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ARBEITSRECHT AKTUELL // 15/264

Nicht al­le ar­beits­su­chen­den EU-Aus­län­der kön­nen Hartz IV be­an­spru­chen

Deutsch­land darf ar­beits­lo­sen EU-Aus­län­dern Hartz IV-Leis­tun­gen ver­wei­gern, auch wenn sie ei­ni­ge Zeit in Deutsch­land ge­ar­bei­tet ha­ben: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 15.09.2015, C-67/14 (Ali­ma­no­vic)
Europafahne Ha­ben EU-Aus­län­der ei­nen Hartz-IV-An­spruch?

22.09.2015. Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit be­deu­tet, dass man als Ar­beit­neh­mer aus ei­nem EU-Land in al­len an­de­ren Mit­glieds­staa­ten ar­bei­ten kann, egal ob für lan­ge oder kur­ze Zeit, egal ob als deut­scher Wis­sen­schaft­ler in Ko­pen­ha­gen oder als dä­ni­scher Ka­pi­tän auf der Spree.

Wenn es aber mit der Ar­beits­su­che nicht so klappt, wie er­hofft, stellt sich die Fra­ge, wo­von man dann le­ben soll.

Für deut­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge greift dann die Grund­si­che­rung für Ar­beits­su­chen­de ein, d.h. sie be­kom­men Ar­beits­lo­sen­geld (Alg) II ("Hartz IV") auf der Grund­la­ge des Zwei­tens Buchs So­zi­al­ge­setz­buch (SGB II). Aber ha­ben auch ar­beits­su­chen­de EU-Aus­län­der ei­nen An­spruch auf Hartz IV?

Mit die­ser Fra­ge be­fasst sich ein ak­tu­el­les Ur­teil des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs (EuGH): EuGH, Ur­teil vom 15.09.2015, C-67/14 (Job­cen­ter Ber­lin Neu­kölln gg. Ali­ma­no­vic).

Ar­beits­lo­sen­geld II und Eu­ro­pa­recht

Seit An­fang 2005 gibt es für Ar­beits­su­chen­de, die kei­nen An­spruch auf Ar­beits­lo­sen­geld I ha­ben, das Ar­beits­lo­sen­geld II. Im SGB II ist im Ein­zel­nen ge­re­gelt, wer ei­nen An­spruch dar­auf hat, nämlich er­werbsfähi­ge Hil­fe­bedürf­ti­ge (§ 7 Abs.1 SGB II).

Um Hartz IV-Leis­tun­gen an Ausländer zu be­gren­zen, gilt seit 2007 ei­ne Aus­schluss­re­ge­lung, wo­nach Ausländer kei­nen An­spruch ha­ben, wenn sie sich al­lein zum Zweck der Ar­beits­su­che in der Bun­des­re­pu­blik auf­hal­ten (§ 7 Abs.1 Satz 2 Nr.2 SGB II).

An die­ser Stel­le gibt es al­ler­dings auf den ers­ten Blick ei­nen Wi­der­spruch zwi­schen deut­schem und eu­ropäischem Recht. Denn das Eu­ro­pa­recht gewährt je­dem EU-Bürger die Freizügig­keit in der EU als Ar­beit­neh­mer und schreibt die Gleich­be­hand­lung von EU-Bürgern als all­ge­mei­nen Rechts­grund­satz vor.

Kon­kret ver­bie­tet der eu­ro­pa­recht­li­che Gleich­be­hand­lungs­grund­satz die Dis­kri­mi­nie­rung von Uni­onsbürgern aus Gründen der Staats­an­gehörig­keit (Art.18 Ar­beits­wei­se der Eu­ropäischen Uni­on - AEUV). Deut­sche und Zu­wan­de­rer aus dem EU-Aus­land müssen al­so in Deutsch­land grundsätz­lich im Prin­zip gleich be­han­delt wer­den.

