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Un­ter­neh­mer­geist oder mün­di­ger Ver­brau­cher? Fach Wirt­schaft spal­tet

Dass Wirt­schaft auch in der Schu­le statt­fin­den soll, ist in­zwi­schen weit­ge­hend Kon­sens: Wäh­rend Un­ter­neh­mer sich mehr Be­triebs­wirt­schaft wün­schen, be­fürch­ten Ge­werk­schaf­ter ei­ne zu ein­sei­ti­ge Bil­dung
Unterrichtsraum mit Kursleiter hinter Lehrerpult und einer Kursteilnehmerin, beide stehend Wie könn­te das Fach Wirt­schaft ge­stal­tet wer­den?

17.07.2014. (dpa) - Fir­men­che­fin Jo­se­fa Wä­gner ist zu­frie­den.

Die Ge­schäf­te lau­fen gut.

Der Um­satz liegt bei mehr als 12 000 Eu­ro, die La­ger sind leer ge­räumt.

Ei­ne Er­folgs­sto­ry - da­bei ist Jo­se­fa Wä­gner ge­ra­de mal 17 Jah­re alt.

Die Fir­ma, die sie lei­tet, ha­ben sie und ih­re Mit­schü­ler am Gym­na­si­um Fried­rich II. im ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Lorch im Rah­men des Pro­gramms Ju­ni­or des In­sti­tuts der deut­schen Wirt­schaft ge­grün­det. St­un­den ha­ben sie über Kon­zep­ten, Bi­lan­zen und Um­set­zung ge­ses­sen. Am En­de stand das Pro­dukt: Das Koch­buch "So­ci­al­cook­star" mit Ster­ne­kö­chen aus Ba­den-Würt­tem­berg. Mehr als 3 000 Eu­ro Ge­winn vor Steu­ern ha­ben sie da­mit ein­ge­fah­ren - ein Teil da­von geht an ein Pro­jekt für Stra­ßen­kin­der in Stutt­gart. Sol­che Pro­jek­te sind selbst im wirt­schafts­star­ken "Länd­le" nicht die Re­gel.

Bis­lang ist Wirt­schaft in Ba­den-Würt­tem­berg an Gym­na­si­en ein Wahl­fach. Das soll sich än­dern. Von 2016/2017 an wird im Süd­wes­ten "Wirt­schaft Be­rufs- und Stu­di­en­ori­en­tie­rung" als Pflicht­fach flä­chen­de­ckend an all­ge­mein­bil­den­den wei­ter­füh­ren­den Schu­len un­ter­rich­tet. An 14 Schu­len star­tet schon in die­sem Herbst ein Test­lauf. Bun­des­weit ist das Vor­ha­ben ein­zig­ar­tig.

"Ba­den-Würt­tem­bergs An­satz hat durch­aus Vor­bild­cha­rak­ter für die Bun­des­re­pu­blik", sagt Dirk Lo­er­wald, Pro­fes­sor für Öko­no­mi­sche Bil­dung an der Uni Ol­den­burg. Auf Ebe­ne der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz gibt es bis­lang kei­ne Initia­ti­ve, das Fach flä­chen­de­ckend ein­zu­füh­ren. Wäh­rend Nie­der­sach­sen bei­spiels­wei­se ein Pflicht­fach Wirt­schaft für die Re­al­schu­le hat und es in Gym­na­si­en Wirt­schaft und Po­li­tik nennt, gibt es in Nord­rhein-West­fa­len seit Jah­ren das Fach So­zi­al­wis­sen­schaf­ten, für Re­al­schu­len wird über ein Pflicht­fach Wirt­schaft dis­ku­tiert. "Von ei­ner flä­chen­de­cken­den Si­tua­ti­on sind wir in Deutsch­land weit ent­fernt", sagt Lo­er­wald.

Der Nut­zen ei­nes sol­chen Fachs ist auch um­strit­ten. Die Ar­beit­ge­ber spre­chen sich klar da­für aus. "In ei­nem Sam­mel­fach droht das The­ma un­ter­zu­ge­hen", sagt Do­na­te Klu­xen-Py­ta, stell­ver­tre­ten­de Lei­te­rin der Ab­tei­lung Bil­dung bei der Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de (BDA). Au­ßer­dem ge­be es oh­ne Fach auch kei­ne spe­zia­li­sier­te Leh­rer­aus­bil­dung.

