt an. "Prak­tisch al­le Kör­per­funk­tio­nen un­ter­lie­gen ei­nem ta­ges­pe­ri­odi­schen Wech­sel. Ein wich­ti­ger Ein­fluss­fak­tor ist hier­bei das Licht", er­klärt Ri­car­da Hol­torf von der Deut­schen Ge­sell­schaft für Er­näh­rung.

Dar­um sei es wich­tig, sich auch bei Schicht­ar­beit aus­ge­wo­gen zu er­näh­ren. Sü­ße oder sal­zi­ge Snacks soll­ten Schicht­ar­bei­ter eher ver­mei­den. Statt­des­sen emp­fiehlt Hol­torf Jo­ghurt mit fri­schem Obst, Voll­korn­brot mit Frisch­kä­se und Pa­pri­ka­strei­fen. Mahl­zei­ten soll­ten le­cker, leicht ver­dau­lich und aus­ge­wo­gen sein.

Auch die rich­ti­gen Ge­trän­ke sei­en wich­tig. "Grei­fen Sie hier zu war­men und kal­ten Ge­trän­ken oh­ne Kof­fe­in, wie Trink- oder Mi­ne­ral­was­ser, Früch­te-, Kräu­ter- oder Rot­busch­tee."

Wer ar­bei­tet, wenn an­de­re schla­fen, hat es auch mit Freun­den und Fa­mi­lie nicht leicht. Ste­fan Scherf spürt das in sei­nem Freun­des­kreis. "Vie­le mei­ner bes­ten Freun­de ar­bei­ten im Schicht­dienst und auch mei­ne Part­ne­rin", er­zählt er. Manch­mal sei das schwie­rig, wenn sich die Ar­beits­zei­ten über­schnei­den.

Ins­be­son­de­re für El­tern ist die Schicht­ar­beit ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung. Sie ha­ben recht­lich ge­se­hen kei­nen An­spruch auf be­stimm­te Ar­beits­zei­ten. Da müs­se man gut or­ga­ni­siert und fle­xi­bel sein.

Gu­te Pla­nung sei ge­ne­rell wich­tig, er­klärt Psy­cho­lo­ge Han­nes Za­cher. "Nut­zen Sie die Zeit mit ih­rem Part­ner, Kin­dern und Freun­den sinn­voll, an­statt nur fern­zu­se­hen. Er­stel­len Sie ei­nen Zeit­plan, und pla­nen Sie ge­mein­sa­me Un­ter­neh­mun­gen so­wie Zeit für spon­ta­ne Ak­ti­vi­tä­ten lang­fris­tig ein", so der Psy­cho­lo­ge. Ei­ne ak­ti­ve Teil­nah­me am so­zia­len Le­ben kön­ne das Ri­si­ko für Be­ein­träch­ti­gun­gen auf­grund von Schicht­ar­beit ver­rin­gern.

Vie­le Schicht­ar­bei­ter lei­den un­ter er­heb­li­chen Schlaf­stö­run­gen oder Ma­gen- und Darm­be­schwer­den, so Za­cher. "Stellt der Arzt kör­per­li­che oder psy­chi­sche Be­ein­träch­ti­gun­gen der Ge­sund­heit fest, die durch die Schicht­ar­beit ver­ur­sacht sind, soll­ten sie auf ei­nen Ta­ges­ar­beits­platz wech­seln." Recht­lich ste­he Mit­ar­bei­tern ei­ne Ver­set­zung zu, wenn ih­re Ge­sund­heit ge­fähr­det ist und dem Wech­sel nicht drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se ent­ge­gen­ste­hen.

Nach knapp vier Jah­ren im Schicht­sys­tem hat Ste­fan Scherf sei­nen Rhyth­mus ge­fun­den. Er er­nährt sich be­wuss­ter, sucht den Aus­gleich im Sport. Den braucht er auch, denn an Sonn­ta­gen wie heu­te steht er zwölf St­un­den in der Tier­fut­ter-Fa­brik. Nach so ei­nem Ar­beits­tag gönnt er sich meist ein hei­ßes Bad und geht dann schla­fen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 2. Februar 2017

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