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Thys­sen­krupp will 6.000 Stel­len strei­chen

Thys­sen­krupp sagt den Zu­sam­men­schluss mit Ta­ta Steel ab. Das hat weit­rei­chen­de Fol­gen - vor al­lem für die Be­schäf­tig­ten
Stellenabbau, Entlassungen, Entlassungswelle

10.05.2019. (dpa/fle) - Thys­sen­krupp-Chef Gui­do Kerk­hoff hat bei der Sa­nie­rung des kri­seln­den In­dus­trie­kon­zerns ei­nen schwe­ren Rück­schlag er­lit­ten.

Die schon weit vor­an­ge­trie­be­ne Stahl­fu­si­on mit dem in­di­schen Kon­kur­ren­ten Ta­ta sei "am Wi­der­stand der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on ge­schei­tert", sag­te Kerk­hoff am Frei­tag.

In den kom­men­den drei Jah­ren will der Es­se­ner Kon­zern jetzt 6.000 Stel­len strei­chen, 4.000 mehr als bis­her ge­plant. Ent­las­sun­gen schließt er da­bei nicht aus. Auch Ta­ta rech­net mit ei­nem Nein der Wett­be­werbs­hü­ter zu der Stahl­fu­si­on.

We­gen des er­war­te­ten Ve­tos aus Brüs­sel sag­te Kerk­hoff auch die ge­plan­te Auf­spal­tung von Thys­sen­krupp in zwei ei­gen­stän­di­ge, bör­sen­no­tier­te Un­ter­neh­men für Werk­stof­fe und für In­dus­trie­gü­ter ab. "Der Kon­zern bleibt als Gan­zes er­hal­ten", kün­dig­te er an. Um neu­es Geld in die Kas­se zu be­kom­men, will Kerk­hoff jetzt die pro­fi­ta­ble Auf­zugs­spar­te des Kon­zerns an die Bör­se brin­gen. Das hat­ten In­ves­to­ren im­mer wie­der ge­for­dert. An der Bör­se kam die An­kün­di­gung gut an. Der Ak­ti­en­kurs des Dax-Un­ter­neh­mens leg­te zeit­wei­se um mehr als 20 Pro­zent zu.

Die Fu­si­on galt als ein Kern­stück des ge­plan­ten Kon­zern­um­baus. Durch den Zu­sam­men­schluss wä­re Eu­ro­pas zweit­größ­ter Stahl­kon­zern mit rund 48.000 Mit­ar­bei­tern und Wer­ken in Deutsch­land, Groß­bri­tan­ni­en und den Nie­der­lan­den ent­stan­den. Thys­sen­krupp woll­te da­mit die Ab­hän­gig­keit vom schwan­ken­den Stahl­ge­schäft ver­rin­gern, das un­ter Über­ka­pa­zi­tä­ten und dem Wett­be­werbs­druck aus Asi­en lei­det.

Für die rund 27.000 Mit­ar­bei­ter von Thys­sen­krupp beim Stahl sei das Ve­to der EU-Kom­mis­si­on "ein har­ter Schlag", sag­te Kerk­hoff. Ih­nen hät­te die Fu­si­on mit Ta­ta "ei­ne Zu­kunfts­per­spek­ti­ve ge­ge­ben". Die IG Me­tall hat­te ei­ne Be­schäf­ti­gungs­ga­ran­tie bis zum 30.09.2026 so­wie ei­ne lang­fris­ti­ge Stand­ort­si­che­rung er­reicht.

Die­ser Ta­rif­ver­trag wer­de jetzt nicht in Kraft tre­ten, sag­te Per­so­nal­vor­stand Oli­ver Burk­hard. Be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen könn­ten bei ei­nem Ab­bau­pro­gramm die­ser Grö­ßen­ord­nung nicht aus­ge­schlos­sen wer­den. Von den 6.000 Stel­len sol­len 4.000 in Deutsch­land ab­ge­baut wer­den. Welt­weit hat der Kon­zern rund 160.000 Mit­ar­bei­ter. Die Ver­wal­tungs­kos­ten will Thys­sen­krupp von der­zeit 380 Mil­lio­nen EUR in den nächs­ten zwei Jah­ren na­he­zu hal­bie­ren.

