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Bosch strebt fle­xi­blen Ta­rif­ver­trag für in­no­va­ti­ven Sek­tor an

Groß­kon­zer­ne wer­ben Soft­ware- und IT-Fach­kräf­te durch Start-up-ähn­li­che Struk­tu­ren. Bosch sucht da­bei ei­nen neu­en Weg
Startup Software-Computer-Firma, modernes Büro

30.10.2018 (dpa/fle) - Of­fe­ne Flä­chen, Cou­ches, Tisch­ten­nis­plat­ten, Loft-At­mo­sphä­re und der un­ver­meid­ba­re Tisch­ki­cker - wenn Groß­kon­zer­ne klei­ne agi­le Fir­men für Zu­kunfts­ide­en rund um das The­ma Di­gi­ta­li­sie­rung aus­grün­den, ge­hö­ren die­se Ein­rich­tungs­de­tails zum Pflicht­pro­gramm.

Doch das reicht längst nicht mehr, um ge­eig­ne­tes Per­so­nal zu fin­den, so die Er­fah­rung bei Bosch.

Für ei­ne neue Ein­heit, die sich mit Mo­bi­li­täts­dienst­leis­tun­gen wie Car­sha­ring be­fasst, ha­ben die Ge­werk­schaft IG Me­tall und der Au­to­zu­lie­fe­rer des­halb nun ei­nen neu­en Ta­rif­ver­trag aus­ge­han­delt. Er soll auch als Blau­pau­se für an­de­re Be­rei­che bei Bosch die­nen.

Der so­ge­nann­te In­no­va­ti­ons­ta­rif­ver­trag lehnt sich an die Ver­trä­ge der IG Me­tall an, bie­tet aber mehr Spiel­raum bei Ar­beits­zei­ten und Ge­halt. Au­ßer­dem er­hal­ten die Mit­ar­bei­ter be­son­de­re An­ge­bo­te bei Ge­sund­heits­vor­sor­ge und Wei­ter­bil­dung.

Um hoch­qua­li­fi­zier­tes Per­so­nal für den di­gi­ta­len Wan­del an­zu­wer­ben, brau­che Bosch die rich­ti­gen Ar­beits­be­din­gun­gen, sag­te Bosch-Per­so­nal­chef Chris­toph Kü­bel der Deut­schen Pres­se-Agen­tur. "Wir brau­chen Frei­heit und Selbst­be­stim­mung. Mit die­sem Ta­rif­ver­trag schaf­fen wir die rich­ti­gen Rah­men­be­din­gun­gen." Bosch be­setzt in­zwi­schen je­de zwei­te of­fe­ne Stel­le ab­seits der Pro­duk­ti­on mit Ex­per­ten für Soft­ware und IT.

Üb­li­cher­wei­se grün­den gro­ße Kon­zer­ne Be­rei­che rund um das The­ma Soft­ware und Di­gi­ta­li­sie­rung aus, um dem trä­gen Kon­zern­ge­fü­ge und auch dem in den meis­ten Fäl­len an­ge­wand­ten Ta­rif­ver­trag zu ent­ge­hen. Die Ma­na­ger be­mü­hen häu­fig das Bild des Schnell­boots ne­ben dem gro­ßen Tan­ker Kon­zern. Da­bei spie­len fle­xi­ble Ar­beits­zei­ten ge­nau­so ei­ne Rol­le wie Be­zah­lung.

Bei der IG Me­tall sieht man die­se Ent­wick­lung mit Sor­ge. "Wir wol­len, dass die­se Be­rei­che auch ta­rif­ge­bun­den sind", sagt der ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Be­zirks­lei­ter Ro­man Zit­zels­ber­ger. Die Ge­werk­schaft sei des­halb mit ver­schie­de­nen Kon­zer­nen über ähn­li­che Ver­trags­wer­ke im Ge­spräch.

Mar­ti­na Wei­ner, Ge­schäfts­füh­re­rin der Per­so­nal­be­ra­tung i-po­ten­ti­als, warnt hin­ge­gen - die di­gi­ta­len Ex­per­ten sei­en spe­zia­li­sier­te Pro­fis: "In man­chen Be­rei­chen gibt es von die­sen Spe­zia­lis­ten nur ei­ne Hand­voll welt­weit, und die­se für sein Un­ter­neh­men zu ge­win­nen und dort auch zu hal­ten, ist oh­ne­hin ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung." Durch ei­nen Ta­rif­ver­trag und die da­mit ver­bun­de­nen Gren­zen bü­ße ein Un­ter­neh­men un­ter Um­stän­den Wett­be­werbs­fä­hig­keit ein.

Und auch der IG-Me­tal­ler Zit­zels­ber­ger räumt ein: "Da tref­fen Wel­ten auf­ein­an­der." Ge­mein­sam mit Bosch hat die Ge­werk­schaft nun ver­sucht, die­se Wel­ten zu­ein­an­der zu brin­gen. Der neue Ta­rif­ver­trag gilt von 2019 an für die neue Ein­heit Con­nec­ted Mo­bi­li­ty So­lu­ti­ons mit 300 Be­schäf­tig­ten. Dort ar­bei­ten un­ter dem Dach der Ro­bert Bosch GmbH so­wohl Mit­ar­bei­ter, die bis­lang im Ta­rif wa­ren, als auch sol­che, die bis­lang nicht un­ter den Ta­rif­ver­trag fie­len.

Sie ha­ben die Wahl zwi­schen 35, 38 oder 40 St­un­den pro Wo­che. Es gilt Ver­trau­ens­ar­beits­zeit, der Mit­ar­bei­ter ent­schei­det ei­gen­ver­ant­wort­lich, wann er wie viel ar­bei­tet. Bei der Be­zah­lung sind die Re­ge­lun­gen an den be­ste­hen­den Ta­rif­ver­trag der IG Me­tall an­ge­lehnt. Doch statt der star­ren Ent­gelt­grup­pen gibt es Ge­halts­bän­der. Die er­folgs­ab­hän­gi­ge Ver­gü­tung bei­spiels­wei­se ist hö­her. Als wei­te­re Drein­ga­be er­hal­ten die Mit­ar­bei­ter al­le zwei Jah­re ei­nen um­fas­sen­den Ge­sund­heits­check, der sonst nur Füh­rungs­kräf­ten vor­be­hal­ten ist, und kön­nen frei über ein ei­ge­nes Wei­ter­bil­dungs­bud­get ver­fü­gen.

Doch reicht das, um jun­ge Soft­ware­ent­wick­ler statt in ei­nem Start-up in Ber­lin oder Tel Aviv zum schwä­bi­schen Tech­no­lo­gie­kon­zern Bosch bei Stutt­gart zu lo­cken? Ma­ren Frey­berg von der Ham­bur­ger Per­so­nal­be­ra­tung Dwight Cribb sagt: "Ich kann mir vor­stel­len, dass das für vie­le char­mant ist." Denn für ei­ni­ge Be­wer­ber spie­le doch auch Si­cher­heit ei­ne Rol­le. "Zu­min­dest ist es ein Al­lein­stel­lungs­merk­mal." Und das ist die Tisch­ten­nis­plat­te in­zwi­schen eben doch nicht mehr.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 3. November 2018

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