Die­ser Grund­satz wird durch wei­te­re Vor­schrif­ten kon­kre­ti­siert, z.B. durch Art.24 Abs.1 der Freizügig­keits­richt­li­nie (Richt­li­nie 2004/38/EG des eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29.04.2004). Sie schreibt vor, dass EU-Bürger, die nicht in ih­rem Hei­mat­staat, son­dern in ei­nem an­de­ren EU-Staat Ar­beit su­chen oder fin­den, dort nicht an­ders be­han­delt wer­den dürfen als des­sen Staats­an­gehöri­ge.

Ei­ne spe­zi­el­le Re­ge­lung zur Gleich­be­hand­lung bei So­zi­al­leis­tun­gen fin­det sich auch in Art.4 der Ver­ord­nung (EG) Nr.883/2004 zur Ko­or­di­nie­rung der Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit. Die­ser Ar­ti­kel lau­tet:

"So­fern in die­ser Ver­ord­nung nichts an­de­res be­stimmt ist, ha­ben Per­so­nen, für die die­se Ver­ord­nung gilt, die glei­chen Rech­te und Pflich­ten auf­grund der Rechts­vor­schrif­ten ei­nes Mit­glied­staats wie die Staats­an­gehöri­gen die­ses Staa­tes."

An­ders als es die­se eu­ro­pa­recht­li­chen Re­ge­lun­gen ver­mu­ten las­sen sind ar­beits­su­chen­de EU-Ausländer in Deutsch­land aber, wie oben erwähnt, gemäß § 7 Abs.1 Satz 2 Nr.2 SGB II schlech­ter ge­stellt als Deut­sche. Denn nach die­ser Vor­schrift ha­ben Ausländer, de­ren Auf­ent­halts­recht sich al­lein aus dem Zweck der Ar­beit­su­che er­gibt, so­wie ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen eben kei­nen An­spruch auf Hartz IV.

Es fragt sich da­her, ob ar­beits­su­chen­de EU-Ausländer von So­zi­al­leis­tun­gen, die nicht auf ei­ge­nen Bei­trags­zah­lun­gen be­ru­hen, aus­ge­schlos­sen wer­den können oder nicht.

Der Streit­fall: Job­cen­ter Ber­lin Neukölln ver­wei­gert ei­ner schwe­di­schen Fa­mi­lie Hartz IV

In den neun­zi­ger Jah­ren leb­te die gebürti­ge Bos­nie­rin Na­zi­fa Ali­ma­no­vic, die ei­nen Schwe­den ge­hei­ra­tet und des­sen Staatsbürger­schaft an­ge­nom­men hat­te, in Deutsch­land. Hier brach­te sie auch drei Kin­der zur Welt.

Nach ei­nem über zehnjähri­gen Auf­ent­halt in Schwe­den kehr­te die Fa­mi­lie 2010 nach Deutsch­land zurück. Frau Ali­ma­no­vic hielt sich mit Ge­le­gen­heits­jobs über Was­ser, war je­doch ins­ge­samt we­ni­ger als ein Jahr beschäftigt. Ei­nen An­spruch auf Ar­beits­lo­sen­geld I hat­te sie da­her nicht.

Das Job­cen­ter Ber­lin Neukölln gewähr­te Frau Ali­ma­no­vic und ih­ren Kin­dern für ein hal­bes Jahr Hartz IV, stell­te zum 31.05.2012 je­doch wei­te­re Zah­lun­gen ein. Be­gründet wur­de dies da­mit, dass EU-Ausländer, die sich nur zum Zwe­cke der Ar­beits­su­che in Deutsch­land auf­hal­ten, gemäß § 7 Abs.1 Satz 2 Nr.2 SGB II kei­nen An­spruch auf Hartz IV ha­ben.