Die IG Me­tall for­der­te auch un­ter den neu­en Be­din­gun­gen "lang­fris­ti­ge Si­cher­hei­ten" für die Be­schäf­tig­ten. Ein­nah­men aus dem Bör­sen­gang der Auf­zugs­spar­te dürf­ten nicht an die Ak­tio­nä­re aus­ge­schüt­tet wer­den, sag­te der nord­rhein-west­fä­li­sche Be­zirks­lei­ter Knut Gies­ler. Das Geld müs­se für die Sta­bi­li­sie­rung des Kon­zerns ein­ge­setzt wer­den. Thys­sen­krupp will nach den Wor­ten von Kerk­hoff ei­ne Mehr­heits­be­tei­li­gung an der Auf­zugs­spar­te hal­ten.

Die La­ge von Thys­sen­krupp hat­te sich in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten deut­lich ver­schlech­tert. Thys­sen­krupp sei trotz al­ler An­stren­gun­gen "noch im­mer kein star­ker In­dus­trie­kon­zern", klag­te Kerk­hoff. Der Ak­ti­en­kurs war seit En­de ver­gan­ge­nen Jah­res um 40 Pro­zent ein­ge­bro­chen. Die Auf­spal­tung des Kon­zerns sei an der Bör­se im­mer mehr in­fra­ge ge­stellt wor­den, räum­te der Vor­stands­chef ein.

Schwa­che Zah­len im bis­he­ri­gen Ge­schäfts­jahr und ei­ne wohl deut­lich hö­her als er­war­tet aus­fal­len­de Kar­tell­stra­fe beim Stahl kä­men hin­zu. Un­ter die­sen Rah­men­be­din­gun­gen sei die Tei­lung des Kon­zerns nicht mehr die bes­te Lö­sung. "Den von uns be­ab­sich­tig­ten Neu­start be­kom­men wir so nicht mehr hin", sag­te Kerk­hoff.

Um die Ge­neh­mi­gung aus Brüs­sel zu er­hal­ten, woll­ten Thys­sen­krupp und Ta­ta klei­ne­re Wer­ke ver­kau­fen. Auch wei­te­re wirt­schaft­lich ge­ra­de noch ver­tret­ba­re An­ge­bo­te hät­ten die Be­den­ken nicht aus­ge­räumt, sag­te Kerk­hoff, der am Mor­gen mit Wett­be­werbs­kom­mis­sa­rin Mar­g­re­the Ves­ta­ger ge­spro­chen hat­te. "Wir ma­chen kei­nen wirt­schaft­li­chen Un­fug", be­ton­te der Vor­stands­vor­sit­zen­de.

Die EU-Kom­mis­si­on woll­te die An­kün­di­gung von Thys­sen­krupp am Frei­tag nicht kom­men­tie­ren. Ein Spre­cher von Ves­ta­ger sag­te, der Fall sei noch nicht ab­ge­schlos­sen. Ak­tu­ell sei ei­ne Ent­schei­dung bis zum 17. Ju­ni vor­ge­se­hen.

Den Auf­sichts­rat, in dem die Krupp-Stif­tung und der schwe­di­sche In­ves­tor Ce­vi­an die größ­ten Ak­ti­en­pa­ke­te ver­tre­ten, sieht Kerk­hoff auf sei­ner Sei­te. Ce­vi­an-Co-Chef Lars För­berg for­der­te, bei Thys­sen­krupp sei ei­ne fun­da­men­ta­le Neu­aus­rich­tung drin­gend not­wen­dig. Es dür­fe «"ei­ne his­to­ri­schen oder po­li­ti­schen Ta­bus mehr ge­ben". Die Krupp-Stif­tung ver­si­cher­te, sie ste­he "nach wie vor an der Sei­te des Un­ter­neh­mens und sei­ner Mit­ar­bei­ter". Das Un­ter­neh­men müs­se in al­len Ge­schäfts­fel­dern wett­be­werbs­fä­hig auf­ge­stellt sein, "mit zu­kunfts­si­che­ren Ar­beits­plät­zen und ei­ner nach­hal­ti­gen Di­vi­den­den­fä­hig­keit".

Die tur­bu­len­ten Zei­ten bei Thys­sen­krupp ge­hen mit dem Aus für Stahl­fu­si­on und Auf­spal­tung wei­ter. Im ver­gan­ge­nen Som­mer hat­te zu­nächst der da­ma­li­ge Vor­stands­chef Hein­rich Hie­sin­ger, der die Fu­si­on ein­ge­fä­delt hat­te, über­ra­schend das Hand­tuch ge­wor­fen. Kurz dar­auf folg­te ihm Auf­sichts­rats­chef Ul­rich Leh­ner, der man­geln­des Ver­trau­en der gro­ßen Ak­tio­nä­re als Grund für sein Aus­schei­den nann­te.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 21. Mai 2019

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