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Grün­der­an­zahl auf Re­kord­tief

Im­mer we­ni­ger Men­schen in Deutsch­land ent­schei­den sich für die be­ruf­li­che Selbst­stän­dig­keit. Wor­an liegt das?
Unzufriedenheit mit dem Job, Überarbeiteter Büro-Mitarbeiter, Führungskraft

16.08.2019. (dpa/fle) - Das Bä­cke­rei-Start-up von Se­bas­ti­an Däu­wel wächst be­stän­dig. Vor sei­ner Ver­kaufs­stel­le in ei­nem un­schein­ba­ren Ge­wer­be­ge­biet ste­hen die Kun­den re­gel­mä­ßig Schlan­ge.

"Ich könn­te kaum zu­frie­de­ner sein", sagt er.

Drei Jah­re ist es her, dass der 36-Jäh­ri­ge den Schritt in die Selbst­stän­dig­keit ge­wagt hat. Aus we­ni­gen ele­men­ta­ren Back­ver­su­chen wur­de schnell ei­ne Ge­schäfts­idee. Heu­te backt Däu­wel mit sei­nen "Brot­pu­ris­ten" haupt­säch­lich Brot - im­mer dar­auf be­dacht, die Wa­re mög­lichst ein­fach und rein zu hal­ten.

Die Lei­den­schaft für das Ba­cken und die Lust auf die ei­ge­ne Exis­tenz­grün­dung ga­ben bei ihm den Aus­schlag, sich selbst­stän­dig zu ma­chen. "Ich wuss­te, wenn ich es nicht wa­ge, wer­de ich das spä­ter be­reu­en", sagt Däu­wel heu­te. An­fangs ha­be er Angst vor dem Schei­tern ge­habt. Doch der gro­ße Zu­spruch von Freun­den und Frem­den ha­be ihm letzt­end­lich die Ent­schei­dung, den si­che­ren Job bei ei­nem En­er­gie­ver­sor­ger für ei­ne ei­ge­ne Fir­ma auf­zu­ge­ben, leicht ge­macht.

An­ders als Brot­bä­cker Däu­wel sind in Deutsch­land je­doch im­mer we­ni­ger Men­schen be­reit, das Ri­si­ko ei­ner be­ruf­li­chen Selbst­stän­dig­keit ein­zu­ge­hen. Nur 25 Pro­zent der Er­werbs­tä­ti­gen konn­ten sich 2018 vor­stel­len, ihr ei­ge­ner Chef zu sein, wie aus ei­ner Be­fra­gung der För­der­bank KfW her­vor­geht. Seit Be­ginn der Um­fra­ge im Jahr 2000 hat es kei­nen nied­ri­ge­ren Wert ge­ge­ben. Da­mals hat­te die theo­re­ti­sche Be­reit­schaft zur Exis­tenz­grün­dung noch bei 45 Pro­zent ge­le­gen.

Die nach wie vor gu­te La­ge auf dem Ar­beits­markt und die al­tern­de Ge­sell­schaft brems­ten seit ei­ni­ger Zeit den Un­ter­neh­mer­geist der Bür­ger, ana­ly­siert die KfW. Da­bei bie­te es vie­le Vor­tei­le, selbst­stän­dig zu sein, fin­det Däu­wel: "Bei der Ge­stal­tung der ei­ge­nen Fir­ma ist man frei­er und kann vie­les schnel­ler durch­set­zen. Die Ent­schei­dungs­we­ge sind deut­lich kür­zer." Au­ßer­dem sei für ihn ei­ne be­ruf­li­che Selbst­ver­wirk­li­chung an­ders nicht mög­lich ge­we­sen.

Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft blickt be­sorgt auf die schwin­den­de Be­reit­schaft zur Selbst­stän­dig­keit: "Neu­grün­dun­gen und Start-ups sind Trei­ber von In­no­va­tio­nen und ins­be­son­de­re des di­gi­ta­len Wan­dels. Deutsch­land braucht des­halb Grün­de­rin­nen und Grün­der", sagt ei­ne Spre­che­rin. Fehl­ten heu­te die Grün­der, lei­de mor­gen die Wett­be­werbs­fä­hig­keit.

