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BAG, Ur­teil vom 15.05.2001, 1 AZR 672/00

   
Schlagworte: Gleichbehandlung
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 1 AZR 672/00
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 15.05.2001
   
Leitsätze:

Die Annahme eines Arbeitgebers, er sei auf Mitarbeiter angewiesen, die ihre berufliche Qualifikation in einem rechtsstaatlichen und marktwirtschaftlichen System erlangt haben, konnte es jedenfalls im Jahr 1996 nicht mehr sachlich rechtfertigen, Arbeitnehmern, die am 2. Oktober 1990 ihren Wohnsitz in der DDR hatten, generell ein niedrigeres Gehalt zu zahlen als Arbeitnehmern, die in diesem Zeitpunkt in den alten Bundesländern ansässig waren.

Ein durch eine solche Gehaltsdifferenzierung benachteiligter Arbeitnehmer kann für abgelaufene Zeiträume die Gleichstellung mit der begünstigten Arbeitnehmergruppe verlangen.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Berlin
Landesarbeitsgericht Berlin
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

1 AZR 672/00
17 Sa 582/00
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Ber­lin

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

15. Mai 2001

UR­TEIL

Schnei­der,

Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

PP.

Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­ons­be­klag­ter,

hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf Grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 15. Mai 2001 durch den Präsi­den­ten des Bun­des­ar­beits­ge­richts Prof. Dr. Wißmann, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Hauck, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Schmidt, die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Wiss­kir­chen und Dr. Blank für Recht er­kannt:
 


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Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 30. Au­gust 2000 - 17 Sa 582/00 - zum Teil auf­ge­ho­ben und un­ter Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on im übri­gen wie folgt ge­faßt:


Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 13. Ja­nu­ar 2000 - 34 Ca 30523/99 - zum Teil ab­geändert und un­ter Zurück­wei­sung der Be­ru­fung im übri­gen wie folgt ge­faßt:


Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger 4.973,87 DM brut­to so­wie 4 % Zin­sen aus dem sich aus je­weils 964,77 DM brut­to er­ge­ben­den Net­to­be­trag seit dem 4. Mai 1999, 2. Ju­ni 1999, 2. Ju­li 1999, 3. Au­gust 1999 und 2. Sep­tem­ber 1999 zu zah­len.

Im übri­gen wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

Die Be­klag­te hat die Kos­ten der ers­ten In­stanz und die der Re­vi­si­on zu tra­gen.

Von den Kos­ten der Be­ru­fung ha­ben der Kläger 87 % und die Be­klag­te 13 % zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob der Kläger we­gen sei­nes Wohn­sit­zes im Bei­tritts­ge­biet nied­ri­ger vergütet wer­den durf­te als Ar­beit­neh­mer aus den al­ten Bun­desländern.


Die Be­klag­te ist ei­ne Nach­fol­ge­ge­sell­schaft der Treu­hand­an­stalt. Sie pri­va­ti­siert seit 1992 land- und forst­wirt­schaft­li­che Flächen in den neu­en Bun­desländern. Die dafür ein­ge­setz­ten Mit­ar­bei­ter der frühe­ren Treu­hand­an­stalt beschäftigt sie fort. Et­wa 100 ih­rer der­zeit 1100 Mit­ar­bei­ter stam­men aus den al­ten Bun­desländern. Sie wer­den wie die übri­gen Beschäftig­ten in der Zen­tra­le in Ost­ber­lin oder in Nie­der­las­sun­gen ein­ge­setzt, die in den neu­en Bun­desländern ge­le­gen sind.

Ih­re Mit­ar­bei­ter vergüte­te die Be­klag­te zunächst nach ei­nem von der Treu­hand­an­stalt über­nom­me­nen Vergütungs­sys­tem. Da­nach er­hiel­ten die aus dem Bei­tritts­ge­biet stam­men­den Ar­beit­neh­mer ein Ge­halt, das an die Be­zah­lung der Staats­be-
 


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diens­te­ten der frühe­ren DDR an­ge­lehnt war. Den Mit­ar­bei­tern aus den al­ten Bun­desländern wur­de ei­ne höhe­re, je­weils in­di­vi­du­ell aus­ge­han­del­te Vergütung ge­zahlt.

