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ARBEITSRECHT AKTUELL // 12/270

Psy­chi­sche Be­las­tun­gen bei der Ar­beit

Ent­wurf ei­ner An­ti-Stress-Ver­ord­nung der IG Me­tall
Pillen - Medikamente Psy­chi­sche Ge­sund­heits­pro­ble­me sind auf dem Vor­marsch

04.08.2012. Psy­chi­sche Er­kran­kun­gen und Stö­run­gen ha­ben im letz­ten Jahr­zehnt sta­tis­tisch ge­se­hen er­heb­lich zu­ge­nom­men.

Da­für gibt es ver­schie­de­ne Grün­de. Ne­ben ver­bes­ser­ten dia­gnos­ti­schen Ver­fah­ren setzt sich bei vie­len Men­schen die Ein­sicht durch, dass psy­chi­sche Pro­ble­me kei­ne Schan­de sind, die man ver­ber­gen müss­te.

Dar­über hin­aus kön­nen die Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen Be­las­tun­gen in der Ar­beits­welt und psy­chi­schen Ge­sund­heits­pro­ble­men im­mer bes­ser be­legt wer­den kön­nen. Da­her wird ver­stärkt dar­über dis­ku­tiert, wie psy­chi­sche Ge­fähr­dun­gen durch die Ar­beit ver­min­dert wer­den kön­nen.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat sich die In­dus­trie­ge­werk­schaft Me­tall (IGM) am 27.06.2012 zu Wort ge­mel­det und ei­ne „Rechts­ver­ord­nung zum Schutz vor Ge­fähr­dun­gen durch ar­beits­be­ding­te psy­chi­sche Be­las­tun­gen“ vor­ge­schla­gen.

Psy­chi­sche Ge­sund­heits­pro­ble­me auf dem Vor­marsch

Der ge­sell­schaft­li­che Wan­del hin zu ei­ner Wis­sens- und In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft fin­det zu ei­nem er­heb­li­chen Teil im Ar­beits­le­ben statt. Der Preis ständi­ger di­gi­ta­ler „Ver­bes­se­run­gen“ von Ar­beits­abläufen sind verstärk­te Fle­xi­bi­litäts­zu­mu­tun­gen für Ar­beit­neh­mer: Im­mer neue Wei­ter­bil­dungs­an­for­de­run­gen, ho­her Ter­min­druck und zu­neh­men­de Kom­ple­xität von Ar­beits­abläufen las­sen die Gren­zen wi­schen Pri­vat­le­ben und Be­ruf ver­schwim­men.

Bur­nout ist da­her al­les an­de­re als ein bloßes Mo­de­the­ma (wir be­rich­te­ten zu­letzt in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/222 Ar­beits­unfähig­keit we­gen psy­chi­scher Lei­den steigt wei­ter). Doch nicht nur Über­be­las­tung, son­dern auch Un­ter­for­de­rung und zu ge­rin­ge Kon­trol­le über die Er­geb­nis­se der ei­ge­nen Ar­beit sind stress­auslösen­de Fak­to­ren (Stres­so­ren), die lang­fris­tig der psy­chi­schen Ge­sund­heit scha­den können. Im Er­geb­nis kommt „Frust“ auf, der ir­gend­wann in per­ma­nen­ter Erschöpfung und im schlimms­ten Fall im Bur­nout mündet.

Die­se Zu­sam­menhänge wer­den in letz­ter Zeit verstärkt dis­ku­tiert. Hier­zu trägt auch die „An­ti-Stress-Initia­ti­ve“ der IG Me­tall bei. Nach An­sicht der IG Me­tall be­steht ei­ne recht­li­che Re­ge­lungslücke, die mit ei­ner „Rechts­ver­ord­nung zum Schutz vor Gefähr­dun­gen durch ar­beits­be­ding­te psy­chi­sche Be­las­tun­gen“ ge­schlos­sen wer­den soll­te. Die IG Me­tall hat da­her En­de Ju­ni den Ent­wurf ei­ner An­ti-Stress-Ver­ord­nung vor­ge­legt und in ei­ner le­sens­wer­ten Broschüre veröffent­licht.

Gründe für ei­ne An­ti-Stress-Ver­ord­nung

Der Vor­schlag der IG Me­tall ist ar­beits­schutz­recht­lich sys­tem­kon­form, denn der Schutz der psy­chi­schen Ge­sund­heit ist un­be­strit­ten Teil des Ar­beits­schut­zes. Die­ser ist in dem all­ge­mein ge­hal­te­nen Ar­beits­schutz­ge­setz (Ar­bSchG) ent­hal­ten so­wie in sie­ben auf der Grund­la­ge des Ar­bSchG er­gan­ge­nen Ver­ord­nun­gen. De­tails fin­den sich schließlich in ergänzen­den tech­ni­schen Re­geln. Hier setzt der Vor­schlag der IG Me­tall an, in­dem er die be­ste­hen­den Ar­beits­schutz­ver­ord­nun­gen um ei­ne wei­ter ergänzen will.