Dass die be­ruf­li­che Selbst­stän­dig­keit auch Schat­ten­sei­ten hat, will Däu­wel nicht ver­heh­len. "Man ist stän­dig in den Ab­läu­fen ver­haf­tet. Da fällt es schwer, im Ur­laub oder bei Krank­heit mal ab­zu­schal­ten." Au­ßer­dem sei das Ar­beits­pen­sum mit­un­ter enorm, er­zählt der Bä­cker. "Wenn ich mei­ne Ar­beits­zeit hoch­rech­nen wür­de, kä­me ich be­stimmt auf et­wa 60 St­un­den." Ei­ne Zeit, die sich aber nicht im­mer wie Ar­beit an­füh­le, da er aus­schließ­lich für sich selbst ar­bei­te, sagt er.

Auch wenn er die Not­wen­dig­keit bü­ro­kra­ti­scher Pflich­ten an­er­kennt, be­män­gelt Däu­wel die ver­al­te­ten Ar­beits­schrit­te in den Be­hör­den - mit de­nen er sich zu Ge­nü­ge aus­ein­an­der­set­zen durf­te. Er ha­be sich Un­men­gen an Pa­pier­kram aus­ge­setzt ge­se­hen. Die­se Schrit­te kön­ne man durch­aus di­gi­tal ab­wi­ckeln, fin­det der 36-Jäh­ri­ge.

Der Ver­band der Grün­der und Selbst­stän­di­gen Deutsch­land (VGSD) kri­ti­siert die bü­ro­kra­ti­schen An­for­de­run­gen und ge­setz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen für Selbst­stän­di­ge scharf. Mit Blick auf die ge­rin­ge Grün­dungs­be­reit­schaft der Deut­schen, sagt VGSD-Chef An­dre­as Lutz, sie sei auch "die Fol­ge ei­ner gan­zen Se­rie grün­der­feind­li­cher Ge­set­ze". Als Bei­spie­le nennt er ei­ne Ver­vier­fa­chung der Bei­trä­ge zur frei­wil­li­gen Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung und die herr­schen­de Rechts­un­si­cher­heit um das The­ma Schein­selbst­stän­dig­keit. "Hin­zu kom­men hand­werk­lich schlecht ge­mach­te Ge­set­ze wie die DSG­VO-Um­set­zung, die für viel Un­si­cher­heit und bü­ro­kra­ti­schen Auf­wand sor­gen", fügt er mit Blick auf die neue Da­ten­schutz­ver­ord­nung zu.

Die Zahl der Exis­tenz­grün­dun­gen hat im ver­gan­ge­nen Jahr ein Re­kord­tief von 547.000 er­reicht, wie aus dem "Grün­dungs­mo­ni­tor" der För­der­bank KfW her­vor­geht. Im­mer­hin sank der Wert zu­letzt we­ni­ger stark: Im ver­gan­ge­nen Jahr ging er um le­dig­lich zwei Pro­zent zu­rück. In den Jah­ren zu­vor hat­te es noch Rück­gän­ge mit je­weils zwei­stel­li­gen Ra­ten ge­ge­ben.

Der Ver­band der Grün­der und Selbst­stän­di­gen (VGSD) er­war­tet für das lau­fen­de Jahr noch nied­ri­ge­re Grün­dungs­zah­len. "Die po­li­ti­schen und ge­setz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen ha­ben sich nicht ge­än­dert. Ei­ne Trend­wen­de ist aus un­se­rer Sicht da­her un­wahr­schein­lich", sagt VSGD-Chef Lutz. Und auch die KfW rech­net mit ei­nem wei­te­ren Rück­gang. "Die Pro­gno­sen für die ge­samt­wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung sen­den in Sum­me ein ne­ga­ti­ves Si­gnal", teilt Ge­org Metz­ger vom KfW Re­se­arch mit.

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Letzte Überarbeitung: 16. August 2019

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