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Re­gie­rung will Fach­kräf­te aus Nicht-EU-Staa­ten ins Land ho­len

Auch gut in­te­grier­te Flücht­lin­ge mit auf­ent­halts­recht­li­cher "Dul­dung" sol­len künf­tig bes­se­re Ar­beits­mög­lich­kei­ten ha­ben, doch soll es kei­nen all­ge­mei­nen "Spur­wech­sel" ge­ben
Arbeitnehmer Krawatte Mitte

04.10.2018 (dpa/hma) - Ei­ni­gung nach lan­gem Streit: Deutsch­land will mehr Aus­län­der mit Be­rufs­aus­bil­dung an­wer­ben. Für ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber mit Job soll es ein­fa­cher wer­den, ei­nen si­che­ren Auf­ent­halts­sta­tus zu be­kom­men. Wie hoch da die Hür­den sein sol­len, ist aber noch um­strit­ten.

Hei­zungs­bau­er, Bä­cker und an­de­re Fach­kräf­te aus Nicht-EU-Staa­ten sol­len künf­tig zur Ar­beits­platz­su­che für sechs Mo­na­te nach Deutsch­land kom­men dür­fen. Das Bun­des­ka­bi­nett be­schloss am Diens­tag nach ei­ner Ei­ni­gung der Ko­ali­ti­ons­spit­zen ein ent­spre­chen­des Eck­punk­te­pa­pier.

Im Streit um ei­nen "Spur­wech­sel" für ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber in Deutsch­land aus dem Asyl- ins neue Zu­wan­de­rungs­recht hat sich die Ko­ali­ti­on auf Grund­sät­ze ge­ei­nigt. Wel­che Kri­te­ri­en an­ge­legt wer­den sol­len, steht aber noch nicht fest.

Vor­aus­set­zung für die Fach­kräf­te­zu­wan­de­rung sol­len ei­ne qua­li­fi­zier­te Aus­bil­dung und Deutsch­kennt­nis­se sein. Au­ßer­dem müs­sen die Aus­län­der ge­nü­gend Geld vor­wei­sen kön­nen, um ih­ren Le­bens­un­ter­halt wäh­rend der Job­su­che selbst zu be­strei­ten. Ei­ne ver­gleich­ba­re Re­ge­lung gibt es schon für Hoch­schul­ab­sol­ven­ten. Ei­ne "Zu­wan­de­rung in die So­zi­al­sys­te­me" soll es eben­so we­nig ge­ben wie ei­nen Rechts­an­spruch auf Ein­rei­se. Letzt­lich ent­schei­det da­mit die Bot­schaft, ob ein Vi­sum er­teilt wird.

Die neue Mög­lich­keit soll auf fünf Jah­re be­fris­tet wer­den. Weg­fal­len soll im Grund­satz die Vor­rang­prü­fung, nach der Ar­beit­ge­ber zum Nach­weis ver­pflich­tet sind, kei­nen ein­hei­mi­schen Ar­beits­su­chen­den zu fin­den. In Re­gio­nen mit ho­her Ar­beits­lo­sig­keit soll sie wie­der ein­ge­setzt wer­den kön­nen.

Thü­rin­gens Wirt­schafts­mi­nis­ter Wolf­gang Tie­fen­see (SPD) sprach sich für ein Punk­te­sys­tem nach ka­na­di­schem Vor­bild aus. Bei die­sem Mo­dell könn­te Hoch­qua­li­fi­zier­te zum Bei­spiel dürf­ti­ge Deutsch­kennt­nis­se durch ih­re be­ruf­li­che Kom­pe­tenz wett­ma­chen und um­ge­kehrt.

Für Men­schen, die be­reits mit Dul­dungs­sta­tus im Land sind, soll es bun­des­weit gel­ten­de Re­geln für die Er­tei­lung ei­ner Ar­beits­er­laub­nis und ei­nes si­che­re­ren Auf­ent­halts­ti­tels ge­ben. Be­kom­men kön­nen soll die­sen laut dem Be­schluss, wer durch Er­werbs­tä­tig­keit sei­nen Le­bens­un­ter­halt si­chert und gut in­te­griert ist. Ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD) sag­te, die Re­gie­rung pei­le für die­se Men­schen ei­nen si­che­ren, ver­läss­li­chen Sta­tus an, "da­mit wir nicht die Fal­schen ab­schie­ben". In­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) sag­te, Men­schen aus "si­che­ren Her­kunfts­staa­ten" wür­den aus­ge­nom­men.

Be­reits be­ste­hen­de Mög­lich­kei­ten für Ge­dul­de­te sol­len al­so er­wei­tert wer­den. See­ho­fer, Heil und Wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er (CDU) wol­len die Plä­ne in ei­nem Ge­setz­ent­wurf aus­ge­stal­ten, der laut Heil in die­sem Jahr ins Ka­bi­nett kom­men soll. Da­mit wird die Fest­le­gung der Kri­te­ri­en für Ge­dul­de­te wohl auf die Zeit nach den für die Par­tei­en wich­ti­gen Land­tags­wah­len in Bay­ern am 14. und Hes­sen am 28. Ok­to­ber ver­tagt.

