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Die El­tern­zeit als Rei­se­zeit nut­zen?

Vie­le jun­ge Fa­mi­li­en nut­zen die ge­mein­sa­me El­tern­zeit für aus­gie­bi­ge Rei­sen. Doch was hal­ten Ex­per­ten da­von?
Mann und Frau mit Kinderwagen

02.08.2019. (dpa/fle) - Ein­mal aus­gie­big fer­ne Län­der und Kon­ti­nen­te be­su­chen, län­ger als bei den klas­si­schen zwei Wo­chen Som­mer­ur­laub: Vie­le jun­ge El­tern er­fül­len sich die­sen Traum mit Ba­by.

Denn wann, wenn nicht in der El­tern­zeit, kann man meh­re­re Mo­na­te am Stück als Fa­mi­lie ver­rei­sen?

Al­les scheint so leicht: Ba­bys ver­schla­fen die meis­te Zeit, kön­nen un­ter­wegs ge­stillt und in der Tra­ge gut trans­por­tiert wer­den. Und sie stel­len an das Rei­se­pro­gramm noch kei­ne ei­ge­nen An­sprü­che.

Auch In­ka Schme­ling war un­ter­wegs - vor elf Jah­ren mit Mann und neun Mo­na­te al­tem Sohn et­wa fünf Wo­chen lang auf der Sei­den­stra­ße, in der Tür­kei, Sy­ri­en, Iran. "Heu­te klingt das ab­surd, da­mals war es noch mög­lich", er­zählt die Ham­bur­ge­rin. Nach der Ge­burt der Toch­ter sah die Rei­se ganz an­ders aus: ein Mo­nat lang Ko­pen­ha­gen in ei­ner Fe­ri­en­woh­nung. "Es war ein ganz an­de­res Rei­sen, aber der in­zwi­schen vier­jäh­ri­ge Bru­der hat­te an­de­re Be­dürf­nis­se, woll­te Lauf­rad fah­ren und auf Spiel­plät­ze ge­hen", er­in­nert sie sich die Au­to­rin ei­nes Rat­ge­bers zu El­tern­zeit­rei­sen.

Bei kaum ei­nem an­de­ren Fa­mi­li­en­the­ma ge­hen die Mei­nun­gen so weit aus­ein­an­der wie beim Rei­sen mit Ba­by. Auch bei Ärz­ten. Der Spre­cher des Be­rufs­ver­bands der Kin­der- und Ju­gend­ärz­te, Jo­sef Kahl, hält län­ge­re Fern­rei­sen mit Säug­lin­gen für un­ver­ant­wort­lich und lehnt sie ab. "Kin­der un­ter drei Mo­na­ten soll­ten nach Mög­lich­keit gar nicht ver­rei­sen. Es ist für sie enor­mer Stress." Er rät, auch mit äl­te­ren Ba­bys nur ein­ge­schränkt zu rei­sen. Für Fa­mi­li­en­be­su­che sei­en Flug­rei­sen über we­ni­ge St­un­den ak­zep­ta­bel, schließ­lich sei die fa­mi­liä­re Bin­dung von An­fang an wich­tig.

Sa­rah Kot­si­as-Ko­no­pels­ka vom Vor­stand der Ge­sell­schaft für Tro­pen­päd­ia­trie und In­ter­na­tio­na­le Kin­der­ge­sund­heit (GTP) ist an­de­rer An­sicht. Sie sagt: "Ge­ne­rell möch­te ich je­de Fa­mi­lie da­zu er­mu­ti­gen, zu ver­rei­sen." Sie emp­feh­le aber, Si­cher­heit, Ge­sund­heit und Wohl­be­fin­den ab­so­lu­ten Vor­rang zu ge­ben. "El­tern soll­ten ge­nau über­le­gen, was sie ih­ren Kin­dern zu­mu­ten kön­nen, um sie vor Ge­fah­ren zu schüt­zen", so die Me­di­zi­ne­rin. Wer mit ei­nem krab­beln­den Säug­ling ver­rei­se, der sich noch al­les in den Mund ste­cke, wer­de gro­ße Mü­he ha­ben, das Ba­by vor Krank­hei­ten durch Pa­ra­si­ten oder Durch­fal­ler­re­ger zu schüt­zen.  