Zur Ver­ein­heit­li­chung ih­rer Vergütungs­struk­tu­ren schloß die Be­klag­te mit dem Ge­samt­be­triebs­rat am 15. Ja­nu­ar 1996 ei­ne „Be­triebs­ver­ein­ba­rung über Vergütungs­grup­pen­sys­tem, Ein­grup­pie­rung und Gehälter" (BV). Da­nach er­folgt die Ein­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­mer auf Grund ein­heit­li­cher Merk­ma­le in ei­ne von zehn Ge­halts­grup­pen, de­nen Ge­halts­span­nen mit ins­ge­samt fünf wei­te­ren Un­ter­grup­pen zu­ge­ord­net sind. Da­zu heißt es in der Be­triebs­ver­ein­ba­rung:

„3. Ge­halts­span­nen

3.1 Je­der Ge­halts­grup­pe ist ei­ne Ge­halts­span­ne zwi­schen ei­nem Min­dest- und ei­nem Höchst­be­trag zu­ge­ord­net.

3.2 Für Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter, de­ren ständi­ger Wohn­sitz am 02. Ok­to­ber 1990 in den al­ten Bun­desländern oder in West-Ber­lin lag, exis­tiert zur Zeit ei­ne zwei­te Span­ne, de­ren Ober­gren­ze um den Pro­zent­satz höher ist, der dem Ab­stand zwi­schen den West- und den Ost-Gehältern im Öffent­li­chen Dienst der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ent­spricht.

3.3 Die Ge­halts­span­nen nach 3.1 bzw. 3.2 über­schnei­den sich in der Wei­se, daß das Höchst­ge­halt der je­weils nied­ri­ge­ren Grup­pe über dem Min­dest­ge­halt der nächst höhe­ren Grup­pe liegt.

3.4 Die Ge­halts­span­nen wer­den nach den wirt­schaft­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten der BWG an­ge­paßt wo­bei die je­wei­li­gen Ta­rif­erhöhun­gen im Öffent­li­chen Dienst als Ori­en­tie­rung die­nen sol­len."

Die Höhe des in­di­vi­du­el­len Ge­halts be­stimmt die Be­klag­te durch Ein­ord­nung in ei­ne Ge­halts­grup­pe. Zu die­sen hat die Be­klag­te ei­nen Ge­halts­rah­men auf­ge­stellt, der nach Mit­ar­bei­tern aus den al­ten Bun­desländern und den­je­ni­gen aus den neu­en Bun­desländern un­ter­schei­det. Da­nach er­hal­ten die Mit­ar­bei­ter aus den al­ten Bun­desländern ent­spre­chend dem Ge­halts­rah­men West ei­ne höhe­re Vergütung als Ar­beit­neh­mer der­sel­ben Ge­halts­grup­pe, die aus den neu­en Bun­desländern stam­men.

Der in den neu­en Bun­desländern ansässi­ge und auf­ge­wach­se­ne Kläger ist seit dem 1. Ju­ni 1994 für die Be­klag­te tätig. Er ist in der Vergütungs­grup­pe 8, Leis­tungs­grup­pe a ein­grup­piert. Nach dem Ge­halts­rah­men für die Mit­ar­bei­ter aus den neu­en Bun­desländern können Ar­beit­neh­mer in die­ser Vergütungs­grup­pe ei­nen Brut-
 


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to­mo­nats­ver­dienst zwi­schen 5.948,00 DM bis 6.238,00 DM er­zie­len. Auf die­ser Grund­la­ge setz­te die Be­klag­te das Ge­halt des Klägers auf 6.227,00 DM brut­to fest. Darüber hin­aus er­hielt der Kläger ein Ur­laubs­geld und ei­ne jähr­li­che Son­der­zu­la­ge in Höhe von 15 % bzw. 4,17 % ei­nes Brut­to­mo­nats­ver­diens­tes. Der Ge­halts­rah­men für die Mit­ar­bei­ter aus den al­ten Bun­desländern liegt in der Vergütungs­grup­pe 8 a zwi­schen 6.729,00 DM und 7.210,00 DM brut­to.


