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ARBEITSRECHT AKTUELL // 12/224

Ta­rif­ver­hand­lung der Me­tall­in­dus­trie 2012

Die Ta­rif­run­de der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie 2012 - Sekt oder Sel­ters?
4,3 Pro­zent mehr Lohn für die Me­tal­ler - der höchs­te Ta­rif­ab­schluss seit 20 Jah­ren
08.06.2012. „Mehr und Fair“ oder „Wir ha­ben es ver­dient“: Un­ter die­sen Mot­tos zo­gen Zehn­tau­sen­de Ar­beit­neh­mer der Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie von der Küs­te bis nach Bay­ern mit Tril­ler­pfei­fen durch die Werk­to­re.

Ein ho­her Druck las­te­te auf der dies­jäh­ri­gen Ta­rif­run­de, denn nach den Kri­sen­jah­ren ei­nig­te man sich im Jahr 2010 le­dig­lich auf ei­ne Ein­mal­zah­lung in Hö­he von 320 EUR und auf ei­ne Ent­gel­ter­hö­hung von 2,7 Pro­zent ab April 2011. Das soll­te in die­sem Jahr an­ders wer­den. Ge­for­dert wa­ren 6,5 Pro­zent mehr Lohn, ei­ne un­be­fris­te­te Über­nah­me der Aus­ge­bil­de­ten so­wie mehr Mit­be­stim­mungs­rech­te der Be­triebs­rä­te in Be­zug auf die Leih­ar­beit.

Das sich die Ge­werk­schaft auf har­te Ver­hand­lungs­run­den ein­ge­stellt hat­te, zeich­ne­te sich be­reits im Vor­feld ab. Der IG-Me­tall-Bun­des­vor­sit­zen­de Bert­hold Hu­ber kün­dig­te noch En­de Ja­nu­ar har­te Ta­rif­ver­hand­lun­gen an und sag­te vor­aus, dass wenn die Ar­beit­ge­ber bei ih­rer Po­si­ti­on blie­ben, „dann wird es eben schep­pern“. Auch der DGB-Chef Mi­cha­el Som­mer be­kräf­tig­te die Ta­rif­for­de­run­gen der In­dus­trie­ge­werk­schaft Me­tall im Vor­feld mit den Wor­ten, dass die Ar­beit­ge­ber wüss­ten, dass die­se „kampf­be­reit und kampf­er­probt“ sei (wir be­rich­ten dar­über in Ar­beits­recht ak­tu­ell 12/172: DGB-Chef be­kräf­tigt Lohn­for­de­run­gen im Ta­rif­streit der Me­tall­in­dus­trie).

Am 28.04.2012 wur­de es dann ernst, denn um 00.00 Uhr en­de­te die Frie­dens­pflicht der ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie. Prompt wur­de in ver­schie­de­nen Be­trie­ben die Ar­beit nie­der­ge­legt. Das An­ge­bot der Ar­beit­ge­ber, ei­ne Lohn­er­hö­hung von 2,6 Pro­zent zu zah­len war zu dürf­tig. Auch in der Fol­ge be­wie­sen die Me­tal­ler ih­re Kampf­be­reit­schaft, al­lein in Bay­ern leg­ten zeit­wei­se 70.000 Men­schen ih­re Ar­beit nie­der (wir be­rich­ten dar­über in Ar­beits­recht ak­tu­ell 12/179: Zehn­tau­sen­de Ar­beit­neh­mer der Me­tall­in­dus­trie im Warn­streik).

In Sin­del­fin­gen ei­nig­te man sich dann am 19.05.2012 auf ei­nen Pi­lot­ab­schluss für das Ta­rif­ge­biet Ba­den-Würt­tem­berg: ab dem 01.05.2012 er­hal­ten die rund 3,5 Mil­lio­nen Be-schäf­tig­ten der Bran­che 4,3 Pro­zent mehr Lohn. Ein Er­folg, der aus­sieht wie ein glat­ter Durch­marsch der IG Me­tall. Schließ­lich han­delt es sich um den höchs­ten Ta­rif­ab­schluss seit 20 Jah­ren, denn an­no 1992 wur­de ein Lohn­plus von 5,4 Pro­zent aus­ge­han­delt. Im Jahr da­vor (1991) wa­ren es gar 6,7 Pro­zent.

Je­doch zeig­ten sich am En­de auch die Ar­beit­ge-ber zu­frie­den. Ge­samt­me­tall­prä­si­dent Mar­tin Kan­ne­gies­ser sprach von ei­ner „schwie­ri­gen Grat­wan­de­rung, bei der wir manch­mal nur mit Trip­pel­schrit­ten vor­an­ka­men. Am En­de ha­be wir Fehl­trit­te ver­mie­den und ge­mein­sam un­ser Ziel er­reicht.“ Bert­hold Hu­ber, der ers­te Vor­sit­zen­de der IG Me­tall, äu­ßer­te sich ähn­lich ge­las­sen: „Wir ha­ben ei­nen For­de­rungs­drei­klang auf­ge­stellt, um die Her­aus­for­de­run­gen ei­ner mo­der­nen Ar­beits­welt be­wäl­ti­gen zu kön­nen“, sag­te er in ei­ner Pres­se­mit­tei­lung der Ge­werk­schaft.

Doch was be­deu­tet die­ser Ab­schluss un­ter dem Strich? Das Lohn­plus von 4,3 Pro­zent liegt deut­lich über der In­fla­ti­ons­ra­te, die in Deutsch­land im Jahr 2011 bei 2,3 Pro­zent lag. Je­doch dürf­te sich „die 4 vor dem Kom­ma“ nicht ganz hal­ten, da im Mo­nat April ei­ne Null­run­de ein­ge­legt wird und das Plus sich erst ab dem 1. Mai auf den Kon­ten der Ar­beit­neh­mer nie­der­schla­gen wird.

