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Ein­kom­mensun­gleich­heit wei­ter ge­wach­sen

Trotz der gu­ten Kon­junk­tur wird die Dif­fe­renz zwi­schen den Ein­kom­mens­grup­pen im­mer grö­ßer. So­zi­al­ver­bän­de und Po­li­ti­ker ver­lan­gen mehr En­ga­ge­ment
Einkommensunterschiede, Gehaltsunterschiede, Lohnlücke zwischen Arm und Reich

07.10.2019. (dpa/fle) - Die Un­gleich­heit bei den Ein­kom­men in Deutsch­land hat ei­ner ak­tu­el­len Stu­die zu­fol­ge ei­nen neu­en Höchst­stand er­reicht.

So­zi­al­ver­bän­de und zahl­rei­che Po­li­ti­ker drän­gen des­halb auf mehr staat­li­ches En­ga­ge­ment bei der Ar­muts­be­kämp­fung.

Der Pa­ri­tä­ti­sche Wohl­fahrts­ver­band ver­lang­te ei­ne An­he­bung der Hartz-IV-Re­gel­sät­ze "um min­des­tens 37 Pro­zent". Der So­zi­al­ver­band VdK Deutsch­land for­der­te ei­nen "Min­dest­lohn von über 12 EUR". Un­um­strit­ten ist die Stu­die aber nicht.

"Die Zeit der klei­nen Trip­pel­schrit­te muss end­lich vor­bei sein", sag­te der Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Pa­ri­tä­ti­schen Ge­samt­ver­ban­des, Ul­rich Schnei­der, mit Blick auf die Ar­muts­be­kämp­fung. Fi­nan­ziert wer­den kön­ne das durch ei­ne stär­ke­re Be­steue­rung gro­ßer Ver­mö­gen und sehr ho­her Ein­kom­men. "Zur Ehr­lich­keit ge­hört auch, den Men­schen zu sa­gen, dass Ar­mut oh­ne Um­ver­tei­lung schlech­ter­dings nicht be­sei­tigt wer­den kann", mein­te Schnei­der.

Der Hin­ter­grund: Trotz der gu­ten Kon­junk­tur und der güns­ti­gen La­ge auf dem Ar­beits­markt hat sich laut ei­ner ak­tu­el­len Stu­die des Wirt­schafts- und So­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tuts (WSI) der ge­werk­schafts­na­hen Hans-Böck­ler-Stif­tung die Sche­re zwi­schen den Wohl­ha­ben­den und den un­te­ren Ein­kom­mens­grup­pen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren noch wei­ter ge­öff­net.

"Im­mer mehr Ein­kom­men kon­zen­triert sich bei den sehr Rei­chen", heißt es in der Stu­die. Denn die ho­hen Ein­kom­mens­grup­pen pro­fi­tier­ten von den spru­deln­den Ka­pi­tal- und Un­ter­neh­mens­ein­kom­men. Da­ge­gen sei­en die 40 Pro­zent der Haus­hal­te mit den ge­rings­ten Ein­kom­men wei­ter zu­rück­ge­fal­len - auch im Ver­gleich zur ge­sell­schaft­li­chen Mit­te, die von der gu­ten Ar­beits­markt­la­ge und spür­ba­ren Lohn­stei­ge­run­gen pro­fi­tiert ha­be.

"Im­mer mehr Men­schen sind von Ar­mut be­trof­fen", heißt es in der Stu­die wei­ter. Die Zahl der Haus­hal­te, die we­ni­ger als 60 Pro­zent des mitt­le­ren Ein­kom­men zur Ver­fü­gung ha­ben und des­halb nach gän­gi­ger wis­sen­schaft­li­cher De­fi­ni­ti­on als arm gel­ten, sei zwi­schen 2010 und 2016 von 14,2 auf 16,7 Pro­zent ge­wach­sen.