"El­tern­zeit­rei­sen sind un­glaub­lich am Wach­sen", sagt Vio­la Eh­rig-Bül­ters. Die zwei­fa­che Mut­ter und Tou­ris­mus-Fach­frau hat ei­ne spe­zi­el­le Rei­se­agen­tur für Fa­mi­li­en­rei­sen ge­grün­det. "Noch vor ei­ni­gen Jah­ren hat man für län­ge­re Rei­sen er­staun­te bis vor­wurfs­vol­le Bli­cke ge­ern­tet, jetzt ver­rei­sen im­mer mehr El­tern, vor al­lem in den zwei Mo­na­ten, in de­nen auch vie­le Vä­ter El­tern­zeit neh­men", sagt sie. "Et­was lang­sa­mer, manch­mal an­stren­gend, aber vor al­lem un­glaub­lich span­nend", so be­schreibt sie das Rei­sen mit Kin­dern.

Sehr be­liebt: Wohn­mo­bi­le. Das be­ob­ach­tet auch der Ca­ra­va­ning In­dus­trie Ver­band. "Wir se­hen, dass mehr und mehr Mut­ter und Vä­ter ge­mein­sam in El­tern­zeit ge­hen und mit Rei­se­mo­bil, aber auch Ca­ra­van län­ge­re Rei­sen von vier bis acht Wo­chen mit dem Neu­ge­bo­re­nen un­ter­neh­men", sagt Ge­schäfts­füh­rer Da­ni­el Ong­go­wi­nar­so.

"Idea­ler­wei­se wer­den Rei­sen so ge­plant, dass zu­min­dest die Grun­dim­mu­ni­sie­rung ab­ge­schlos­sen ist und dass sie in den Zeit­raum zwi­schen zwei U-Un­ter­su­chun­gen fal­len", sagt Kot­si­as-Ko­no­pels­ka. Es sei auch mög­lich, sol­che Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen im Aus­land durch­füh­ren zu las­sen, am ein­fachs­ten bei deutsch­spra­chi­gen Kin­der­ärz­ten. Selbst Imp­fun­gen sei­en im Rei­se­land mög­lich. In­ka Schme­ling sagt, auch ihr sei­en die Imp­fun­gen wich­tig ge­we­sen. Au­ßer­dem sei es von Vor­teil ge­we­sen, dass ihr Sohn noch ge­stillt wur­de.

"Re­gio­nen oh­ne Zu­gang zu si­che­rem Trink­was­ser, mit kli­ma­ti­schen Ex­trem­be­din­gun­gen und mit ei­ner In­fra­struk­tur, die kei­ne si­che­re Un­ter­kunft und kei­ne si­che­re Ver­sor­gung mit Nah­rungs­mit­teln ge­währ­leis­ten kann, soll­ten auf je­den Fall ge­mie­den wer­den", be­tont Kot­si­as-Ko­no­pels­ka.

"Vie­le El­tern möch­ten auf der si­che­ren Sei­te sein und wäh­len Län­der mit gu­ter In­fra­struk­tur. Vie­len ist auch wich­tig, die Spra­che zu ver­ste­hen", weiß Agen­tur-In­ha­be­rin Eh­rig-Bül­ters. Be­son­ders be­liebt sei­en die USA, Ka­na­da, Neu­see­land und Aus­tra­li­en. Sie emp­feh­le im­mer auch, vor­her mit dem Kin­der­arzt über ei­ne Rei­se zu spre­chen und ei­ne gu­te Ver­si­che­rung ab­zu­schlie­ßen. Pas­sie­ren kön­ne über­all auf der Welt et­was. Das hat sie selbst schon er­lebt: Ihr neun Mo­na­te al­ter Sohn kam bei ei­ner USA-Rei­se ins Kran­ken­haus. "Das war ei­ne Aus­nah­me­si­tua­ti­on", er­in­nert sich die Mut­ter. Für sie aber kein Grund, nicht wie­der zu ver­rei­sen.

"Die Rei­sen ha­ben uns un­glaub­lich viel ge­bracht, man zehrt lan­ge da­von", sagt In­ka Schme­ling. Doch aus ih­rer Sicht soll­te man nicht die gan­ze El­tern­zeit nur un­ter­wegs sein. "Wenn man sich die Ver­ant­wor­tung künf­tig im Fa­mi­li­en­le­ben tei­len möch­te, soll­te man schon die El­tern­zeit so nut­zen, dass bei­de El­tern­tei­le ein­mal al­lein die Ver­ant­wor­tung tra­gen", sagt die zwei­fa­che Mut­ter.

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Letzte Überarbeitung: 2. August 2019

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