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ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/006

893.000 EUR Schmer­zens­geld we­gen Mob­bings?

Bei der Stadt So­lin­gen an­ge­stell­te Öko­no­min ver­langt re­kord­ver­däch­ti­ges Schmer­zens­geld: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, AZ: 17 Sa 602/12
Hunderteuroscheine Wo ist die Ober­gren­ze beim Schmer­zens­geld?

09.01.2013. (dpa) - Ei­ne bei der Stadt So­lin­gen be­schäf­tig­te Rech­nungs­prü­fe­rin klagt in der Be­ru­fungs­in­stanz vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) auf fast 900.000 EUR Schmer­zengs­geld we­gen an­geb­li­chen Mob­bings und droht mit die­ser Kla­ge zu schei­tern (AZ: 17 Sa 602/12).

Be­reits in der ers­ten In­stanz vor dem Ar­beits­ge­richt So­lin­gen hat­te die Mob­bing-Kla­ge kei­nen Er­folg (Ar­beits­ge­richt So­lin­gen, Ur­teil vom 03.02.2012, 3 Ca 1050/10).

Der Vor­sit­zen­de Rich­ter am LAG Wolf­gang Jan­sen zeig­te sich im Ver­hand­lungs­ter­min am Diens­tag die­ser Wo­che skep­tisch, ob die von der Klä­ge­rin auf­ge­führ­ten Fäl­le tat­säch­lich den Tat­be­stand sys­te­ma­tisch be­gan­ge­ner An­fein­dun­gen er­füll­ten. Er wies dar­auf hin, dass auch das Ver­hal­ten der Klä­ge­rin be­rück­sich­tigt wer­den müs­se.

In die­sem Zu­sam­men­hang hat das Ge­richt auch den in der Ver­gan­gen­heit er­folg­ten Ver­such ei­nes Me­dia­ti­ons­ver­fah­rens der Par­tei­en an­ge­spro­chen. Die­ses schei­ter­te, weil die Klä­ge­rin das Ein­ge­ständ­nis ei­nes Mob­bing­ver­hal­ten durch die be­klag­te Stadt zur Vor­be­din­gung der Ge­sprä­che mach­te

Der An­walt der Klä­ge­rin ver­wies da­ge­gen auf "die Viel­zahl klei­ner Na­del­sti­che", die aus sei­ner Sicht ein deut­li­ches Ge­samt­bild er­gä­ben.

"Man hat mei­ne Eh­re und mei­ne Wür­de mit Fü­ßen ge­tre­ten!", sag­te die 53-Jäh­ri­ge Di­plom-Öko­no­min. Seit 2008 sei sie schi­ka­niert und ihr zu Un­recht frist­los ge­kün­digt wor­den. Als sie nach ge­won­ne­nem Pro­zess in ihr Bü­ro zu­rück­keh­ren woll­te, ha­be man sie mit ei­nem Son­der­prüf­auf­trag, für den sie nicht aus­ge­bil­det sei, in ein neun Ki­lo­me­ter ent­fern­tes städ­ti­sches Kli­ni­kum "ent­sorgt". Ei­ne Schu­lung ha­be die Stadt nicht zah­len wol­len.

Ihr An­walt be­rief sich bei der Hö­he des ge­for­der­ten Schmer­zens­gel­des auf die an­geb­li­che ak­tu­el­le Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts. Da­nach sei­en die bis­lang zu­ge­spro­che­nen Sum­men zu ge­ring und müss­ten er­höht wer­den, um ab­schre­cken­de Wir­kung zu ent­fal­ten. Die ge­for­der­ten fast 900.000 EUR sei­en aber schon ei­ne "ex­tre­me Grö­ßen­ord­nung", sag­te der Vor­sit­zen­de Rich­ter Jan­sen.

Fa­zit: Soll­te die Be­ru­fung kei­nen Er­folg ha­ben, wür­de sich wie­der ein­mal be­stä­ti­gen, dass völ­lig über­zo­ge­ne Schmer­zens­geld­for­de­run­gen we­gen (an­geb­li­chen) Mob­bings oder we­gen ei­ner (an­geb­li­chen) Dis­kri­mi­nie­rung den kla­gen­den Ar­beit­neh­mern gar nichts nüt­zen, son­dern schlicht un­se­riö­ses Ge­trom­mel der sie ver­tre­ten­den An­wäl­te sind. Ab­ar­tig ho­he For­de­run­gen er­we­cken den Ver­dacht, dass es nur um Ab­zo­cke­rei geht, d.h. das Ge­richt wird miss­trau­isch und der be­klag­te Ar­beit­ge­ber re­agiert ver­bies­tert, was Ver­gleichs­ver­hand­lun­gen scha­det.

Im schlimms­ten Fall kön­nen ex­trem über­zo­ge­ne Ent­schä­di­gungs­for­de­run­gen so­gar den Ar­beits­platz kos­ten, wie ein ak­tu­el­les Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Heil­bronn zeigt (Ur­teil vom 18.10.2012, 2 Ca 71/12).

Hier hat­te ei­ne zu Un­recht frist­los ge­kün­dig­ter Ar­beit­neh­mer nicht nur Kün­di­gungs­schutz­kla­ge er­ho­ben, son­dern zu­gleich ei­ne Kla­ge auf 240.000 EUR Schmer­zens­geld we­gen an­geb­lich dis­kri­mi­nie­ren­der Be­gleit­um­stän­de der Kün­di­gung (bei ei­nem Jah­res­ge­halt von et­wa 75.000 EUR). Dar­auf­hin gab das Ar­beits­ge­richt Heil­bronn dem Auf­lö­sungs­an­trag des Ar­beit­ge­bers statt, d.h. der Ar­beit­neh­mer war sei­nen Ar­beits­platz ge­gen ei­ne eher mick­ri­ge Ab­fin­dung los, ob­wohl er mit sei­ner Kün­di­gungs­schutz­kla­ge Er­folg hat­te.

Denn, so das Ar­beits­ge­richt Heil­bronn: "Ei­ne Ent­schä­di­gungs­kla­ge durch den Ar­beit­neh­mer we­gen an­geb­li­cher viel­fa­cher Dis­kri­mi­nie­run­gen kann ei­nen Auf­lö­sungs­grund nach § 9 Abs. 1 S. 2 KSchG dar­stel­len, wenn die­se auf halt­lo­sen Be­haup­tun­gen fußt und die be­gehr­te Ent­schä­di­gung je­des ver­nünf­ti­ge Maß über­steigt."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 30. September 2016

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