HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 12/299

Schlech­te Ar­beits­be­din­gun­gen bei Za­lan­do

Schrei vor Schreck! Za­lan­do schockt mit men­schen­un­wür­di­gen Ar­beits­be­din­gun­gen
Ka­ta­stro­pha­le Be­din­gun­gen für Za­lan­do-Mit­ar­bei­ter
05.09.2012. Min­dest­löh­ne, Sitz­ver­bo­te, ei­ne ein­zi­ge Con­tai­ner­toi­let­te für die ge­sam­te Werks­hal­le: Der On­line-Ver­sandrie­se Za­lan­do pro­du­ziert nicht nur sat­te Um­sät­ze, son­dern auch schlech­te Schlag­zei­len. Denn durch ei­ne in­ves­ti­ga­ti­ve ZDF-Re­por­ta­ge wur­den die un­zu­rei­chen­den Ar­beits­be­din­gun­gen am Stand­ort Groß­bee­ren, na­he Ber­lin, nun öf­fent­lich be­kannt.

Za­lan­do gibt es erst seit dem Jah­re 2008. Größ­ter An­teils­eig­ner sind die 3 Sam­wer-Brü­der, die sich vor­her be­reits mit Pro­jek­ten wie „Jam­ba“, „Stu­di­VZ“ oder auch „Alan­do“ ei­nen Na­men ge­macht ha­ben. Das Un­ter­neh­men ist in den letz­ten Jah­ren stark ge­wach­sen. Im Jahr 2011 wur­de nach Fir­men­an­ga­ben ein Um­satz von 510 Mil­lio­nen EUR er­reicht. Wie hoch der Ge­schäfts­er­folg nach all­dem aus­fällt, ist bis­lang ein gut ge­hü­te­tes Fir­men­ge­heim­nis. Ein rie­si­ges Loch dürf­te al­ler­dings re­gel­mä­ßig der Wer­be­etat rei­ßen, denn be­kannt wur­de „Za­lan­do“ ins­be­son­de­re durch sei­ne schril­len und ag­gres­si­ven Wer­be­spots und dem ein­deu­ti­gen Ver­spre­chen: „Schrei vor Glück, oder schick´s zu­rück“.

Von die­ser Mög­lich­keit ma­chen vie­le Kun­den gern Ge­brauch. So wer­den in der Groß­bee­re­ner Werks­hal­le aus­schließ­lich Re­tou­ren aus­ge­packt, ge­rei­nigt und wie­der neu ver­packt. Be­schäf­tigt sind hier meist Leih­ar­bei­ter, die für den in Ost-deutsch­land gel­ten­den Min­dest­lohn von 7,01 EUR pro St­un­de in drei Schich­ten rund um die Uhr ar­bei­ten. Mit ei­nem Ein­kom­men von rund 1.100,00 EUR brut­to mo­nat­lich dürf­ten vie­le der deut­schen Ar­beit­neh­mer auf staat­li­che Trans­fer­leis­tun­gen an­ge­wie­sen sein. Al­ler­dings wer­den in Groß­bee­ren zu ei­nem gro­ßen Teil pol­ni­sche Bür­ge­rin­nen und Bür­ger be­schäf­tigt, die in Fahr­ge­mein­schaf­ten je­den Tag pen­deln.

Ne­ben den Löh­nen sind al­ler­dings auch die Ar­beits­be­din­gun­gen auf Mi­ni­mum ge­trimmt. Am Stand­ort Groß­bee­ren ar­bei­tet Za­lan­do mit dem Lo­gis­tik­un­ter­neh­men DocDa­ta zu­sam­men. Die­ser stellt die Werks­hal­le und die In­fra­struk­tur. Nach jah­re­lan­ger Zu­sam­men­ar­beit muss­te Za­lan­do nun aber ein­räu­men, dass sich sein Part­ner­un­ter­neh­men in der Ver­gan­gen­heit nicht be­son­ders in­ten­siv um die Ge­währ­leis­tung men­sch­li­cher Ar­beits­be­din­gun­gen ge­küm­mert hat und ver­sprach reu­mü­tig, de­ren Ein­hal­tung künf­tig bes­ser zu ver­fol­gen.