Ei­ner der stärks­ten Trei­ber der Ent­wick­lung sei die zu­neh­men­de Sprei­zung der Löh­ne in Deutsch­land. Ei­ne wach­sen­de Be­völ­ke­rungs­grup­pe am un­te­ren Rand ha­be den An­schluss an die Lohn­stei­ge­run­gen in der Mit­te der Ge­sell­schaft ver­lo­ren. Die un­ters­ten zehn Pro­zent der Haus­hal­te im Ein­kom­mens­ran­king hät­ten 2016 nach An­zug der In­fla­ti­on so­gar we­ni­ger Ein­kom­men er­zielt als 2010, be­rich­te­ten die For­scher.

Um der wach­sen­den Un­gleich­heit ent­ge­gen­zu­wir­ken, emp­fah­len die WSI-Ex­per­ten ein gan­zes Bün­del staat­li­cher Maß­nah­men: von der Stär­kung der Ta­rif­bin­dung über die Er­hö­hung des Min­dest­loh­nes bis zu ei­ner stär­ke­ren Be­steue­rung von Spit­zen­ein­kom­men und sehr ho­hen Erb­schaf­ten.

Auch Po­li­ti­ker der SPD, der Grü­nen und der Lin­ken dräng­ten an­ge­sichts der Stu­di­en­er­geb­nis­se auf ein Um­steu­ern der Po­li­tik. Die Spre­che­rin der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on für Ar­beit und So­zia­les, Kers­tin Tack, be­zeich­ne­te die ak­tu­el­le Ent­wick­lung als un­ge­recht. "Des­halb müs­sen Ver­mö­gen von oben nach un­ten um­ver­teilt und ge­rin­ge Ein­künf­te er­höht wer­den", sag­te sie. Da­zu müss­ten die Ver­mö­gens­steu­er wie­der ein­ge­führt und der Min­dest­lohn er­höht wer­den.

Die stell­ver­tre­ten­de Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de der Grü­nen, An­ja Ha­j­duk, nann­te die Ent­wick­lung der ver­gan­ge­nen Jah­re ein "Ar­muts­zeug­nis für die re­gie­ren­den Par­tei­en". Die Bun­des­re­gie­rung müs­se end­lich ak­tiv wer­den und un­te­re so­wie mitt­le­re Ein­kom­men ent­las­ten, statt über ei­ne Sen­kung der Un­ter­neh­mens­steu­er zu spre­chen. Der Vor­sit­zen­de der Lin­ken-Frak­ti­on im Bun­des­tag Diet­mar Bartsch, sag­te, die wei­ter zu­neh­men­de Spal­tung bei Ein­kom­men und Ver­mö­gen sei Gift für den Zu­sam­men­halt der Ge­sell­schaft. Not­wen­dig sei ei­ne "gro­ße Steu­er­re­form".

Das ar­beit­ge­ber­na­he In­sti­tut der deut­sche Wirt­schaft (IW) be­män­gel­te un­ter­des­sen, dass in der Stu­die des WSI nicht aus­rei­chend die Aus­wir­kung der ge­stie­ge­nen Zu­wan­de­rung der ver­gan­ge­nen Jah­re be­rück­sich­tigt wer­de. Der jüngs­te An­stieg der Ar­muts­ge­fähr­dungs­quo­te ge­he vor­ran­gig auf ei­ne ver­än­der­te Zu­sam­men­set­zung der Be­völ­ke­rung zu­rück, be­ton­te die IW-Ex­per­tin Ju­dith Nie­hu­es un­ter Be­ru­fung auf Da­ten des jüngs­ten Mi­kro­zen­sus. "Die Ein­kom­men der je­weils ärms­ten zehn Pro­zent sind im Durch­schnitt ge­sun­ken, weil vie­le Men­schen mit noch ge­rin­ge­ren Ein­kom­men hin­zu­ge­sto­ßen sind." Die Ent­wick­lung las­se sich des­halb nicht ei­ner zu ge­rin­gen staat­li­chen Um­ver­tei­lung an­las­ten.

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Letzte Überarbeitung: 7. Oktober 2019

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