Der eu­ro­pa­recht­li­che Hin­ter­grund des Auf­he­bungs­be­schei­des war, dass sich die schwe­di­sche Fa­mi­lie ursprüng­lich auf das Eu­ropäischen Fürsor­ge­ab­kom­men (EFA) und auf ei­ne da­zu er­gan­ge­nes, für ausländi­sche Leis­tungs­be­zie­her güns­ti­ges Ur­teil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts (BSG) aus dem Jah­re 2010 be­ru­fen konn­te (Ur­teil vom 19.10.2010, B 14 AS 23/10 R), dass die Bun­des­re­gie­rung dann aber am 19.12.2011 ge­gen die An­wen­dung des SGB II im Rah­men des EFA ei­nen Vor­be­halt auf der Grund­la­ge von Art.16 Abs.b EFA aus­ge­spro­chen hat­te. Nach die­sem Vor­be­halt über­nimmt Deutsch­land aus­drück­lich kei­ne Ver­pflich­tung, die im SGB II vor­ge­se­he­nen Leis­tun­gen zu­guns­ten von EU-Ausländern in der glei­chen Wei­se wie ge­genüber deut­schen Staats­an­gehöri­gen zu­zu­wen­den.

Frau Ali­ma­no­vic und ih­re Kin­der er­ho­ben dar­auf­hin Kla­ge vor dem So­zi­al­ge­richt Ber­lin und hat­te dort Er­folg (Ur­teil vom 19.12.2012, S 5 AS 18011/12). Da­ge­gen leg­te das Job­cen­ter Sprung­re­vi­si­on zum BSG ein.

Das BSG mein­te, dass § 7 Abs.1 Satz 2 Nr.2 SGB II mögli­cher­wei­se mit dem eu­ro­pa­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz un­ver­ein­bar sein könn­te und bat den EuGH um ei­ne Klärung (BSG, Vor­la­ge­be­schluss vom 12.12.2013, B 4 AS 9/13 R).

EuGH: Kein Hartz IV für EU-Ausländer, die in Deutsch­land we­ni­ger als ein Jahr ge­ar­bei­tet und dann länger als sechs Mo­na­te ar­beits­los wa­ren

Der EuGH bestätig­te im Er­geb­nis die Ver­ein­bar­keit von § 7 Abs.1 Satz 2 Nr.2 SGB II mit eu­ropäischem Recht. Ob­wohl der EuGH die An­wen­dung sei­ner Ent­schei­dun­gen auf den je­wei­li­gen Aus­gangs­fall dem vor­le­gen­den Ge­richt überlässt, ist hier im Er­geb­nis klar, dass das Job­cen­ter Frau Ali­ma­no­vic die Zah­lung von Hartz IV zu Recht ver­wei­gern durf­te.

Aus­gangs­punkt ist für den EuGH die Fra­ge, ob der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz des Art.24 Abs.1 Freizügig­keits­richt­li­nie auf den Streit­fall an­wend­bar ist, was wie­der­um ein Auf­ent­halts­recht der Kläge­rin­nen nach die­ser Richt­li­nie vor­aus­setzt.

Ein sol­ches Auf­ent­halts­recht sieht die Richt­li­nie im Re­gel­fall für Er­werbstäti­ge vor, doch konn­ten sich die Kläge­rin­nen dar­auf oh­ne Wei­te­res nicht be­ru­fen, da sie ja im strei­ti­gen Zeit­raum ar­beits­los wa­ren.

Wei­ter­hin sieht die Richt­li­nie zwar vor, dass der Sta­tus als Er­werbstäti­ger für ei­ne ge­wis­se Über­g­angs­zeit nach Ein­tritt der Ar­beits­lo­sig­keit auf­recht er­hal­ten bleibt, doch war auch die­se Über­g­angs­zeit hier im Streit­fall be­reits ab­ge­lau­fen. Denn bei Ar­beits­lo­sig­keit in­ner­halb der ers­ten zwölf Mo­na­te ei­ner Beschäfti­gung schreibt die Richt­li­nie ei­ne Über­g­angs­zeit von sechs Mo­na­ten vor (Art.7 Abs.3 c) Freizügig­keits­richt­li­nie). An­ders ge­sagt: Wer ver­sucht, im EU-Aus­land be­ruf­lich Fuß zu fas­sen und da­bei vor Ab­lauf von zwölf Mo­na­ten sei­nen Job ver­liert, ist für wei­te­re sechs Mo­na­te als Er­werbstäti­ger an­zu­se­hen, und die­ser Sechs­mo­nats­zeit­raum war hier im strei­ti­gen Zeit­raum (Ju­ni 2012) be­reits ver­stri­chen.