So hat­ten die Mit­ar­bei­ter in der Ver­gan­gen­heit of­fen­bar kei­ne Mög­lich­keit, per­sön­li­che Sa­chen weg­zu­schlie­ßen, ob­wohl es ih­nen un­ter­sagt war, Ta­schen oder Ruck­sä­cke mit in die Werks­hal­le zu neh­men. Es war ih­nen auch nicht ges-tat­tet, sich zu set­zen. Und sie wa­ren an­ge­hal­ten, et­wa 45 Re­tou­ren pro St­un­de zu er­le­di­gen. Die Ein­hal­tung die­ser Vor­ga­ben wur­de stän­dig per Mo­ni­tor und mit­hil­fe von Vor­ar­bei­tern, die an den Fließ­bän­dern auf- und ab­ge­hen, über­wacht. Bei Nicht­be­wäl­ti­gung des Ar­beits­pen­sums droh­te Zwangs­ver­set­zung.

Aben­teu­er­lich wa­ren (oder sind?) of­fen­bar auch die sa­ni­tä­ren An­la­gen für die Mit­ar­bei­ter. Der ZDF-Be­richt zeigt, dass es sich hier um ei­nen Con­tai­ner han­delt, der di­rekt in der Werks­hal­le steht. Meh­re­re hun­dert An­ge­stell­te nut­zen die­sen rund um die Uhr. Auf ei­nem Schild wer­den die Toi­let­ten­gän­ger in deut­scher und pol­ni­scher Spra­che da­zu auf­ge­for­dert, die Toi­let­ten­spü­lung doch bit­te früh­zei­tig zu be­tä­ti­gen. Ob die­se Maß­nah­me die Ge­räusch- oder eher die Ge­ruchs­be­las­tung in der Werks­hal­le ein­däm­men soll, bleibt frag­lich. Tat­sa­che ist, dass die Toi­let­te auf­grund der Viel­zahl an Mit­ar­bei­tern stark fre­quen­tiert wird und dem­ent­spre­chend ver­schmutzt ist.

Alar­miert durch die ZDF-Re­por­ta­ge ha­ben Mit­ar­bei­ter des Lan­des­am­tes für Ar­beits­schutz den Be­trieb dar­auf­hin be­sucht. Sie konn­ten die Miss­stän­de of­fen­bar be­stä­ti­gen. Denn wie die Nach­rich­ten­agen­tur dpa be­rich­tet, kün­dig­te der Bran­den­bur­ger Ar­beits­mi­nis­ter Gün­ter Baas­ke (SPD) nun in der Fra­ge­stun­de des Pots­da­mer Land­tags an, dass auf dem Ge­län­de zu­nächst wei­te­re pro­vi­so­ri­sche Toi­let­ten mit Be­lüf­tung auf­ge­stellt wer­den. Au­ßer­dem sei­en ge­lenk­scho­nen­de Bo­den­mat­ten in den Hal­len aus­ge­legt wor­den. Auch wei­te­re ab­schließ­ba­re Fä­cher für per­sön­li­che Din­ge der Mit­ar­bei­ter so­wie ei­ne bes­se­re Be­leuch­tung sei­en mit der Ge­schäfts­füh­rung ver­ein­bart und zum Teil schon rea­li­siert wor­den.

Fa­zit: Der On­line-Ver­sand­han­del boomt und schafft Jobs. Die Mit­ar­bei­ter pro­fi­tie­ren von die­sem Ge­schäfts­mo­dell je­doch nicht wirk­lich: Schlech­te Be­zah­lung und mi­se­ra­ble Ar­beits­be­din­gun­gen sind an der Ta­ges­ord­nung. Der Staat muss al­so nach­schie­ßen, denn ein Groß­teil der Be­leg­schaft ist ne­ben dem Ar­beits­ent­gelt auf ei­nen Aus­gleich durch das Job­cen­ter an­ge­wie­sen, um zu­min­dest die Grund­si­che­rung zu ge­währ­leis­ten. Da­mit sind die Mes­sen je­doch noch lan­ge nicht ge­sun­gen, denn in ei­ni­gen Jah­ren kommt die nächs­te Rech­nung, näm­lich dann, wenn die Ar­beit­neh­mer in Ren­te ge­hen. Hier wird der Staat ein wei­te­res Mal in die Ta­sche grei­fen müs­sen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 30. September 2016

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email Nachname
  Abmelden

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2016:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de