Für Aus­zu­bil­den­de gilt künf­tig „im Grund­satz die un­be­fris­te­te Über­nah­me“. Von „Grund­sät­zen“ kann je­doch re­gel­mä­ßig ab­ge­wi­chen wer­den. So auch hier, denn die un­be­fris­te­te Über­nah­me der Aus­ge­bil­de­ten un­ter­liegt ei­ni­gen recht­li­chen Fall­stri­cken. Der Ver­ein­ba­rung zu­fol­ge sol­len die Ab­sol­ven­ten nach dem Be­ste­hen ih­rer Ab­schluss­prü­fung „in der Re­gel“ über­nom­men wer­den. Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat ha­ben da­bei zwei Ge­stal­tungs­mög­lich­kei­ten:

Die ers­te Mög­lich­keit ist die, dass Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat zu Be­ginn der Aus­bil­dung ei­ne frei­wil­li­ge Be­triebs­ver­ein­ba­rung ab­schlie­ßen, in der der vor­aus­sicht­li­che Be­darf an frisch aus­ge­bil­de­ten er­mit­telt und die An­zahl der un­be­fris­tet zu über­neh­men­den Aus­ge­bil­de­ten fest­ge­legt wer­den soll. Über Be­darf aus­ge­bil­de­te jun­ge Men­schen ha­ben in die­sem Fall je­doch schlech­te Kar­ten: Sie ha­ben kei­nen Über­nah­me­an­spruch, nicht ein­mal be­fris­tet für 12 Mo­na­te.

Für den Fall das kei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung zu Be­ginn der Aus­bil­dung ge­schlos­sen wird, hat der Ar­beit­ge­ber spä­tes­tens sechs Mo­na­te vor dem En­de der Aus­bil­dungs­ver­trä­ge den ab­seh-ba­ren Be­darf mit dem Be­triebs­rat zu be­ra­ten. Zu­dem muss der Ar­beit­ge­ber die An­zahl der Azu­bis fest­le­gen, de­nen im Hin­blick auf die be-trieb­li­che Si­tua­ti­on ein un­be­fris­te­tes Ar­beits-ver­hält­nis an­ge­bo­ten wird. Die­je­ni­gen Aus­zu­bil­den­den, die über Be­darf aus­ge­bil­det wur­den ha­ben in die­sem Fall An­spruch auf ei­ne 12-mo­na­ti­ge Be­fris­tung, wo­bei 3 Mo­na­te vor de­ren Aus­lau­fen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat noch­mals über die Mög­lich­keit ei­ner Wei­ter­be­schäf­ti­gung be­ra­ten.

Die Lis­te mit Hin­ter­tür­chen und Ein­schrän­kun­gen ist al­so lang. Dies gilt auch für die ge­for­der­te Mit­be­stim­mung in Be­zug auf die Leih­ar­beit. Auch IG-Me­tall-Chef Bert­hold Hu­ber be­merk­te, dass „die Fort­schrit­te hier hät­ten deut­li­cher aus­fal­len kön­nen".

Kon­kret be­deu­tet dies: Der vor­über­ge­hen­de Ein­satz von Zeit­ar­bei­tern gem. § 1 Abs. 1 Satz 2 Ar­beit­neh­mer­über­las­sungs­ge­setz (AÜG) ist nach wie vor zu­läs­sig. In­ner­halb der ers­ten zwei Jah­re kann al­so je­der Be­trieb wei­ter­hin selbst ent­schei­den, ob und wie er Zeit­ar­beit-neh­mer ein­set­zen möch­te. Le­dig­lich Zeit­ar­beit-neh­mern, die län­ger als 24 Mo­na­te im Ent­lei­her­be­trieb ein­ge­setzt wa­ren müs­sen von die­sem künf­tig ein Über­nah­me­an­ge­bot er­hal­ten. Es ist je­doch frag­lich, wie vie­le Leih­ar­beit­neh­mer tat­säch­lich gan­ze zwei Jah­re im Ent­lei­her­be­trieb ein­ge­setzt wer­den. Der An­teil dürf­te wohl eher ge­ring sein.

Fa­zit: Das Lohn­plus ist zwar nicht ganz so üp­pig aus­ge­fal­len wie zu­nächst von der IG Me­tall ge­for­dert, ist aber im­mer noch ein gu­tes Er­geb­nis, da vie­le Ar­beit­neh­mer be­reits vor dem Ta­rif­ab-schluss auf be­trieb­li­cher Ebe­ne er­heb­li­che Zu­satz­zah­lun­gen er­hal­ten hat­ten. Die jetzt er­reich­te ta­rif­li­che Lohn­er­hö­hung ist da­her in Zu­sam­men­hang mit den be­reits vor­ab rea­li­sier­ten Lohn­auf­bes­se­run­gen zu se­hen.

Für die Aus­zu­bil­den­den gilt künf­tig: Über­nah­me „Ja“, aber nur im Rah­men des be­trieb­li­chen Ar­beits­kräf­te­be­darfs. Auch wenn die recht­li­chen Ein­schrän­kun­gen die­ses Prin­zips viel­fäl­tig sind, gibt der Ta­rif­ab­schluss hier ein gu­tes Bei­spiel. Denn Aus­ge­lern­te sol­len künf­tig nicht mehr von ei­ner Be­fris­tung in die nächs­te ge­schickt wer­den, son­dern es be­steht die grund­sätz­li­che und ta­rif­lich im Prin­zip ab­ge­si­cher­te Er­war­tung, bei er­folg­rei­cher Be­en­di­gung der Aus­bil­dung dau­er­haft über­nom­men zu wer­den.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 18. November 2015

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