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Rol­len­tausch in Zeit­lu­pe: Mäd­chen im La­bor, Jun­gen in der Ki­ta

Gaaa­anz lang­sam tut sich was: Mög­li­cher­wei­se auch dank Girls'Day und Boys'Day öff­nen sich jun­ge Leu­te für Be­ru­fe, die das Kli­schee dem an­de­ren Ge­schlecht zu­weist: Kri­ti­ker hal­ten das für Ali­bi-Ak­tio­nen
Symbol Herren-WC Damen-WC Tut sich was in der Chan­cen­gleich­heit?

23.04.2013. (dpa) - Fröh­lich ver­si­chert Eli­sa­beth Schöpp­ner: "Es tut sich was."

Ih­re Wor­te klin­gen ein we­nig nach Selbst­ver­ge­wis­se­rung.

Schöpp­ner ist Pro­jekt­lei­te­rin im Kom­pe­tenz­zen­trum Tech­nik-Di­ver­si­ty-Chan­cen­gleich­heit.

Die­se Stel­le kennt kaum je­mand, da­für aber das, was hier bun­des­weit ko­or­di­niert wird: der Girls'Day und der Boys'Day.

Am Don­ners­tag wer­den im gan­zen Land wie­der Schü­ler ab der 5. Klas­se in Un­ter­neh­men, Be­hör­den und Hoch­schu­len aus­schwär­men und sich an­schau­en, was man so macht in den Be­ru­fen und Stu­di­en­gän­gen, die sonst ei­ne Do­mä­ne des an­de­ren Ge­schlechts sind.

Seit 2001 or­ga­ni­siert das Bie­le­fel­der Kom­pe­tenz­zen­trum den Girls'Day, seit 2011 auch das Pen­dant für Jun­gen. Die Ar­beit wird ge­för­dert von der Bun­des­re­gie­rung und der EU. Hat sich in die­sen zwölf Jah­ren schon et­was ge­tan? "Wir ha­ben für das The­ma Be­rufs­wahl sen­si­bi­li­siert", sagt Schöpp­ner.

"Der Ak­ti­ons­tag bringt Fa­mi­li­en da­zu, über den künf­ti­gen Be­ruf des Kinds zu dis­ku­tie­ren. Und Män­ner-Un­ter­neh­men müs­sen sich über­le­gen, was sie ma­chen, wenn plötz­lich ei­ne 16-Jäh­ri­ge in der Werk­statt steht."

An man­chen Zah­len lässt sich ab­le­sen, wie die Frau­en lang­sam auch in Män­ner­do­mä­nen vor­drin­gen. Bei den Kfz-Me­cha­tro­ni­kern zum Bei­spiel stieg der Frau­en­an­teil in den letz­ten zehn Jah­ren von 1,6 auf 2,8 Pro­zent. Das heißt aber an­ders­her­um: 97,2 Pro­zent der Azu­bis sind dort männ­lich.

Au­ßer­dem: Die Hit­lis­te der Aus­bil­dungs­be­ru­fe zeigt un­ver­än­dert die strik­te Ge­schlech­ter­tren­nung: Hier der Au­to­me­cha­ni­ker und dort die Ver­käu­fe­rin. Auch im Stu­di­um er­obern sich Frau­en nur lang­sam neu­es Ter­rain.

Schöpp­ner hat hier ei­nen Un­ter­schied zwi­schen den Ge­schlech­tern aus­ge­macht. "Jun­gen in­ter­es­sie­ren sich öf­ter für die Tech­nik an sich. Mäd­chen fra­gen häu­fi­ger: Was be­wir­ke ich da­mit?" Das las­se sich am Bei­spiel In­for­ma­tik nach­wei­sen. Dort liegt der An­teil der Frau­en bei 16,8 Pro­zent. Im Teil­ge­biet Me­di­zin-In­for­ma­tik ist ihr An­teil mit 35,6 Pro­zent fast dop­pelt so hoch.