Mit sei­ner Kla­ge ver­langt der Kläger für die Mo­na­te April bis Au­gust 1999 ei­ne wei­te­re Brut­to­mo­nats­vergütung von je­weils 965,00 DM, die sich nach der Dif­fe­renz zur Vergütungs­grup­pe 8 a für die Mit­ar­bei­ter aus den al­ten Bun­desländern er­rech­net so­wie ei­ne ent­spre­chen­de Dif­fe­renz zum Ur­laubs­geld in Höhe von 109,62 DM brut­to und zur Son­der­vergütung in Höhe von 40,50 DM brut­to. Der Kläger macht gel­tend, die von der Be­klag­ten prak­ti­zier­te Ent­gelt­dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Mit­ar­bei­tern aus den neu­en und aus den al­ten Bun­desländern sei neun Jah­re nach dem Bei­tritt sach­lich nicht mehr zu recht­fer­ti­gen. Die Höhe sei­nes An­spruchs be­stim­me sich ent­spre­chend der Ein­grup­pie­rungs­ent­schei­dung und Leis­tungs­be­wer­tung der Be­klag­ten so­wie de­ren Über­tra­gung in den Ge­halts­rah­men West.

Der Kläger hat be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 4.975,12 DM nebst 4 % Zin­sen auf den sich aus je­weils 965,00 DM brut­to er­ge­ben­den Net­to­be­trag je­weils seit dem 1. Mai 1999, 1. Ju­ni 1999, 1. Ju­li 1999, 1. Au­gust 1999 und 1. Sep­tem­ber 1999 zu zah­len.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te hat gel­tend ge­macht, der Kläger wer­de ge­genüber ei­nem ver­gleich­ba­ren Mit­ar­bei­ter aus den al­ten Bun­desländern nicht be­nach­tei­ligt. Sie ha­be zunächst das Vergütungs­sys­tem der Treu­hand­an­stalt über­neh­men müssen. Durch die Be­triebs­ver­ein­ba­rung ha­be die Ent­gelt­dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen den Mit­ar­bei­tern aus den al­ten und den neu­en Bun­desländer schritt­wei­se ab­ge­baut wer­den sol­len. Al­ler­dings sei sie nach wie vor auf Mit­ar­bei­ter an­ge­wie­sen, die ih­re Aus­bil­dung und Be­rufs­er­fah­rung un­ter rechts­staat­li­chen und markt­wirt­schaft­li­chen Be­din­gun­gen in den al­ten Bun­desländern er­wor­ben hätten. In der Re­gel sei­en das Ar­beit­neh­mer, die dort am 2. Ok­to­ber 1990 auch ih­ren Wohn­sitz hat­ten. Die­se Ar­beit­neh­mer sei­en nur ge­gen Zah­lung ei­ner höhe­ren Vergütung zur Auf­nah­me ei­ner Tätig­keit in den neu­en Bun­desländern be­reit, zu­mal ih­nen durch dop­pel­te Haus­haltsführung und den da­mit ver­bun-
 


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de­nen Orts­wech­sel höhe­re Auf­wen­dun­gen entstünden. Je­den­falls könne der Kläger kei­ne An­glei­chung an die begüns­tig­te Grup­pe ver­lan­gen.

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­klag­te un­ter Zurück­wei­sung der Be­ru­fung im übri­gen zur Zah­lung von 4.973,87 DM brut­to ver­ur­teilt. Mit ih­rer Re­vi­si­on er­strebt die Be­klag­te die Ab­wei­sung der Kla­ge. Der Kläger be­an­tragt die Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on.


Ent­schei­dungs­gründe


I. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist mit Aus­nah­me ei­nes Teil­be­trags der gel­tend ge­mach­ten Zins­for­de­rung un­be­gründet. Der Kläger hat An­spruch auf Zah­lung der Ge­halts­dif­fe­ren­zen für die Mo­na­te April bis Au­gust 1999 in Höhe von ins­ge­samt 4.823,85 DM brut­to so­wie ei­nes rest­li­chen Ur­laubs­gel­des im Um­fang von 109,62 DM brut­to und ei­ner wei­te­ren Son­der­vergütung von 40,40 DM brut­to.

1. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat den An­spruch des Klägers zu Recht auf den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz gestützt.

a) Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ge­bie­tet der ar­beits­recht­li­che Gleich­be­hand­lungs­grund­satz dem Ar­beit­ge­ber, Ar­beit­neh­mer oder Grup­pen von Ar­beit­neh­mern, die sich in glei­cher oder ver­gleich­ba­rer La­ge be­fin­den, gleich zu be­han­deln. Un­ter­sagt ist ihm so­wohl ei­ne willkürli­che Schlech­ter­stel­lung ein­zel­ner Ar­beit­neh­mer in­ner­halb ei­ner Grup­pe als auch ei­ne sach­frem­de Grup­pen­bil­dung. Im Be­reich der Vergütung gilt der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nur ein­ge­schränkt. Vor­rang hat der Grund­satz der Ver­trags­frei­heit für in­di­vi­du­ell aus­ge­han­del­te Gehälter. Der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz fin­det aber auch im Be­reich der Ent­gelt­zah­lung An­wen­dung, wenn der Ar­beit­ge­ber die Vergütung nach ei­nem be­stimm­ten er­kenn­ba­ren und ge­ne­ra­li­sie­ren­den Prin­zip gewährt, in­dem er be­stimm­te Vor­aus­set­zun­gen oder be­stimm­te Zwe­cke fest­legt (BAG 17. No­vem­ber 1998 - 1 AZR 147/98 ¬BGB § 242 Gleich­be­hand­lung Nr. 162 mit Anm. Ri­char­di = EzA BGB § 242 Gleich­be­hand­lung Nr. 79; 12. Ja­nu­ar 1994 - 5 AZR 6/93 - BA­GE 75, 236).
 


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b) Nach ei­nem sol­chen ge­ne­ra­li­sie­ren­den Prin­zip verfährt die Be­klag­te. Sie zahlt al­len Ar­beit­neh­mern, die am 2. Ok­to­ber 1990 ih­ren Wohn­sitz in den al­ten Bun­desländern ein­sch­ließlich West-Ber­lins hat­ten, ei­ne um ei­nen be­stimm­ten Pro­zent­satz höhe­re Vergütung als Ar­beit­neh­mern der­sel­ben Ge­halts­grup­pe und mit gleich be­wer­te­ter Ar­beits­leis­tung aus den neu­en Bun­desländern.

2. Die Be­klag­te hat kei­nen Sach­grund vor­ge­tra­gen, der ge­eig­net wäre, die Ge­halts­dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen den Mit­ar­bei­tern aus den al­ten Bun­desländern und den­je­ni­gen aus den neu­en Bun­desländern zu recht­fer­ti­gen.

a) Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts kann es sach­lich ge­recht­fer­tigt sein, ei­ne be­stimm­te Grup­pe von Ar­beit­neh­mern ge­genüber ver­gleich­ba­ren Ar­beit­neh­mern fi­nan­zi­ell bes­ser zu stel­len, wenn oh­ne ei­nen sol­chen An­reiz für die da­von be­trof­fe­nen Ar­beitsplätze kei­ne Ar­beits­kräfte zu ge­win­nen oder zu hal­ten wären. In die­sem Fall liegt der sach­li­che Dif­fe­ren­zie­rungs­grund in der ar­beits­markt­be­ding­ten Durch­set­zungsfähig­keit die­ser Ar­beit­neh­mer, auf de­ren Kennt­nis­se und Er­fah­run­gen der Ar­beit­ge­ber bei der Be­set­zung be­stimm­ter Ar­beitsplätze an­ge­wie­sen ist (BAG 23. Au­gust 1995 - 5 AZR 293/94 - BA­GE 80, 362, zu 111 2 der Gründe).