Das kom­pli­zier­te Nor­men­ge­flecht des be­ste­hen­den Ar­beits­schutz­rechts re­gelt zwar de­tail­liert, dass und Ge­sund­heits­ge­fah­ren am Ar­beits­platz be­ur­teilt und ggf. kor­ri­giert wer­den müssen. Tra­di­tio­nell geht es da­bei aber in ers­ter Li­nie um die körper­li­che Ge­sund­heit von Ar­beit­neh­mern, al­so z.B. um zulässi­ge Geräusch­pe­gel, um die aus­rei­chen­de Belüftung von Be­triebsräum­en, um Tem­pe­ra­tur­gren­zen und um Ausrüstun­gen zum Schutz vor che­mi­schen oder phy­si­ka­li­schen Ein­wir­kun­gen.

Da­her muss man schon ge­nau­er hin­schau­en, um dar­auf zu kom­men, dass z.B. in § 3 Abs.1, § 4 Nr.1 Ar­bSchG mit „Ge­sund­heit“ auch die psy­chi­sche Ge­sund­heit ge­meint ist und dass die­se Di­men­si­on von Ge­sund­heit ein As­pekt des Ziels ei­ner „men­schen­ge­rech­ten Ge­stal­tung der Ar­beit“ (vgl. § 2 Abs.1 Ar­bSchG) ist. Deut­li­cher ist im­mer­hin § 3 Bild­schirm­ar­beits­ver­ord­nung, der aus­drück­lich ver­langt, dass auch „psy­chi­sche Be­las­tun­gen“ in­fol­ge von Bild­schirm­ar­beit er­mit­telt wer­den müssen.

Das Schat­ten­da­sein des Schut­zes der psy­chi­schen Ge­sund­heit spie­gelt sich in der be­trieb­li­chen Pra­xis wi­der. Be­reits der Schutz der körper­li­chen Ge­sund­heit kommt oft zu kurz. Be­ste­hen­de Vor­schrif­ten wer­den schlicht nicht an­ge­wen­det. Das ist nicht ver­wun­der­lich, da die für die Über­wa­chung zuständi­gen Ämter we­gen Per­so­nal­man­gels nur hin und wie­der Kon­trol­len in den Be­trie­ben durchführen (können). Häufig fehlt es auch ein­fach das Pro­blem­be­wusst­sein.

Beim The­ma psy­chi­sche Ge­sund­heits­ge­fah­ren sind die De­fi­zi­te noch größer. Wenn über­haupt Gefähr­dungs­be­ur­tei­lun­gen durch­geführt wer­den, spie­len psy­chi­sche As­pek­te kaum ei­ne Rol­le, ganz zu schwei­gen von der wei­te­ren Fra­ge, ob und wie Gefähr­dun­gen der psy­chi­schen Ge­sund­heit kor­ri­giert wer­den könn­ten.

Gren­zen ei­ner An­ti-Stress-Ver­ord­nung

Ob­wohl es da­her ei­gent­lich Grund ge­nug für ei­ne „spe­zi­ell“ auf psy­chi­sche Ge­sund­heits­ge­fah­ren zu­ge­schnit­te­ne Ar­beits­schutz­ver­ord­nung gibt, zeigt der Vor­schlag der IG Me­tall, dass ei­ne sol­che Ver­ord­nung leich­ter zu for­dern als zu rea­li­sie­ren ist. Um das Er­geb­nis vor­weg­zu­neh­men: Die An­ti-Stress-Ver­ord­nung bleibt in al­len ein­zel­nen Be­stim­mun­gen so all­ge­mein, dass sie letzt­lich kei­nen prak­ti­schen Wert hätte.

So soll der Ar­beit­ge­ber zwar zur Ver­mei­dung von Ge­fah­ren für die psy­chi­sche Ge­sund­heit ver­pflich­tet wer­den und zu ei­ner dar­auf be­zo­ge­nen Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung, doch macht die Ver­ord­nung da­zu kei­ne kla­ren Vor­ga­ben. Denn als „Be­ur­tei­lungs­kri­te­ri­en“ für die Aus­ge­stal­tung von Ar­beits­auf­ga­ben wer­den ei­ner­seits Ver­mei­dung von „Un­ter­for­de­rung“, an­der­seits aber auch die Ver­mei­dung „von qua­li­ta­ti­ver und quan­ti­ta­ti­ver Über­for­de­rung“ ge­nannt.

Wei­ter­hin soll ein „übermäßige emo­tio­na­le In­an­spruch­nah­me“ ver­mie­den wer­den, den Beschäftig­ten aber auch „zeit­li­cher und in­halt­li­cher Tätig­keits­spiel­raum“ ver­blei­ben. Ge­for­dert wird auch ei­ne „recht­zei­ti­ge und aus­rei­chend In­for­ma­ti­on“ der Ar­beit­neh­mer.

