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ARBEITSRECHT AKTUELL // 15/086

Wie Ver­di mit dem Ama­zon-Streik um Mit­glie­der buhlt

Vor Os­tern ver­stärkt die Ge­werk­schaft Ver­di wie­der ih­re Streiks beim Ver­sand­händ­ler Ama­zon. Ein Bran­chen-Ex­per­te glaubt, dass es Ver­di vor al­lem um das Wer­ben neu­er Mit­glie­der geht. Die Ge­werk­schaft kon­tert: Je mehr Mit­glie­der, des­to grö­ßer die Durch­set­zungs­kraft
Streik viele Streikende Wel­che Aus­wir­kun­gen hat die Streik­wel­le?

01.04.2015. (dpa) - Os­tern kommt der Ge­werk­schaft Ver­di ge­le­gen - wenn es dar­um geht, dem Ver­sand­han­dels­rie­sen Ama­zon zu­zu­set­zen.

Im um­satz­träch­ti­gen Weih­nachts­ge­schäft ver­such­te Ver­di zu­letzt mit al­ler Macht, Ama­zon die Bi­lanz zu ver­mie­sen.

Da­nach wur­de nur ver­ein­zelt in dem Ta­rif­kon­flikt ge­streikt.

Jetzt - zum Os­ter­ge­schäft - in­ten­si­viert Ver­di wie­der mas­siv die Be­mü­hun­gen.

Am Diens­tag wur­de in bun­des­weit sechs Ver­teil­zen­tren an fünf Stand­or­ten von ei­nem Teil der Be­leg­schaft die Ar­beit nie­der­ge­legt.

Und es geht wei­ter: An vier Stand­or­ten wur­de der Streik­auf­ruf bis Don­ners­tag­abend ver­län­gert.

In Bran­chen-Krei­sen wird der seit 2013 wäh­ren­de Ta­rif­kon­flikt auf­merk­sam be­ob­ach­tet. Ver­di will Ama­zon zur Auf­nah­me von Ta­rif­ver­hand­lun­gen be­we­gen und ei­nen Ta­rif­ver­trag zu den bes­se­ren Be­din­gun­gen des Ein­zel­han­dels er­wir­ken. Han­dels­ex­per­te Ger­rit Hei­nemann, Pro­fes­sor an der Hoch­schu­le Nie­der­rhein in Mön­chen­glad­bach, meint aber: "Die Streiks von Ver­di bei Ama­zon sind mitt­ler­wei­le ein rei­ner PR-Gag. Sie die­nen nur der Mit­glie­der­wer­bung für die Ge­werk­schaft. Da geht es gar nicht mehr um den Kampf um ei­nen Ta­rif­ver­trag, son­dern dar­um, neue Mit­glie­der zu ge­win­nen und Auf­merk­sam­keit in der Pres­se zu er­zeu­gen."

Eva Völ­pel aus dem Ver­di-Bun­des­vor­stand in Ber­lin er­wi­dert: "Bei je­dem Streik ge­win­nen wir Mit­glie­der. Dar­um geht es ja auch - je mehr Leu­te, des­to mehr Durch­schlags­kraft". Zah­len zur Mit­glie­der­ent­wick­lung in ein­zel­nen Be­rei­chen ge­be die Ge­werk­schaft ge­ne­rell nicht her­aus. Neue Mit­strei­ter kann die Ge­werk­schaft aber gut ge­brau­chen. Im ver­gan­ge­nen Jahr ist die Mit­glie­der­zahl nach ei­ge­nen An­ga­ben leicht zu­rück­ge­gan­gen. Zum Jah­res­en­de ver­zeich­ne­te Ver­di ins­ge­samt ex­akt 2 039 931 Mit­glie­der, das wa­ren 24 610 oder 1,19 Pro­zent we­ni­ger als ein Jahr zu­vor.