Die Be­haup­tung der Be­klag­ten, sie sei für die Er­le­di­gung ih­rer Ar­beits­auf­ga­ben ge­ne­rell auf Mit­ar­bei­ter an­ge­wie­sen, die ih­re be­ruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on in ei­nem markt­wirt­schaft­li­chen Sys­tem er­langt hätten und nur ge­gen Zah­lung ei­ner höhe­ren Vergütung für die Auf­nah­me ei­ner Tätig­keit in den neu­en Bun­desländern be­reit sei­en, kann in die­ser All­ge­mein­heit die prak­ti­zier­te Ge­halts­dif­fe­ren­zie­rung sach­lich nicht recht­fer­ti­gen. Die un­ter­schied­li­che Höhe der Gehälter zwi­schen den Mit­ar­bei­tern aus den al­ten und den­je­ni­gen aus den neu­en Bun­desländern nimmt kei­ne Rück­sicht dar­auf, ob die Ar­beits­auf­ga­be des je­wei­li­gen aus den al­ten Bun­desländern stam­men­den Mit­ar­bei­ters die von der Be­klag­ten gewünsch­te be­ruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on über­haupt er­for­dert und der Ar­beits­platz des­halb nur ge­gen Zah­lung ei­ner höhe­ren Vergütung be­setzt wer­den kann. Ent­schei­dend kommt hin­zu, daß der Wohn­sitz ei­nes Ar­beit­neh­mers auch un­ter Berück­sich­ti­gung der be­son­de­ren Si­tua­ti­on der Wie­der­ver­ei­ni­gung so lan­ge nach dem Bei­tritt kein zwin­gen­der Be­leg mehr für ei­ne be­son­de­re, un­ter markt­wirt­schaft­li­chen und rechts­staat­li­chen Be­din­gun­gen er­lang­te be­ruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on ist. Das Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­mal steht mit dem von der Be­klag­ten vor­ge­ge­be­nen Dif­fe­ren­zie­rungs­zweck nicht in ei­nem hin­rei­chend en­gen Zu­sam­men­hang.
 


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Zwar wäre es nicht sach­fremd, wenn die Be­klag­te den­je­ni­gen Ar­beit­neh­mern, die im Zu­ge des Bei­tritts von der Treu­hand­an­stalt aus den al­ten Bun­desländern an­ge­wor­ben wur­den, die mit der Treu­hand in­di­vi­du­ell ver­ein­bar­te Vergütung fort­zahl­te. Ent­spre­chen­des gilt auch für Ar­beit­neh­mer mit be­son­de­ren Kennt­nis­sen und Fähig­kei­ten, die auch 1996 noch nicht in den neu­en Bun­desländern er­wor­ben sein konn­ten, aber für die Er­le­di­gung be­stimm­ter Ar­beits­auf­ga­ben un­ab­ding­bar sind. Den dar­in lie­gen­den Dif­fe­ren­zie­rungs­zwe­cken des Be­sitz­stands­schut­zes und des Ar­beits­mark­tes ent­spricht das wohn­sitz­be­zo­ge­ne Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­mal nicht. Auch ist die Vergüns­ti­gung nicht auf die von der Treu­hand über­nom­me­nen Mit­ar­bei­tern be­schränkt. Sie begüns­tigt die von der Be­klag­ten selbst ein­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mer aus den al­ten Bun­desländern und zwar selbst dann, wenn de­ren Ar­beits­auf­ga­be kei­ne Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten er­for­dert, die von Ar­beit­neh­mern, die 1990 im Bei­tritts­ge­biet ansässig wa­ren, nicht er­wor­ben sein können.

b) Die Ge­halts­dif­fe­ren­zie­rung kann auch nicht da­mit ge­recht­fer­tigt wer­den, daß den aus den al­ten Bun­desländern stam­men­den Mit­ar­bei­tern durch die Auf­nah­me ih­rer Tätig­keit in den neu­en Bun­desländern Mehr­auf­wen­dun­gen in Fol­ge ei­ner dop­pel­ten Haus­haltsführung und höhe­rer Le­bens­hal­tungs­kos­ten ent­ste­hen. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist der Ar­beit­ge­ber zwar grundsätz­lich frei in der Be­stim­mung des Zwecks, den er mit ei­ner be­stimm­ten Leis­tung ver­fol­gen will (BAG 10. März 1998 - 1 AZR 509/97 - AP BGB § 611 Gra­ti­fi­ka­ti­on Nr. 207 = EzA BGB § 242 Be­trieb­li­che Übung Nr. 40, zu 1 b aa). Mit ei­nem tatsächli­chen Mehr­be­darf steht die gewähr­te Vergüns­ti­gung aber in kei­nem Zu­sam­men­hang. Die Be­klag­te zahlt den aus den al­ten Bun­desländern stam­men­den Mit­ar­bei­tern ein höhe­res Ge­halt auch nach Ver­le­gung des Wohn­sit­zes in die neu­en Bun­desländer fort. Um­ge­kehrt er­hal­ten ih­re aus dem Bei­tritts­ge­biet stam­men­den Mit­ar­bei­ter auch dann kein höhe­res Ent­gelt, wenn sie mit ent­spre­chen­den Mehr­auf­wen­dun­gen in­fol­ge ei­ner dop­pel­ten Haus­haltsführung tatsächlich be­las­tet sind.

