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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/004

Leh­rer­man­gel durch Mehr­ar­beit ab­puf­fern?

Kul­tus­mi­nis­ter Pia­zo­lo will dem Leh­rer­man­gel durch Mehr­ar­beit ent­ge­gen­tre­ten. Bei den Leh­rern macht er sich da­mit nicht be­liebt
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07.01.2020 (dpa/fle) - Der Zoff ist pro­gram­miert: Vie­le Grund­schul­leh­rer müs­sen nach dem Wil­len von Kul­tus­mi­nis­ter Mi­cha­el Pia­zo­lo (Freie Wäh­ler) ab dem kom­men­den Schul­jahr mehr ar­bei­ten.

Au­ßer­dem dür­fen sie eben­so wie ih­re Kol­le­gen aus den Mit­tel- und För­der­schu­len künf­tig nur noch in Aus­nah­me­fäl­len vor dem 66. Le­bens­jahr in Ren­te ge­hen.

Bei Teil­zeit­ver­trä­gen steigt die Min­dest­stun­den­zahl, Sab­bat­jah­re wer­den ab­ge­schafft. So soll der er­war­te­te Leh­rer­man­gel ab­ge­fan­gen wer­den. Der größ­te baye­ri­sche Leh­rer­ver­band BLLV re­agier­te am Diens­tag um­ge­hend: Man leh­ne die Plä­ne strikt ab, die Maß­nah­men sei­en kon­tra­pro­duk­tiv und de­mo­ti­vie­rend - und der BLLV wer­de "mas­si­ven Wi­der­stand" leis­ten.

Die Ar­beits­ge­mein­schaft der baye­ri­schen Leh­rer­ver­bän­de sprach an­ge­sichts der Maß­nah­men in ei­ner Mit­tei­lung von "enor­mem Spreng­stoff". Prä­si­den­tin Wal­bur­ga Kref­ting er­klär­te: "Die vor­ge­stell­ten Maß­nah­men füh­ren zu ei­nem gro­ßen Ver­trau­ens­ver­lust in den Dienst­herrn und sie sor­gen für Ver­un­si­che­rung bei Lehr­kräf­ten al­ler Schul­ar­ten." Be­son­ders die An­he­bung der Al­ters­gren­ze für den Ru­he­stand stel­le "ei­nen nicht ver­tret­ba­ren Ein­schnitt in die Le­bens­pla­nung von Lehr­kräf­ten nach jahr­zehn­te­lan­gem Ein­satz für den Frei­staat Bay­ern dar." Auch von der Land­tags-SPD ha­gel­te es Kri­tik.

Nach Be­rech­nun­gen des Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums wird im nächs­ten Schul­jahr der Um­fang von et­wa 1.400 Voll­zeit­stel­len nicht zu be­set­zen sein. Um die­se Lü­cke von cir­ca ei­nem Pro­zent des Be­darfs ab­zu­fan­gen, sol­len Grund­schul­leh­rer, die jün­ger als 58 Jah­re sind, nach Al­ters­grup­pen ge­staf­felt im Rah­men ei­nes Ar­beits­zeit­kon­tos vor­über­ge­hend 29 statt 28 Un­ter­richts­stun­den pro Wo­che hal­ten müs­sen. In ei­ner "Rück­ga­be­pha­se" wer­de dies durch ei­ne Ver­rin­ge­rung der Un­ter­richts­pflicht­zeit im sel­ben Um­fang aus­ge­gli­chen, be­ton­te Pia­zo­lo. Die­se Pha­se wer­de vor­aus­sicht­lich in fünf Jah­ren be­gin­nen.

Zu­dem dür­fen För­der­schul­leh­rer im Rah­men ei­ner An­trags­teil­zeit höchs­tens noch auf 23, Grund- und Mit­tel­schul­leh­rer auf 24 Wo­chen­stun­den re­du­zie­ren. Ein vor­zei­ti­ger Ru­he­stand wird künf­tig in der Re­gel erst ab 66 Jah­ren mög­lich sein. Län­ge­re Aus­zei­ten ("Sab­ba­ti­cals") wer­den nicht mehr ge­neh­migt. Im Ge­gen­zug sol­len die Lehr­kräf­te un­ter an­de­rem von Ver­wal­tungs­auf­ga­ben ent­las­tet wer­den.

Pia­zo­lo setzt dar­über hin­aus auf die frei­wil­li­ge Be­reit­schaft, vor­zei­tig aus Be­ur­lau­bun­gen zu­rück­zu­keh­ren, den Ru­he­stand hin­aus­zu­schie­ben oder den Um­fang der Teil­zeit auf­zu­sto­cken. "Je­de St­un­de zählt, je­der Kopf zählt", sag­te der Mi­nis­ter. Je­der Leh­rer mö­ge sich des­halb über­le­gen, "ob er nicht hier im Rah­men der So­li­dar­ge­mein­schaft was tun kann".

Die Prä­si­den­tin des Baye­ri­schen Leh­rer- und Leh­re­rin­nen­ver­bands (BLLV), Si­mo­ne Fleisch­mann, warf dem Kul­tus­mi­nis­te­ri­um mas­si­ve Ver­säum­nis­se vor, für die nun die Lehr­kräf­te ge­ra­de ste­hen soll­ten. Vor ei­ner wei­te­ren Er­hö­hung der Be­las­tun­gen kön­ne sie "nur war­nen", zu­mal die Leh­rer an den Grund- und Mit­tel­schu­len schon jetzt die höchs­te Un­ter­richts­ver­pflich­tung hät­ten und da­für auch noch schlech­ter be­zahlt wür­den als an­de­re Lehr­kräf­te. Die Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft (GEW) warn­te vor mehr Krank­heits­fäl­len und Un­ter­richts­aus­fäl­len durch die ho­he Be­las­tung für Leh­rer.

Auch die bil­dungs­po­li­ti­sche Spre­che­rin der SPD im Land­tag, Si­mo­ne Stroh­mayr, be­zeich­ne­te die Maß­nah­men als völ­lig ver­fehlt und de­mo­ti­vie­rend. Sie for­der­te eben­falls ei­ne bes­se­re Be­zah­lung und Auf­wer­tung des Be­rufs statt Mehr­be­las­tung.

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Letzte Überarbeitung: 2. Februar 2020

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