Sch­ließlich be­steht ein Auf­ent­halts­recht für ar­beits­su­chen­de EU-Ausländer auch nach Ab­lauf die­ses Zeit­raums, wenn die Ar­beits­su­che er­folgs­ver­spre­chend ist. Hier kommt al­ler­dings, so der EuGH, ei­ne Son­der­re­ge­lung zum Tra­gen. Denn Art.24 der Freizügig­keits­richt­li­nie sieht in ih­rem Ab­satz 2 vor, dass Leis­tun­gen der "So­zi­al­hil­fe" dem­je­ni­gen, der sein Auf­ent­halts­recht al­lein aus dem Zweck ei­ner sol­chen Ar­beits­su­che ab­lei­tet, ver­wei­gert wer­den dürfen. Und da der Ge­richts­hof die strit­ti­gen Hartz IV-Leis­tun­gen aus­drück­lich als "So­zi­al­hil­fe" im Sin­ne die­ser Vor­schrift ein­ord­net, stellt § 7 Abs.1 Satz 2 Nr.2 SGB II ei­ne eu­ro­pa­recht­lich zulässi­ge Kon­kre­ti­sie­rung die­ser Son­der­re­ge­lung dar.

Auf den zu­grun­de­lie­gen­den Sach­ver­halt über­tra­gen be­deu­tet dies: Frau Ali­ma­no­vic hat­te zunächst ge­ar­bei­tet. In die­ser Zeit hat­te sie ein Auf­ent­halts­recht als Ar­beit­neh­me­rin und konn­te sich da­her auch auf den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz be­ru­fen. Nach­dem sie ih­ren Job ver­lo­ren hat­te, stand ihr nach der Freizügig­keits­richt­li­nie für wei­te­re sechs Mo­na­te ein Auf­ent­halts­recht zu. Auch in die­ser Zeit konn­te sie sich auf den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz be­ru­fen. Nach Ab­lauf der sechs Mo­na­te hat­te sie zwar im­mer noch ein Auf­ent­halts­recht, da sie wei­ter­hin ar­beits­su­chend war und die Ar­beits­su­che auch er­folgs­ver­spre­chend war, je­doch we­gen der Aus­nah­me­re­gel des Art.24 der Freizügig­keits­richt­li­nie kei­nen An­spruch mehr auf Hartz IV.  

Fa­zit: Be­reits En­de 2014 hat­te der EuGH es ab­ge­seg­net, dass das Job­cen­ter Leip­zig ei­ner Rumänin Hartz IV-Leis­tun­gen ver­wei­ger­te, weil sie in Deutsch­land von vorn­her­ein kei­ne Ar­beit auf­neh­men woll­te (EuGH, Ur­teil vom 11.11.2014, C-333/13 - Da­no gg. Job­cen­ter Leip­zig). Mit dem jetzt er­gan­ge­nen Ur­teil setzt der Ge­richts­hof die­se Li­nie fort und stellt ergänzend klar, dass der Aus­schluss von bei­trags­un­abhängi­gen So­zi­al­leis­tun­gen auch dann eu­ro­pa­recht­lich zulässig ist, wenn der hilfs­bedürf­ti­ge EU-Ausländer ar­beits­su­chend ist oder so­gar be­reits in Deutsch­land ge­ar­bei­tet hat, aber aus den Über­g­angs­fris­ten des Art.7 Abs.3 c) Freizügig­keits­richt­li­nie her­aus­ge­fal­len ist.

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Letzte Überarbeitung: 5. Dezember 2016

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