c) Im Zu­sam­men­hang mit ei­nem ar­beits­markt- und auf­wen­dungs­be­ding­ten Dif­fe­ren­zie­rungs­zweck be­ruft sich die Be­klag­te oh­ne Er­folg auf die Be­fug­nis zur Pau­scha­lie­rung im In­ter­es­se ei­ner prak­ti­ka­blen Hand­ha­bung. Zwar muß der Ar­beit­ge­ber, der ei­ne gan­ze Grup­pe von Ar­beit­neh­mern bes­ser stellt, nicht dar­le­gen, daß auf je­den An­gehöri­gen die­ser Grup­pe der Dif­fe­ren­zie­rungs­zweck in ver­gleich­ba­rer Wei­se zu­trifft. Viel­mehr kann er die dem Dif­fe­ren­zie­rungs­zweck zu­grun­de­lie­gen­de An­nah­me auf die

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ge­sam­te, nach die­sem Zweck be­stimm­te Grup­pe er­stre­cken, so­weit die Grup­pen­bil­dung selbst nicht sach­wid­rig ist. Dar­an fehlt es hier.

d) Auch der Hin­weis der Be­klag­ten auf die Vergütungs- und Be­sol­dungs­struk­tu­ren des öffent­li­chen Diens­tes kann die Grup­pen­bil­dung nicht recht­fer­ti­gen. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en des öffent­li­chen Diens­tes knüpfen nicht an den Wohn­sitz der Ar­beit­neh­mer an. Sie dif­fe­ren­zie­ren da­nach, ob das Ar­beits­verhält­nis im Bei­tritts­ge­biet be­gründet wur­de oder nicht. Ent­schei­dend ist, ob das Ar­beits­verhält­nis ei­nen hin­rei­chend en­gen Be­zug zum Bei­tritts­ge­biet auf­weist. Dafür kommt es dar­auf an, ob der Ar­beit­neh­mer für ei­ne Tätig­keit im Bei­tritts­ge­biet ein­ge­stellt wor­den ist und dort auf un­be­stimm­te Zeit beschäftigt wird. Nicht er­heb­lich sind Ort und Zeit­punkt des Ar­beits­ver­trags­schlus­ses, der Sitz der Dienst­stel­le oder der Wohn­ort des Ar­beit­neh­mers (BAG 30. Ju­li 1992 - 6 AZR 11/92 - BA­GE 71, 68, zu B 11 3 a bb der Gründe; 24. Fe­bru­ar 1994 - 6 AZR 588/93 - BA­GE 76, 57, zu 112 b der Gründe; 23. Fe­bru­ar 1995 - 6 AZR 614/94 - BA­GE 79, 215, zu 112 der Gründe; 25. Ju­ni 1998 - 6 AZR 475/96 - BA­GE 89, 202, zu 112 b bb der Gründe). Da­nach un­ter­fal­len die aus den neu­en Ländern stam­men­den Ar­beit­neh­mer den für die al­ten Länder gel­ten­den Ta­rif­verträgen, wenn sie dort beschäftigt sind. Um­ge­kehrt gel­ten für das Bei­tritts­ge­biet ge­schlos­se­ne Ta­rif­verträge für aus dem Wes­ten stam­men­de Ar­beit­neh­mer, die für ei­ne Tätig­keit im Bei­tritts­ge­biet ein­ge­stellt wur­den und dort auch tätig sind. Ähn­li­ches gilt für die Be­sol­dung von Be­am­ten, Rich­tern und Sol­da­ten. Die­se er­hal­ten gemäß § 2 Abs. 1 Satz 1 der 2. Be­sol­dungs-Über­g­angs­ver­ord­nung ge­rin­ge­re Bezüge, wenn sie von ih­rer erst­ma­li­gen Er­nen­nung an im Bei­tritts­ge­biet ver­wen­det wer­den.

