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Streit um Ta­rif­ein­heit

Die SPD kämpft vor­erst al­lein Ber­lin: Vor­stoß der SPD zur Be­schrän­kung des Streik­rechts klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten stößt im Bun­des­tag auf Ab­leh­nung
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08.03.2012. (dpa) Die SPD steht mit ih­rer For­de­rung, das Streik­recht für Spar­ten­ge­werk­schaf­ten ein­zu­schrän­ken, vor­erst al­lein. Das wur­de am Don­ners­tag in ei­ner von den So­zi­al­de­mo­kra­ten be­an­trag­ten Ak­tu­el­len St­un­de über die Ver­mei­dung von "Ta­rif­zer­split­te­rung" im Bun­des­tag deut­lich.

Kri­tik ern­te­ten sie von der Ko­ali­ti­on wie auch von der Lin­ken. Die Grü­nen zeig­ten sich noch un­ent­schie­den.

An­lass für die De­bat­te war der Streik der 200 Vor­feld­be­schäf­tig­ten am Frank­fur­ter Flug­ha­fen. Die SPD sieht die Ta­rif­ein­heit nach dem Mot­to "Ein Be­trieb, ein Ta­rif­ver­trag" durch Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen solch klei­ner Ge­werk­schaf­ten grund­sätz­lich un­ter­mi­niert. Die­se Po­si­ti­on ver­tre­ten auch die Ar­beit­ge­ber.

Der stell­ver­tre­ten­den SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Hu­ber­tus Heil sag­te: "Ta­rif­au­to­no­mie und Ta­rif­ein­heit ge­hö­ren zu­sam­men." Er warf der Bun­des­re­gie­rung vor, sie drü­cke sich vor ei­ner Ent­schei­dung. Als Lö­sung schlug Heil ein Kon­zept von Ar­beit­ge­bern und DGB aus dem Jahr 2010 vor, nach dem nur die je­weils stärks­te Ge­werk­schaft in ei­nem Be­trieb das Streik­recht bei Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zun­gen ha­ben soll.

Da­für ern­te­te er schar­fe Kri­tik vom Lin­ken-Ab­ge­ord­ne­ten Mi­cha­el Schlecht: Er warf der SPD vor, mit ih­rem Vor­stoß das Streik­recht ein­schrän­ken zu wol­len. Nö­tig sei viel­mehr ei­ne deut­li­che Aus­wei­tung - bis hin zu un­be­schränk­ten po­li­ti­schen Streiks.

Die Uni­on warn­te vor Schnell­schüs­sen: Es han­de­le sich um ei­ne hoch­kom­pli­zier­te Ma­te­rie, sag­te ihr ar­beits­markt­po­li­ti­scher Spre­cher Karl Schie­wer­ling (CDU). Die Uni­on wol­le "in ab­seh­ba­rer Zeit" mit dem Ko­ali­ti­ons­part­ner FDP aber zu ei­ner ver­nünf­ti­gen ver­fas­sungs­fes­ten Lö­sung kom­men. Die­se müs­se Min­der­hei­ten­schutz, Ko­ali­ti­ons­frei­heit und Be­triebs­frie­den glei­cher­ma­ßen si­chern.

FDP-Vi­ze­frak­ti­ons­chef Hein­rich Kolb (FDP) zeig­te sich un­ter Vor­be­hal­ten of­fen für ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung, sieht aber "kei­nen Kö­nigs­weg". Kolb wies dar­auf hin, dass die Zahl der Streik­ta­ge in Deutsch­land trotz Spar­ten­ge­werk­schaf­ten nicht ge­stie­gen sei, son­dern sich ge­gen­über 2010 so­gar hal­biert ha­be. "Eng­li­sche Ver­hält­nis­se sind in Deutsch­land nicht zu be­fürch­ten", sag­te er.

Die Grü­nen stimm­ten die­ser Ein­schät­zung zu: Deutsch­land sei "kein streik­ge­plag­tes Land", sag­te die Ab­ge­ord­ne­te Bea­te Mül­ler-Gem­me­ke.

Fa­zit: Deutsch­land ist im Un­ter­schied zu vie­len an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern wie z.B. Frank­reich, Eng­land oder Ita­li­en prak­tisch kaum von Streiks be­trof­fen. Das be­trifft so­wohl die An­zahl der Streik­ta­ge (Streik­häu­fig­keit) als auch die Ver­laufs­form von Streiks, d.h. de­ren Län­ge (Streik­in­ten­si­tät). Es be­steht da­her kein wirk­li­cher po­li­ti­scher Hand­lungs­be­darf.

Da­für aber gibt es ein Grund­recht auf Streik, das auch klei­ne­re Ge­werk­schaf­ten wie die Ärz­te­ge­werk­schaft Mar­bur­ger Bund als Teil ih­rer ver­fas­sungs­recht­lich ga­ran­tier­ten Ko­ali­ti­ons­frei­heit (Art.9 Abs.3 Grund­ge­setz - GG) für sich in An­spruch neh­men kön­nen.

Hin­zu kommt, dass das Streik­recht auch durch die Eu­ro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (EM­RK) ga­ran­tiert ist, d.h. Art.11 EM­RK er­laubt Streik­ver­bo­te nur für Streit­kräf­te, die Po­li­zei und die Si­cher­heits­ver­wal­tung, nicht aber für klei­ne und wirt­schafts­po­li­tisch miss­lie­bi­ge Kon­kur­ren­ten der eta­blier­ten (DGB-)Ge­werk­schaf­ten.

Es ist da­her kein Zu­fall, dass sich der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund (DGB) im Som­mer 2011 aus­drück­lich von der Ge­set­zes­in­itia­ti­ve dis­tan­ziert hat, für die er sich selbst zu­vor zu­sam­men mit der Ar­beit­ge­ber­sei­te stark ge­macht hat­te.

Der ak­tu­el­le Vor­stoß der SPD für ein ge­setz­li­ches Streik­ver­bot, das we­nig Nut­zen stif­ten wür­de, da­für aber al­ler Wahr­schein­lich­keit nach ver­fas­sungs­wid­rig wä­re und ge­gen die EM­RK ver­stie­ße, ist da­her letzt­lich wohl nur Wahl­kampf­ge­tö­se.

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Letzte Überarbeitung: 1. Juli 2016

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