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Ren­ten-Ein­heit steht auch 25 Jah­re nach Mau­er­fall noch aus

Deutsch­land ist 25 Jah­re nach dem Mau­er­fall bei der Ren­te noch im­mer zwei­ge­teilt: Nicht nur im Os­ten wird das als un­ge­recht emp­fun­den. Das heik­le Pro­blem ist nur schwer zu lö­sen - und wird vor­erst blei­ben
Alter Mann mit Hund im Wald

25.06.2014. (dpa) - Es sind Zah­len mit Sym­bol- und Spreng­kraft.

1287 Eu­ro ge­gen 1187 Eu­ro - das sind vom 1. Ju­li an die Stan­dard­ren­ten für West- und Ost­deutsch­land.

Der Ost­wert liegt 100 Eu­ro un­ter dem West­wert - und der Un­mut dar­über im Os­ten ist groß.

Wann end­lich ist Schluss mit Be­nach­tei­li­gung und Un­ge­rech­tig­keit, fra­gen sich vie­le der vier Mil­lio­nen Ru­he­ständ­ler zwi­schen Rü­gen und Erz­ge­bir­ge.

Tat­säch­lich scheint 25 Jah­re nach dem Mau­er­fall die Zeit über­reif für die Ein­heit auch bei der Ren­te. Vie­le in den neue Län­dern - al­len vor­an die Links­par­tei - for­dern schon lan­ge ein in Ost und West ein­heit­li­ches Ren­ten­recht. Es ist das Auf­re­ger­the­ma schlecht­hin.

Dass ein Stan­dard­rent­ner in Ros­tock nach 45 Jah­ren mit Durch­schnitts­lohn im­mer noch 100 Eu­ro we­ni­ger be­kommt als sein Al­ters­ge­nos­se in Stutt­gart, hält der Ren­ten­ex­per­te der Lin­ken, Mat­thi­as W. Birk­wald, für nicht mehr ak­zep­ta­bel: "Das war un­ge­recht, das ist un­ge­recht, und das bleibt un­ge­recht."

Doch die Ost­rent­ner wer­den noch ei­ni­ge Jah­re da­mit le­ben müs­sen. Denn auch die schwarz-ro­te Ko­ali­ti­on hat die Lö­sung des hoch­kom­ple­xen Pro­blems auf­ge­scho­ben - bis En­de 2019. Zu die­sem Ter­min läuft auch der So­li­dar­pakt aus. Erst dann soll laut Ko­ali­ti­ons­ver­trag glei­ches Ren­ten­recht in Ost und West herr­schen.

Dass die Sa­che nur im Schne­cken­tem­po vor­an­kommt, hängt mit dem in Ost und West im­mer noch un­ter­schied­li­chen Lohn­ni­veau zu­sam­men. "Die Re­la­ti­on ge­gen­über West­deutsch­land hat sich ... mit et­wa 80 Pro­zent seit Mit­te der 90er Jah­re nicht we­sent­lich ver­än­dert", be­schreibt die Bun­des­re­gie­rung im letz­ten Jah­res­be­richt zur Deut­schen Ein­heit die Ent­wick­lung. Mit an­de­ren Wor­ten: Die Löh­ne und -ge­häl­ter im Os­ten hin­ken - aufss Gan­ze be­trach­tet - wei­ter hin­ter­her.

Und das spie­gelt sich in der Ren­te wi­der, denn die ist ein Ab­bild des Ar­beits­ein­kom­mens wäh­rend des Be­rufs­le­bens: Wer im Ar­beits­le­ben mehr als der Durch­schnitt ver­dient, al­so mehr in die Ren­ten­kas­se ein­zahlt, be­kommt mehr Ren­te. Wer we­ni­ger ver­dient, bei dem ist es um­ge­kehrt.

Das Lohn­ni­veau lag in den neu­en Län­dern im Jahr 1992 im Durch­schnitt um 44 Pro­zent un­ter dem West­ni­veau. 2014 sind es noch knapp 19 Pro­zent. Da­mit fal­len Ost-Ren­ten rech­ne­risch au­to­ma­tisch nied­ri­ger aus.

Be­schäf­tig­te mit ei­nem durch­schnitt­li­chen Jah­res­ein­kom­men von ak­tu­ell 34 857 Eu­ro be­kom­men da­für ge­nau ei­nen Ent­gelt­punkt für die Ren­te gut­schrie­ben. Wer 45 Jah­re im­mer durch­schnitt­lich ver­dient, hat am En­de des Be­ruf­le­bens 45 Ren­ten­punk­te. Je­der von die­sen hat im Wes­ten ei­nen Wert von 28,61 Eu­ro, im Os­ten sind es 26,39 Eu­ro.

45 Bei­trags­jah­re er­ge­ben da­mit die so­ge­nann­te Stan­dard­ren­te von 1287 Eu­ro im Wes­ten und von 1187 Eu­ro im Os­ten. Die Dif­fe­renz be­trägt 7,8 Pro­zent. Zum Ver­gleich: Im Jahr 1992, kurz nach der deut­schen Ein­heit, lag die Dif­fe­renz noch bei knapp 40 Pro­zent. Dies zeigt: Der Os­ten hat über die Jah­re durch­aus auf­ge­holt. Nach ra­san­tem Be­ginn kam die An­glei­chung zwi­schen­durch ins Sto­cken.