Zu­dem ist Hei­nemann der An­sicht: "Die Streiks bei Ama­zon könn­ten für die Ge­werk­schaft auf Mit­ar­bei­ter­sei­te nach hin­ten los­ge­hen. Ver­di for­ciert le­dig­lich, dass Ama­zon die Au­to­ma­ti­sie­rung und Ar­beit mit Ro­bo­tern in den Ver­sand­la­gern vor­an­treibt. Auch ei­ne Ver­la­ge­rung der deut­schen Stand­or­te in Rich­tung Os­ten wird lang­fris­tig pro­vo­ziert."

Wel­che Aus­wir­kun­gen die ak­tu­el­le Streik­wel­le hat - dar­über herrscht Streit. Der Bran­chen-Rie­se aus den USA ver­si­chert im­mer wie­der: Die Pro­tes­te lau­fen ins Lee­re. Mit Hil­fe des eu­ro­pa­wei­ten Lo­gis­tik­netz­werks an 28 Stand­or­ten kön­ne man die An­griffs­ver­su­che von Ver­di ent­kräf­ten. Die Ge­werk­schaft ist sich da­ge­gen si­cher: Wir tun Ama­zon weh. Es kom­me zu Lie­fer­ver­zö­ge­run­gen, die an der Zu­ver­läs­sig­keit von Ama­zon rüt­teln sol­len.

Kun­den des On­line-Por­tals ver­sucht Ama­zon ste­tig zu be­ru­hi­gen. Wer bis Diens­tag­abend be­stellt, be­kommt die Lie­fe­rung pünkt­lich bis Os­tern - so die Bot­schaft. So soll nie­mand um die recht­zei­ti­ge Zu­stel­lung wo­mög­lich ge­or­der­ter Prä­sen­te fürch­ten müs­sen. Ama­zon-Spre­che­rin Anet­te Nach­bar be­ton­te: "Das Os­ter­ge­schäft ist wich­tig für uns."

Und ge­strit­ten wird auch über die Fra­ge: Wie ent­wi­ckelt sich die Streik­be­reit­schaft? Ama­zon ist der Mei­nung: Die Be­reit­schaft brö­ckelt. Oh­ne­hin strei­ke auch nur ei­ne Min­der­heit. Die Ge­werk­schaft gibt sich in­des stets kämp­fe­risch und sieht ei­nen un­ge­bro­che­nen Wil­len bei den Mit­strei­tern. "Das wird ein lan­ger Kampf. Wir brau­chen ei­nen lan­gen Atem", er­klärt Ver­di-Frau Völ­pel.

Der Ta­rif­kon­flikt ist seit lan­gem fest­ge­fah­ren. Ei­ne Lö­sung scheint nicht in Sicht, oh­ne dass ei­ne Par­tei ihr Ge­sicht ver­liert und ein Schei­tern ein­ge­ste­hen muss. Ver­di for­dert Ama­zon zu Ta­rif­ge­sprä­chen zu den Be­din­gun­gen des Ein­zel­han­dels auf. Ama­zon sieht sich als Lo­gis­tik­un­ter­neh­men und sieht kei­nen An­lass für Zu­ge­ständ­nis­se.

We­gen der Dif­fe­ren­zen kommt es seit Mai 2013 im­mer wie­der zu Streiks; am Diens­tag am größ­ten deut­schen Stand­ort in Bad Hers­feld (Hes­sen), in Ko­blenz (Rhein­land-Pfalz), Leip­zig (Sach­sen), in Rhein­berg und Wer­ne (Nord­rhein-West­fa­len). In Ko­blenz en­de­ten die Streiks am Diens­tag vor­läu­fig. An den an­de­ren Stand­or­ten wird der Aus­stand bis Don­ners­tag­abend ver­län­gert, wie Ver­di am Nach­mit­tag be­kannt­gab.

Ein No­vum: Auch die Be­schäf­tig­ten des DVD-Ver­lei­hers Lovefilm in Elms­horn (Schles­wig-Hol­stein) be­tei­lig­ten sich am Diens­tag erst­mals am Streik. Der Ta­rif­kon­flikt zieht wei­ter Krei­se.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 12. April 2016

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