Die Mi­nis­ter sag­ten, über den Be­griff "Spur­wech­sel" sei nicht mehr ge­spro­chen wor­den, statt­des­sen ha­be man ei­ne prag­ma­ti­sche, le­bens­na­he Lö­sung ge­fun­den. See­ho­fer mein­te: "Was soll die gan­ze theo­re­ti­sche Dis­kus­si­on über Be­grif­fe?" Wech­sel aus ei­nem lau­fen­den Asyl­ver­fah­ren in Ar­beits­mi­gra­ti­on wer­de es nicht ge­ben, so Heil.

Der Ar­beit­ge­ber­ver­band BDA be­grüß­te die Plä­ne als "über­fäl­lig und rich­tig", wie Haupt­ge­schäfts­füh­rer Stef­fen Kam­pe­ter sag­te. Dass die Fach­kräf­te­zu­wan­de­rung nicht mehr auf Eng­pass­be­ru­fe be­schränkt wer­den sol­le, er­lau­be, dass der tat­säch­li­che Be­darf ge­deckt wer­de. Ge­plan­te Er­leich­te­run­gen bei der An­er­ken­nung aus­län­di­scher Ab­schlüs­se sei­en aber nicht ehr­gei­zig ge­nug. Kom­men müs­se au­ßer­dem ei­ne ech­te Be­schleu­ni­gung der Ver­fah­ren der Zu­wan­de­rung.

"Bis­her ver­lie­ren wir viel Zeit mit zu lan­gen An­er­ken­nungs- und Vi­s­a­ver­fah­ren", sag­te auch der In­nen­ex­per­te der Uni­ons­frak­ti­on, Ma­thi­as Mid­del­berg (CDU). "Die bis­her zer­streu­ten Kom­pe­ten­zen der ver­schie­de­nen Be­hör­den müs­sen ge­bün­delt wer­den." Fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Fran­zis­ka Gif­fey (SPD) ver­spricht sich von dem Ge­setz auch Ant­wor­ten auf den de­mo­gra­fi­schen Wan­del und den Man­gel an Pfle­ge­kräf­ten.

AfD-Chef Alex­an­der Gau­land in­ter­pre­tier­te den Be­schluss so, dass der Spur­wech­sel ent­schie­den ist, aber "nicht mehr so ge­nannt wer­den" soll. "Da­mit wol­len die Ko­ali­ti­ons­par­tei­en die Deut­schen oben­drein täu­schen", sag­te Gau­land.

Der Ge­ne­ral­se­kre­tär des Wirt­schafts­rats der CDU, Wolf­gang Stei­ger, kri­ti­sier­te die ge­plan­te Re­ge­lung für ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber. Er sag­te den Zei­tun­gen der Fun­ke-Me­di­en­grup­pe: "Es ist zu be­fürch­ten, dass die Ko­ali­ti­on mit die­sem gut ge­mein­ten Be­schluss wie­der das Ge­gen­teil von >gut ge­macht< er­reicht." Die­ser kön­ne ei­ne "er­neu­te Sog­wir­kung aus­lö­sen" und spie­le Po­pu­lis­ten in die Hän­de. Bes­ser als ei­ne "ge­ne­rel­le Re­ge­lung zum Spur­wech­sel" wä­re es, ein­zel­nen Asyl­be­wer­bern, die als Fach­kräf­te in Man­gel­be­ru­fen ar­bei­te­ten, ei­nen ge­si­cher­ten Auf­ent­halts­sta­tus zu­zu­bil­li­gen.

Der Par­la­men­ta­ri­sche Ge­schäfts­füh­rer der Links­frak­ti­on, Jan Kor­te, for­der­te über den Ko­ali­ti­ons­kom­pro­miss hin­aus ei­ne Blei­be­rechts­lö­sung für al­le lang­jäh­rig von Ket­ten­dul­dun­gen Be­trof­fe­nen. Die Mi­gra­ti­ons­ex­per­tin der Grü­nen-Frak­ti­on, Fi­liz Po­lat, warn­te vor ei­nem "Mehr an Bü­ro­kra­tie und un­durch­sich­ti­gen Re­ge­lun­gen". Der Prä­si­dent des Baye­ri­schen Land­kreis­ta­ges, Chris­ti­an Bern­rei­ter, sag­te, der Be­darf an qua­li­fi­zier­ten Fach­kräf­ten sei im­mens, vor al­lem im Hand­werk, in der Gas­tro­no­mie und der Pfle­ge. Die Bun­des­re­gie­rung müs­se ihr an­ge­kün­dig­tes Ge­setz des­halb zü­gig vor­le­gen.

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Letzte Überarbeitung: 7. Oktober 2018

Bewertung: bundesregierung-will-auslaendische-fachkraefte-ins-land-holen-streit-um-chancen-fuer-geduldete-dauert-an-04-10-2018.html 5.0 von 5 Sternen (1 Bewertung)

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