e) Sch­ließlich kann sich die Be­klag­te zur Recht­fer­ti­gung der Un­gleich­be­hand­lung auch nicht auf die BV vom 15. Ja­nu­ar 1996 be­ru­fen. Es mag da­hin­ste­hen, ob Nr. 3.2 der BV über­haupt ei­ne kon­sti­tu­ti­ve Dif­fe­ren­zie­rungs­re­ge­lung enthält, die von der Be­klag­ten ei­ne wohn­sitz­be­zo­ge­ne Un­ter­schei­dung bei den Gehältern ver­lan­gen würde. Der Wort­laut ist in­so­weit kei­nes­wegs ein­deu­tig. Je­den­falls wäre ei­ne sol­che Re­ge­lung un­wirk­sam. Zu Recht hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men, daß auch die Be­triebs­par­tei­en nach § 75 Abs.1 Be­trVG an den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ge­bun­den sind, der ih­nen ei­ne sach­frem­de Grup­pen­bil­dung bei ei­ner kol­lek­tiv­recht­li­chen Re­ge­lung ver­wehrt (BAG 15. Ja­nu­ar 1991 - 1 AZR 80/90 - BA­GE 67, 29, zu 11 der Gründe). Das gilt auch, so­weit mit die­ser Be­stim­mung ei­ne von den Be­triebs­part­nern er­kann­te sach­wid­ri­ge Un­gleich­be­hand­lung schritt­wei­se ab­ge­baut wer­den soll­te.
 


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3. Dem Kläger steht der gel­tend ge­mach­te An­spruch auch der Höhe nach zu.

a) Fehlt es an ei­nem bil­li­gens­wer­ten Grund für die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung von Ar­beit­neh­mern, kann der Be­nach­tei­lig­te ei­ne Gleich­stel­lung mit der begüns­tig­ten Grup­pe ver­lan­gen (BAG 10. März 1998 aaO, zu 1 a der Gründe). Das gilt bei ver­gan­gen­heits­be­zo­ge­nen Leis­tun­gen stets dann, wenn der Ar­beit­ge­ber aus recht­li­chen oder tatsächli­chen Gründen an der Rück­for­de­rung der Leis­tung ge­genüber der begüns­tig­ten Grup­pe ge­hin­dert ist. Der Kläger ver­langt zu Recht für die Mo­na­te April bis Au­gust 1999 ei­ne Vergütung nach der Ge­halts­be­rech­nung für die aus den neu­en Bun­desländern stam­men­den Ar­beit­neh­mer. Aus dem Vor­trag der Be­klag­ten spricht nichts für ei­ne er­folg­rei­che Gel­tend­ma­chung von Rück­for­de­run­gen ge­genüber die­sen Mit­ar­bei­tern.

Die Be­klag­te kann sich auch nicht dar­auf be­ru­fen, sie ha­be die höhe­re Leis­tung an die begüns­tig­te Grup­pe im Ver­trau­en auf die Wirk­sam­keit der Be­triebs­ver­ein­ba­rung er­bracht. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist der Ar­beit­ge­ber auch in die­sem Fall zur Gleich­be­hand­lung ver­pflich­tet, so­lan­ge er die Vergüns­ti­gun­gen nicht zurück­for­dert (BAG 26. No­vem­ber 1998 - 6 AZR 335/97 - BA­GE 90, 219).

b) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Höhe der dem Kläger zu­ste­hen­den Ge­halts­dif­fe­ren­zen zu­tref­fend be­rech­net.

Das Be­ru­fungs­ge­richt hat da­bei zunächst die Span­ne der VergGr. 8 Leis­tungs­grup­pe a für Mit­ar­bei­ter aus den neu­en Bun­desländern zu­grun­de­ge­legt. Es hat dar­aus er­rech­net, daß der dem Kläger aus die­ser Span­ne tatsächlich gewähr­te Be­trag 96,21 % des Höchst­be­trags aus­macht. Es hat so­dann den Ge­halts­rah­men der VergGr. 8 Leis­tungs­grup­pe a für Mit­ar­bei­ter aus den al­ten Bun­desländern her­an­ge­zo­gen und dem Kläger den dor­ti­gen Grund­be­trag von 6.792,00 DM zuzüglich 96,21 % der Dif­fe­renz zwi­schen die­sem Grund­be­trag und dem Höchst­be­trag zu­ge­spro­chen. Dies er­gibt nach dem Ge­halts­rah­men West ei­ne Brut­to­mo­nats­vergütung von 7.191,77 DM und ge­genüber den tatsächlich ge­zahl­ten 6.227,00 DM ei­ne mo­nat­li­che Dif­fe­renz von 964,77 DM brut­to. Das höhe­re Brut­to­mo­nats­ge­halt hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt auch der Be­rech­nung der Ansprüche auf Ur­laubs­geld und Son­der­zah­lung zu­grun­de-ge­legt. Es hat rech­ne­risch rich­tig hin­sicht­lich des Ur­laubs­gelds ei­ne Dif­fe­renz von 144,84 DM und hin­sicht­lich der Son­der­zah­lung ei­ne sol­che von 40,40 DM an­ge­nom­men.