Zei­gen die Ak­ti­ons­ta­ge al­so Wir­kung? Das sieht die Hei­del­ber­ger Ge­schlech­ter­for­sche­rin Mo­ni­ka Sie­ver­ding kri­tisch. "So ein Girls'Day oder ein Boys'Day kann auch nach hin­ten los­ge­hen: Wenn sich näm­lich ein Mäd­chen vor­stellt, dass es spä­ter mal die ein­zi­ge Frau un­ter lau­ter Män­nern in der Werk­statt sein wird; oder der Jun­ge der ein­zi­ge Mann in der Ki­ta."

"Ein Nach­teil ist auch, dass "Frau­en­be­ru­fe" in der Re­gel schlecht be­zahlt sind und häu­fig ein re­la­tiv nied­ri­ges Image ha­ben", gibt die Psy­cho­lo­gin zu be­den­ken. "War­um soll­ten Jun­gen sol­che Be­ru­fe wäh­len? Dar­um könn­te man sich den Boys'Day ei­gent­lich spa­ren. Ge­nau­so wie den Girls'Day."

Denn die al­ten Rol­len­bil­der sei­en be­son­ders im Wes­ten Deutsch­lands noch re­la­tiv fest ver­an­kert. Zu­nächst soll­te ver­hin­dert wer­den, dass Mäd­chen in der Schu­le be­stimm­te Fä­cher, vor al­lem Na­tur­wis­sen­schaf­ten ab­wäh­len dür­fen, for­dert Sie­ver­ding. Zu­dem wür­den vie­le Frau­en nach dem Stu­di­um erst gar nicht in den Be­ruf ein­stei­gen. "Ich wür­de Frau­en vor dem Stu­di­um un­ter­schrei­ben las­sen, dass sie spä­ter min­des­tens fünf Jah­re in dem Be­ruf ar­bei­ten wer­den."

Der Münch­ner Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­ge und Früh­päd­ago­ge Hart­mut Kas­ten ist eben­falls skep­tisch. "Ich hal­te von die­sen Ak­ti­ons­ta­gen gar nichts. Die rau­schen vor­bei und sind weg. Bes­ser wä­re es, wenn El­tern, Ki­tas und Schu­len mehr ge­gen ver­staub­te Rol­len­kli­schees tun wür­den. Wir müs­sen ge­gen­steu­ern, wann im­mer es um Ge­schlech­ters­te­reo­ty­pen geht. Ich freue mich im­mer, wenn ich in ei­nen Kin­der­gar­ten kom­me, und es nicht die Bau­klotz­ecke für die Jungs und die Pup­pen­kü­chen­ecke für die Mäd­chen gibt."

Ins­ge­samt sei die Gleich­stel­lungs­po­li­tik sehr wi­der­sprüch­lich, kri­ti­siert Sie­ver­ding und ver­weist auf ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten von 2011. Ei­ner­seits wür­den "Ali­bi­ver­an­stal­tun­gen" wie Boys'Day, Girls'Day und so­ge­nann­te MINT-Pro­jek­te fi­nan­ziert. An­de­rer­seits: "Der­zeit gibt es je­de Men­ge fal­sche An­rei­ze für Frau­en, den er­lern­ten Be­ruf spä­ter nicht aus­zu­üben: Ehe­gat­ten­split­ting, Mi­ni-Jobs, drei­jäh­ri­gen Er­zie­hungs­ur­laub und jetzt auch noch das Be­treu­ungs­geld. Das soll­te man al­les ab­schaf­fen."

Die Bie­le­fel­der Pro­jekt­lei­te­rin Schöpp­ner räumt ein, dass es nur lang­sam Fort­schrit­te gibt. "In den Köp­fen der Kin­der sit­zen die Rol­len­bil­der ziem­lich fest." So un­ter­schied­lich die Ein­schät­zung des Pro­jekts ist, ei­nig sind sich Schöpp­ner, Sie­ver­ding und Kas­ten im Ziel. Die Psy­cho­lo­gin Sie­ver­ding for­mu­liert es so: "Ich fän­de es schön, wenn es ir­gend­wann ein­mal Be­rufs­ent­schei­dun­gen - un­ab­hän­gig vom Ge­schlecht - nach Nei­gung und Fä­hig­keit ge­ben wür­de."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 7. Mai 2014

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