Ab­ge­schlos­sen ist sie aber erst dann, wenn das Lohn­ni­veau nicht mehr aus­ein­an­der­klafft. Oder es wird vor­her po­li­tisch nach­ge­hol­fen. Zum Bei­spiel durch den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn, der An­fang 2015 mit 8,50 Eu­ro in der St­un­de star­ten soll. Et­wa 30 Pro­zent der Be­schäf­tig­ten im Os­ten Deutsch­lands wer­den da­von di­rekt pro­fi­tie­ren, heißt es bei der SPD.

Um den Nach­teil zu kom­pen­sie­ren, ver­ein­bar­ten die Vä­ter des Ein­heits­ver­tra­ges, Ost­löh­ne und -ge­häl­ter für die Ren­te auf­zu­wer­ten, und zwar so lan­ge, wie die Dif­fe­renz bei den Durch­schnitts­ein­kom­men noch be­steht. Der­zeit wird um 18,73 Pro­zent auf­ge­wer­tet.

Das Pro­blem da­bei: Die Auf­wer­tung gilt ge­ne­rell - und führt da­zu, dass bei glei­chen Ein­kom­men Ost-Be­schäf­tig­te bes­ser da­ste­hen als ih­re West-Kol­le­gen. Ein Bei­spiel: 2000 Eu­ro Mo­nats­lohn wer­den im Os­ten so be­wer­tet als wä­ren es 2374,60 Eu­ro. Trotz des nied­ri­ge­ren Ren­ten­wer­tes Ost er­hal­ten da­durch die Be­schäf­tig­ten im Os­ten ei­nen hö­he­ren Ren­ten­an­spruch als die West-Kol­le­gen mit glei­chem Ge­halt.

Der Nach­teils­aus­gleich für den Os­ten hat sich in die­sen Fäl­len zu ei­nem vom Ge­setz­ge­ber nicht ge­woll­ten Vor­teil um­ge­kehrt: Für das glei­che Geld gibt es in Ros­tock mehr Ren­te als in Stutt­gart. Dies emp­fin­den West­ler als un­ge­recht. Ex­per­ten wie der ehe­ma­li­ge Chef der Ren­ten­ver­si­che­rung, Franz Ru­land, ha­ben des­halb ge­for­dert, die teu­re Hö­her­wer­tung ab­zu­schaf­fen. Um die Ost-Ren­ten aus­zah­len zu kön­nen, flie­ßen jähr­lich knapp 15 Mil­li­ar­den Eu­ro von den al­ten in die neu­en Län­der.

Die Links­par­tei pocht dar­auf, den Ren­ten­wert Ost um­ge­hend an den West-Wert an­zu­glei­chen, die Lohn-Auf­wer­tung aber bei­zu­be­hal­ten. Das frei­lich wür­de be­ste­hen­de Ver­wer­fun­gen noch ein­mal ver­stär­ken. "Man schafft al­so ei­ne neue Un­ge­rech­tig­keit, näm­lich für die West­rent­ner und West­rent­ne­rin­nen", kri­ti­siert der CDU-Ren­ten­ex­per­te Pe­ter Weiß das Lin­ken-Kon­zept.

Die wür­de nach Rech­nung Birk­walds "je­de Steu­er­zah­le­rin und je­den Steu­er­zah­ler in die­sem Jahr durch­schnitt­lich nur 1,80 Eu­ro im Mo­nat kos­ten", sei al­so fi­nan­zier­bar. In­si­der, die die Ge­samt­kos­ten im Blick ha­ben, spre­chen ak­tu­ell von rund 4,5 Mil­li­ar­den Eu­ro zu­sätz­lich für die Ren­ten­ein­heit pro Jahr.

Die Her­stel­lung glei­chen Ren­ten­rechts muss nach den Wor­ten von Weiß zum Ziel ha­ben, "dass je­der in die Ren­ten­ver­si­che­rung ein­be­zahl­te Eu­ro das glei­che wert ist - im Os­ten und im Wes­ten". Und: "Ziel­mar­ke ist das Jahr 2019."

Ein Blick in die Sta­tis­ti­ken der Ren­ten­ver­sich­rung er­gibt noch ein an­de­res Bild deutsch-deut­scher Un­ter­schie­de: Wer im Os­ten schon im Ru­he­stand ist, be­kommt im Schnitt der­zeit deut­lich mehr ge­setz­li­che Ren­te als die Al­ters­ge­nos­sen im Wes­ten. Das liegt an den durch­weg län­ge­ren und durch­gän­gi­ge­ren Be­schäf­ti­gungs­zei­ten in der DDR - die zu­dem eben­falls hoch­ge­wer­tet wur­den.

Be­son­ders deut­lich zeigt sich das bei den Rent­ne­rin­nen: Wäh­rend sie im Wes­ten der­zeit im Schnitt 512 Eu­ro mo­nat­lich er­hal­ten, kom­men ih­re Al­ters­ge­nos­sin­nen im Os­ten auf im­mer­hin 755 Eu­ro. Bei den Män­nern ist der Un­ter­schied nicht ganz so groß: 1096 Eu­ro zu 1003 Eu­ro. Das dürf­te sich mit­tel­fris­tig aber um­keh­ren, und zwar dann, wenn in Ost­deutsch­land im­mer mehr Ge­ring­ver­die­ner und Lang­zeit­ar­beits­lo­se mit ge­rin­gen Ren­ten­an­sprü­chen ins Ren­ten­al­ter kom­men.

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Letzte Überarbeitung: 19. Januar 2016

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