Beim Deut­schen Ge­werk­schafts­bund (DGB) ist man zwar auch für mehr öko­no­mi­sche Bil­dung. "Das kann aber nicht nur BWL und VWL sein", sagt Mat­thi­as An­buhl, Ab­tei­lungs­lei­ter Bil­dungs­po­li­tik des DGB in Ber­lin. "Wir sind für ei­nen Fä­cher­ver­bund", sagt Joa­chim Ruth, der beim DGB in Ba­den-Würt­tem­berg für bil­dungs­po­li­ti­sche The­men zu­stän­dig ist. Da­mit wer­de Wirt­schaft in ei­nen so­zio-öko­no­mi­schen Kon­text ein­ge­bet­tet und auch Ver­brau­cher­bil­dung kön­ne ein­be­zo­gen wer­den.

Die Lor­cher Schü­ler sind an­de­rer Mei­nung: "Wenn man sieht, was man frü­her für Wirt­schaft ge­hal­ten hat, merkt man, dass man nicht so rich­tig Ah­nung hat­te", sagt die Schü­le­rin Ve­re­na Schatz. In der Mi­schung mit Ge­mein­schafts­kun­de sei Wirt­schaft zu lang­wei­lig - zu ober­fläch­lich, fin­det Fe­lix We­ber, der an der Schü­ler­fir­ma mit­ge­ar­bei­tet hat. Das Gym­na­si­um folgt seit 2008 ei­nem Kon­zept für öko­no­mi­sche Bil­dung, das ne­ben nor­ma­lem Un­ter­richt Plan­spie­le oder die Ko­ope­ra­ti­on mit mit­tel­stän­di­schen Fir­men vor­sieht.

Ei­ni­ge Fir­men ge­hen noch wei­ter und ha­ben die wirt­schaft­li­che Bil­dung in­zwi­schen selbst in die Hand ge­nom­men. Um ih­ren Fach­kräf­te­be­darf zu si­chern, ha­ben Daim­ler, Bosch, die Deut­sche Bahn oder Au­di ei­ge­ne Bil­dungs­pro­gram­me ins Le­ben ge­ru­fen. Im Ver­bund "Wis­sens­fa­brik" be­mü­hen sich mehr als 120 Un­ter­neh­men, Bil­dungs­part­ner­schaf­ten mit Schu­len zu schlie­ßen.

In Ba­den-Würt­tem­berg, wo ak­tu­ell der neue Bil­dungs­plan er­ar­bei­tet wird, be­ob­ach­tet man das mit Ar­gus­au­gen. «Schu­le darf kei­ne Wer­be­ver­an­stal­tung wer­den. Im Ge­gen­teil: Schu­le muss ei­ner der letz­ten Be­rei­che im Her­an­wach­sen un­se­rer Kin­der blei­ben, der nicht auf Teu­fel komm raus markt­kon­form ge­stal­tet wird», sagt Ver­di-Lan­des­be­zirks­lei­te­rin Le­ni Brey­mai­er.

Ste­fan Küp­per, Bil­dungs­ab­tei­lungs­lei­ter bei Süd­west­me­tall, be­schwich­tigt: "Wir wol­len kei­ne klei­nen BW­Ler und Un­ter­neh­mer her­an­züch­ten", sagt er. Es ge­he um ei­nen brei­ten An­satz. "Da­zu ge­hö­ren auch Ge­werk­schaf­ten und Be­triebs­rä­te."

Die Schü­ler aus Lorch ha­ben das erst noch vor sich. Die grö­ße­ren ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­hän­ge der Volks­wirt­schafts­leh­re wer­den sie im kom­men­den Schul­jahr ken­nen­ler­nen. Dass ih­re Fir­ma mit mehr als fünf Mit­ar­bei­tern ei­nen Be­triebs­rat hät­te ha­ben kön­nen, wis­sen sie in­zwi­schen. Den für die Schü­ler­fir­ma zu grün­den, hät­te die Sa­che aber kom­pli­ziert, grinst Fe­lix We­ber. An den 50 Cent St­un­den­lohn und den durch­ge­ar­bei­te­ten Wo­chen­en­den hät­te er wohl oh­ne­hin nichts ge­än­dert.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 11. November 2015

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