c) Da­ge­gen wen­det die Re­vi­si­on zu Un­recht ein, der Kläger ha­be die Höhe sei­ner Kla­ge­for­de­rung nicht schlüssig vor­ge­tra­gen. Über die Ein­ord­nung des Klägers in
 


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ei­ne kon­kre­te Ge­halts­grup­pe hat die Be­klag­te zu ent­schei­den. Da­zu hat sie ein Leis­tungs­be­stim­mungs­recht im Sin­ne von § 315 BGB aus­zuüben. Die­ses Recht hat die Be­klag­te mit der Ein­ord­nung des Klägers für das Jahr 1999 in die Ge­halts­span­ne Ost wahr­ge­nom­men. Die Ge­halts­fest­le­gung gemäß Nr. 5 der BV dif­fe­ren­ziert nicht zwi­schen den Ge­halts­span­nen für Mit­ar­bei­ter aus den al­ten und sol­chen aus den neu­en Bun­desländern, son­dern um­faßt bei­de Mit­ar­bei­ter­grup­pen. Erst die Wer­tig­keit der Ar­beits­er­geb­nis­se der ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der je­wei­li­gen Ver­gleichs­grup­pe ermöglicht die Er­mitt­lung des kon­kre­ten Ge­halts. Die­se Be­wer­tung hat die Be­klag­te nach Nr. 5.6 Abs. 1 der BV aber oh­ne Rück­sicht auf die ge­halt­li­chen Aus­wir­kun­gen vor­zu­neh­men. Es ist des­halb rechts­feh­ler­frei, wenn das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Ein­ord­nungs­ent­schei­dung der Be­klag­ten be­zo­gen auf den Ge­halts­rah­men West le­dig­lich nach­voll­zo­gen hat.

II. Die Re­vi­si­on ist hin­sicht­lich ei­nes Teils der Ver­zugs­zin­sen be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat bei der Be­rech­nung der Ver­zugs­zin­sen § 614 Satz 2 BGB nicht berück­sich­tigt. Nach die­ser Vor­schrift wird die nach Zeit­ab­schnit­ten be­mes­se­ne Vergütung je­weils nach dem Ab­lauf der ein­zel­nen Zeit­ab­schnit­te fällig. Das ist bei mo­nat­li­cher Vergütung der ers­te Tag des Fol­ge­mo­nats. Ver­zug tritt gemäß § 284 Abs. 2 Satz 1 BGB iVm. § 187 Abs. 1 BGB ein, wenn der Ar­beit­ge­ber an die­sem Tag nicht leis­tet. Fällt der Fällig­keits­tag auf ei­nen Sams­tag oder Fei­er­tag, ver­schiebt sich der Zeit­punkt der Fällig­keit nach § 193 BGB auf den nächs­ten und der Ein­tritt des Ver­zugs auf den dar­auf­fol­gen­den Werk­tag.

Da­nach steht dem Kläger Ver­zugs­zins nicht be­reits, wie vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­spro­chen, seit dem 1. des je­wei­li­gen auf den Vergütungs­mo­nat fol­gen­den Mo­nats zu. Ver­zug ist viel­mehr für den An­spruch für April 1999 erst am 4. Mai 1999, für den An­spruch für Mai 1999 erst am 2. Ju­ni 1999, für den An­spruch für Ju­ni 1999 erst am 2. Ju­li 1999, für den An­spruch für Ju­li 1999 erst am 3. Au­gust 1999 und für den An­spruch für Au­gust 1999 erst am 2. Sep­tem­ber 1999 ein­ge­tre­ten. Frühe­re Fällig­keits­ter­mi­ne hat der Kläger nicht dar­ge­tan.
 


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III. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 ZPO iVm. § 92 Abs. 2 ZPO.

 


Wißmann 

Hauck 

Schmidt

Wiss­kir­chen 

Blank

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