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Schwer­be­hin­der­te pro­fi­tie­ren nicht vom Auf­schwung am Ar­beits­markt

Die La­ge am Ar­beits­markt ist der­zeit gut: Doch Men­schen mit ei­nem Han­di­cap ha­ben es den­noch schwer, ei­nen Job zu fin­den. Da­für sei­en vor al­lem Vor­ur­tei­le ver­ant­wort­lich, mei­nen Ex­per­ten
Mann mit Rollator Wel­che Vor­ur­tei­le be­ste­hen?

28.05.2016. (dpa) - Ar­beits­lo­se Schwer­be­hin­der­te pro­fi­tie­ren kaum vom Auf­schwung am Ar­beits­markt - auch wenn es im ers­ten Mo­ment nicht da­nach aus­sieht.

"Wenn man nur ei­nen kur­zen Blick auf die Sta­tis­tik legt, dann könn­te man sa­gen, die Ent­wick­lung geht in die rich­ti­ge Rich­tung", sagt die Che­fin der Re­gio­nal­di­rek­ti­on Nord der Agen­tur für Ar­beit, Mar­git Haupt-Ko­op­mann, der Deut­schen Pres­se-Agen­tur in Kiel.

Denn im Ver­gleich zum Vor­mo­nat und auch zum Vor­jah­res­mo­nat ist die Zahl der ar­beits­lo­sen Schwer­be­hin­der­ten im April ge­sun­ken.

Aber der Ein­druck täuscht: "Über die Jah­re be­we­ge sich re­la­tiv we­nig in die­ser Grup­pe." Im April hat­ten 5205 Men­schen mit ei­ner schwe­ren Be­hin­de­rung kei­nen fes­ten Job. Ihr An­teil an al­len Ar­beits­lo­sen im Land be­trug 5,4 Pro­zent.

Es hiel­ten sich seit Jahr­zehn­ten Vor­ur­tei­le, sag­te Haupt-Ko­op­mann. Sie hö­re im­mer wie­der, dass schwer­be­hin­der­te Be­schäf­tig­te we­ni­ger leis­te­ten, häu­fi­ger krank und qua­si un­künd­bar sei­en. Ei­ne Kün­di­gung müs­se tat­säch­lich über das In­te­gra­ti­ons­amt ge­hen, "aber die Zu­stim­mungs­quo­te der In­te­gra­ti­ons­äm­ter liegt bei 80 Pro­zent". Dies be­deu­te, in der über­wie­gen­den Zahl der Fäl­le ist es mög­lich, sich auch von ei­nem schwer­be­hin­der­ten Mit­ar­bei­ter zu tren­nen, sag­te die Re­gio­nal­di­rek­ti­ons­che­fin. Die Zu­stim­mungs­quo­te sei seit Jah­ren kon­stant.

Das Schwer­be­hin­der­te we­ni­ger leis­te­ten, stim­me so auch nicht. Im Ge­gen­teil, sag­te Haupt-Ko­op­mann, bei den meis­ten Schwer­be­hin­der­ten, de­nen ei­ne Chan­ce ge­ge­ben wur­de, sei die Mo­ti­va­ti­on und auch die Loya­li­tät ge­gen­über dem Ar­beit­ge­ber be­son­ders hoch. Zu­dem sei­en schwer­be­hin­der­ten Ar­beits­lo­se oft bes­ser qua­li­fi­ziert als die Ar­beits­lo­sen im Schnitt, sag­te sie. 55 Pro­zent von ih­nen ha­ben ei­ne ab­ge­schlos­se­ne Be­rufs­aus­bil­dung, im Schnitt sind es nur 46 Pro­zent.

Zu­dem se­he man 85 Pro­zent der Men­schen mit Be­hin­de­rung ih­re Be­hin­de­rung nicht an, sag­te Haupt-Ko­op­mann. "Und wenn ei­ne Be­hin­de­rung doch Aus­wir­kun­gen ha­ben soll­te, sind wir ja da, um zu un­ter­stüt­zen". Bei­spiels­wei­se über Lohn­kos­ten­zu­schüs­se oder tech­ni­sche Be­ra­tung. Bei kei­nem an­de­ren Per­so­nen­kreis kön­ne die Ar­beits­agen­tur Un­ter­neh­men so un­ter­stüt­zen wie bei den Schwer­be­hin­der­ten. Al­lein für Lohn­kos­ten­zu­schüs­se wur­den in Schles­wig-Hol­stein im ver­gan­ge­nen Jahr rund 7,6 Mil­lio­nen Eu­ro zur Ver­fü­gung ge­stellt.

Der Be­ra­ter für be­ruf­li­che Re­ha­bi­li­ta­ti­on, Ke­vin Huhs, sag­te, auch schwie­ri­ge Fäl­le fän­den durch­aus ei­nen pas­sen­den Ar­beit­ge­ber. Das Un­ter­neh­men sa­ge der Ar­beits­agen­tur, wel­che Vor­aus­set­zun­gen er­füllt sein müss­ten, und die­se ver­su­che, es zu er­mög­li­chen. So sei ei­ner jun­ge, klein­wüch­si­gen Roll­stuhl­fah­re­rin, die nicht in den Aus­bil­dungs­be­reich ei­nes Be­triebs in den ers­ten Stock ge­lan­gen konn­te, ein elek­tri­scher Trep­pen­stei­ger für ih­ren Roll­stuhl be­schafft wor­den. Manch­mal daue­re es Jah­re und vie­le hun­dert Be­wer­bun­gen, bis es bei Ex­trem­fäl­len mit ei­nem Job klap­pe, sag­te Huth. "Man braucht ei­nen lan­gen Atem." Aber, dann sei das Ar­beits­ver­hält­nis oft für bei­de Sei­ten ein gu­tes.

Haupt-Ko­op­mann warb da­für, Men­schen mit Be­hin­de­run­gen ei­ne Chan­ce zu ge­ben. "Man muss sich ja nicht gleich von An­fang an le­bens­lang bin­den." Es ge­be Prak­ti­ka, Pro­be­be­schäf­ti­gun­gen, be­fris­te­te Ar­beits­ver­hält­nis­se, bei de­nen auch Lohn­kos­ten­zu­schüs­se ge­zahlt wer­den kön­nen, nann­te Haupt-Ko­op­mann ei­ni­ge Bei­spie­le. "Man kann doch gu­cken, passt man zu ein­an­der."

Sie er­in­ner­te auch dar­an, dass es in Schles­wig-Hol­stein bis 2025 rund 88.000 Men­schen we­ni­ger im er­werbs­fä­hi­gen Al­ter gibt. Al­le Po­ten­zia­le am Ar­beits­markt müss­ten aus­ge­schöpft wer­den. Da­zu ge­hör­ten ne­ben der ge­steu­er­ten Zu­wan­de­rung, Frau­en und Äl­te­ren eben auch Men­schen mit Be­hin­de­run­gen. Viel­falt sei das Stich­wort für Un­ter­neh­men. "Ich wer­de mei­ne Wett­be­werbs­fä­hig­keit in Zu­kunft mit ei­ner an­ders zu­sam­men­ge­setz­ten Be­leg­schaft be­strei­ten müs­sen, sie wird bun­ter, weib­li­cher und in­klu­si­ver."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 31. August 2016

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