Die­se Re­ge­lungs­ver­su­che wir­ken hilf­los. Sie zei­gen, dass nach wie vor ei­ne große Un­si­cher­heit darüber be­steht, wie psy­chi­sche Gefähr­dun­gen am Ar­beits­platz pra­xis­taug­lich fest­ge­stellt und be­grenzt wer­den können. Die da­mit ver­bun­de­nen sach­li­chen Schwie­rig­kei­ten kann auch die An­ti-Stress-Ver­ord­nung der IG Me­tall nicht lösen. Die Ge­werk­schaft räumt dem­ent­spre­chend selbst ein, dass ihr Ver­ord­nungs­vor­schlag we­gen der Viel­falt von Ar­beits­platz-Si­tua­tio­nen sehr abs­trakt blei­ben muss.

Al­ter­na­ti­ven zu ei­ner Rechts­ver­ord­nung

An­ge­sichts die­ser Pro­ble­me ist die wei­te­re Er­for­schung der Zu­sam­menhänge von Ar­beits­be­las­tun­gen und psy­chi­schen Er­kran­kun­gen der­zeit wich­ti­ger als der Ver­such ei­ner recht­li­chen Re­gu­lie­rung. Ei­nen Schritt in die­se Rich­tung un­ter­nimmt die Bun­des­an­stalt für Ar­beits­schutz und Ar­beits­me­di­zin (BAuA), die der­zeit an ei­nem Hand­buch mit dem Na­men „Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung bei psy­chi­scher Be­las­tung“ ar­bei­tet. Es soll prak­tisch an­wend­ba­re Me­tho­den der Be­las­tungs­er­fas­sung zu­sam­men­stel­len und 2013 er­schei­nen.

Zu erwähnen sind hier auch die lau­fen­den Ar­bei­ten im Rah­men der Ge­mein­sa­men Deut­schen Ar­beits­schutz­stra­te­gie (GDA), ei­ner vom Bund, den Bun­desländern und den Un­fall­ver­si­che­rungs­trägern ver­ein­bar­ten Initia­ti­ve zur Stärkung von Si­cher­heit und Ge­sund­heit am Ar­beits­platz.

Auch der BKK Bun­des­ver­band ist mit 16 Ko­ope­ra­ti­ons­part­nern ak­tiv ge­wor­den und führt seit 2009 ein Pro­jekt zur Ver­bes­se­rung des Schut­zes der psy­chi­schen Ge­sund­heit am Ar­beits­platz durch. Das Pro­jekt mit dem Na­men „psy­GA-trans­fer“ dient in ers­ter Li­nie der Sen­si­bi­li­sie­rung von Ent­schei­dungs­trägern, dem Sam­meln von In­for­ma­tio­nen und dem Aus­tausch von Er­fah­run­gen.

Ne­ben die­sen Pro­jekt­ar­bei­ten gibt es aber auch kon­kre­te Emp­feh­lun­gen für ei­ne Be­ur­tei­lung psy­chi­scher Gefähr­dun­gen durch die Ar­beit, nämlich die Prüflis­te Psy­chi­sche Be­las­tung der Un­fall­kas­se des Bun­des. Sie enthält ei­nen all­ge­mein verständ­li­chen Fra­ge­bo­gen, der sich an Ar­beit­neh­mer rich­tet bzw. von die­sen aus­zufüllen ist und der die Grund­la­ge für ei­ne Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung ist. Darüber hin­aus enthält die „Prüflis­te“ aber auch Vor­schläge, wie psy­chi­sche Be­las­tun­gen ab­ge­baut wer­den können.

Fa­zit

Es ist der­zeit nicht da­mit zu rech­nen, dass der von der IG Me­tal­ler­ar­bei­te­te Ent­wurf ei­ner An­ti-Stress-Ver­ord­nung um­ge­setzt wer­den wird. Die Bun­des­re­gie­rung hat be­reits ab­ge­winkt. Aus ih­rer Sicht gibt es be­reits genügend vie­le recht­li­che In­stru­men­te, die wir­kungs­voll ge­gen psy­chi­sche Ge­sund­heits­ge­fah­ren am Ar­beits­platz ein­ge­setzt wer­den können.

Trotz­dem ist der Vor­s­toß der IG Me­tall rich­tig, denn das The­ma psy­chi­sche Be­las­tun­gen bei der Ar­beit ver­dient po­li­ti­sche Auf­merk­sam­keit. Da­her ist es ärger­lich, wenn die Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­verbände (BDA) den Zu­sam­men­hang von Ar­beits­be­las­tun­gen und psy­chi­schen Er­kran­kun­gen mit der Be­haup­tung bei­sei­te wischt, die Ur­sa­chen psy­chi­scher Er­kran­kun­gen lägen „meist außer­halb des be­ruf­li­chen Um­felds“. Denn selbst wenn das so sein soll­te, würde es nichts dran ändern, dass auch Be­las­tun­gen bei der Ar­beit zu psy­chi­schen Er­kran­kun­gen führen können, und da­ge­gen muss man dann eben et­was tun.

Als Vor­bild kann der Be­triebs­rat von VW die­nen. Er setz­te für et­wa 1.100 Mit­ar­bei­ter ei­nen E-Mail-Stop außer­halb der Ar­beits­zei­ten durch. Da­mit wur­de zu­min­dest der Stress­fak­tor „ständi­ge Er­reich­bar­keit“ ein­ge­schränkt.

Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 30. September 2016

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