HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/344

Streik bei Ama­zon - und kei­ner merkt's

Es ist ein Kampf ge­gen Wind­müh­len: Seit vier Jah­ren ruft Ver­di in al­ler Re­gel­mä­ßig­keit beim On­line­rie­sen Ama­zon zu Streiks auf - und kommt nicht vor­an. Ein Ta­rif­ver­trag soll her, doch das Un­ter­neh­men stellt sich taub
Pakete, Logistik, Versand, Online-Shop Was kann Ver­di noch un­ter­neh­men?

07.11.2016. (dpa) - "Die Streiks sind ein Witz." Ger­rit Hei­nemann lässt kein gu­tes Haar an den Plä­nen der Ge­werk­schaft Ver­di, den On­line­rie­sen Ama­zon mit Ar­beits­nie­der­le­gun­gen in die Knie zu zwin­gen - oder zu­min­dest an den Ver­hand­lungs­tisch.

Hei­nemann ge­hört zu den füh­ren­den Ex­per­ten für In­ter­net­han­del in Deutsch­land, ist Pro­fes­sor für Be­triebs­wirt­schafts­leh­re an der Hoch­schu­le Nie­der­rhein in Kre­feld und weiß, wo­von er spricht.

Ei­ne durch­schla­gen­de Wir­kung des Ar­beits­kamp­fes ver­mag er nicht zu er­ken­nen.

Ama­zon ha­be das al­les längst ein­kal­ku­liert, be­tont der Wis­sen­schaft­ler.

Vor we­ni­gen Ta­gen hat­te Ver­di er­neut zu Ar­beits­nie­der­le­gun­gen an den deut­schen Lo­gis­tik­stand­or­ten auf­ge­ru­fen, auch am bun­des­weit größ­ten im ost­hes­si­schen Bad Hers­feld. Das war kei­nes­wegs neu. Streiks bei Ama­zon sind in­zwi­schen zu ei­nem Dau­er­bren­ner ge­wor­den und wer­den seit vier Jah­ren all­jähr­lich im Weih­nachts­ge­schäft hoch­ge­fah­ren. Ver­di for­dert ei­nen Ta­rif­ver­trag nach den Be­din­gun­gen des Ein­zel- und Ver­sand­han­dels für die 11.000 Be­schäf­tig­ten in den Wa­ren­la­gern, bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen und ein En­de von "Un­ter­neh­mens­will­kür". Doch Ama­zon, das sich als Lo­gis­ti­ker sieht, stellt sich quer.

Wäh­rend der Ver­sandrie­se sel­ber von ei­ner "über­schau­ba­ren" Be­tei­li­gung spricht, gibt sich Tho­mas Voß kämp­fe­risch: "Wir ha­ben die Er­fah­rung ge­macht, dass die Ar­beits­ab­läu­fe er­heb­lich be­trof­fen wa­ren und Ama­zon sein Kun­den­ver­spre­chen nicht im­mer ein­lö­sen konn­te", re­sü­miert der Ver­di-Ex­per­te für Ver­sand- und On­line­han­del. Pro Schicht sol­len sich im Schnitt nach sei­nen An­ga­ben 20 bis 30 Pro­zent der Mit­ar­bei­ter am Austand be­tei­ligt ha­ben. Und er kün­dig­te für die kom­men­den Wo­chen wei­te­re Streik­maß­nah­men an. Fle­xi­bel wol­le Ver­di re­agie­ren und dort strei­ken, wo die Auf­trags­vo­lu­men hoch sei­en.

Doch auch den Ge­werk­schaf­tern schwant nichts Gu­tes. Denn ei­ne Flan­ke ist völ­lig of­fen: Die Lo­gis­tik­zen­tren im Aus­land und das weit ver­zweig­te in­ter­na­tio­na­le Netz­werk des Ver­sand­händ­lers. "Ama­zon ist so auf­ge­stellt, bei streik­be­ding­ten Eng­päs­sen aus Lo­gis­tik­zen­tren im be­nach­bar­ten Aus­land lie­fern zu kön­nen", sagt bei­spiels­wei­se Kai Hu­detz, Ge­schäfts­füh­rer des Köl­ner In­sti­tuts für Han­dels­for­schung, der Deut­schen Pres­se-Agen­tur. Da­bei ver­weist er auf Lo­gis­tik­zen­tren un­ter an­de­rem im be­nach­bar­ten Tsche­chi­en und Po­len.

In Deutsch­land be­treibt Ama­zon neun Lo­gis­tik­zen­tren, die Teil des eu­ro­päi­schen Netz­werks sind. Im ost­hes­si­schen Bad Hers­feld be­fin­det sich der bun­des­weit größ­te Stand­ort mit gleich zwei Wa­ren­la­gern. Das ge­sam­te eu­ro­päi­sche Netz­werk ver­fügt nach An­ga­ben von Ama­zon über 31 Lo­gis­tik­zen­tren in sie­ben Län­dern.

Mit­tel­fris­tig sieht Hu­detz ei­nen wei­te­ren He­bel, um streik­be­ding­te Aus­wir­kun­gen zu ver­mei­den, aber auch um Kos­ten im mar­gen­schwa­chen On­line-Ge­schäft zu re­du­zie­ren. Näm­lich: die wei­te­re Au­to­ma­ti­sie­rung und der ver­stärk­te Ein­satz von Ro­bo­tern in den Lo­gis­tik­zen­tren. Die Kun­den ver­lang­ten ei­ne aus­fall­si­che­re Lo­gis­tik, be­tont Hu­detz, sonst "wird es für das Un­ter­neh­men ge­fähr­lich". Das auf­ge­bau­te Ver­trau­en stün­de dann auf dem Spiel. "Uns ist wich­tig, un­ser Lie­fer­ver­spre­chen ein­zu­hal­ten", be­teu­ert auch Ama­zon-Spre­che­rin Anet­te Nach­bar.

Tat­säch­lich schei­nen die Na­del­sti­che von Ver­di den On­line­rie­sen kalt zu las­sen. Der US-Kon­zern baut sein Netz an Lo­gis­tik­stand­or­ten aus, un­ter an­de­rem in Dort­mund (NRW) und Fran­ken­thal (Rhein­land-Pfalz). Bei Auf­trags­spit­zen, wie jetzt um die Weih­nachts­zeit, hel­fen sich die Stand­or­te ge­gen­sei­tig aus. Da­bei bie­te das Un­ter­neh­men at­trak­ti­ve Ar­beits­plät­ze und zah­le gu­te Löh­ne am obe­ren En­de des Bran­chen­üb­li­chen. Des­halb möch­te der On­line­händ­ler die Ge­werk­schaft aus dem Be­trieb her­aus­hal­ten. Und dann re­det Nach­bar Ta­che­les und bringt den Kon­flikt aus ih­rer Sicht auf den Punkt: "Ama­zon und Ver­di pas­sen nicht zu­sam­men."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 2. November 2017

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2018:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de