HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/015

Mil­lio­nen mit Ne­ben­jobs

Mil­lio­nen von Men­schen ha­ben ei­nen Ne­ben­job. Bei vie­len spielt das Geld die ent­schei­den­de Rol­le, doch es gibt auch an­de­re Mo­ti­ve
Minijob Grenze 450 Euro, geringfügige Beschäftigung, Aushilfsjob

21.01.2020. (dpa/fle) - Schwin­den­de Ta­rif­ver­trä­ge, fi­nan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten und be­son­de­re Kon­sum­wün­sche: Die Zahl der Men­schen mit Ne­ben­job in Deutsch­land ist auf ei­nen neu­en Re­kord ge­stie­gen.

En­de Ju­ni 2019 wa­ren rund 3,54 Mil­lio­nen Mehr­fach­be­schäf­tig­te re­gis­triert, wie aus ei­ner Ant­wort der Bun­des­agen­tur für Ar­beit (BA) auf ei­ne An­fra­ge der Lin­ken im Bun­des­tag her­vor­geht.

Mit fast drei Mil­lio­nen Men­schen ha­ben die meis­ten da­von ne­ben ei­nem re­gu­lä­ren Job noch ei­nen Mi­ni­job. Die Da­ten lie­gen der Deut­schen Pres­se-Agen­tur in Ber­lin vor. Die "Neue Os­na­brü­cker Zei­tung" (Diens­tag) be­rich­te­te zu­erst dar­über.

Im Ju­ni 2018 hat­ten noch rund 124.000 Men­schen we­ni­ger ei­nen Ne­ben­job. Der An­stieg be­trägt 3,6 Pro­zent. Zehn Jah­re zu­vor wa­ren es erst 2,33 Mil­lio­nen Mehr­fach­be­schäf­tig­te. Ihr An­teil an den Be­schäf­tig­ten ins­ge­samt stieg von da­mals 7,1 auf 9,2 Pro­zent. 2003 gin­gen erst 1,39 Mil­lio­nen Men­schen meh­re­ren Jobs nach. Da­mals wa­ren ge­ring­fü­gi­ge Be­schäf­ti­gun­gen im Zu­ge der Hartz-Re­for­men von So­zi­al­ver­si­che­rungs­pflicht und Ein­kom­men­steu­er frei­ge­stellt wor­den.

Mehr als 345.400 Men­schen gin­gen im ver­gan­ge­nen Jahr zwei so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen nach. Dritt­häu­figs­te Va­ri­an­te war die Kom­bi­na­ti­on von zwei oder mehr Mi­ni­jobs. Dies galt für knapp 260.700 Fäl­le.

"Der über­wie­gen­de Teil dürf­te aus pu­rer fi­nan­zi­el­ler Not mehr als ei­nen Job ha­ben und nicht frei­wil­lig", kri­ti­sier­te die Lin­ken-Ab­ge­ord­ne­te Sa­bi­ne Zim­mer­mann, die die An­fra­ge ge­stellt hat­te. Ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD) mahn­te, nicht je­de Form von Ne­ben­be­schäf­ti­gung zu skan­da­li­sie­ren. "Aber es gibt Be­rei­che, da muss uns das mit Sor­ge um­trei­ben", sag­te Heil bei der Vor­stel­lung ei­nes neu­en "Rats der Ar­beits­welt". "Tat­sa­che ist: Wir ha­ben nach wie vor in Deutsch­land ei­nen sehr fes­ten So­ckel von Nied­rig­löh­nen, und dar­über müs­sen wir re­den." Ins­ge­samt ar­bei­te­ten laut Bun­des­agen­tur für Ar­beit zu­letzt 4,14 Mil­lio­nen Men­schen im un­te­ren Lohn­be­reich, al­so lan­de­ten un­ter zwei Drit­tel des mitt­le­ren Ein­kom­mens, al­so we­ni­ger als 2.203 EUR.

Laut ei­ner im ver­gan­ge­nen Jahr ver­öf­fent­lich­ten Stu­die des In­sti­tuts WSI der ge­werk­schafts­na­hen Hans-Böck­ler-Stif­gung sind für 53 Pro­zent der Be­frag­ten fi­nan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten aus­schlag­ge­bend ge­we­sen, ei­ne Ne­ben­tä­tig­keit auf­zu­neh­men. 24 Pro­zent konn­ten kei­ne Voll­zeit­stel­le fin­den. Für 51 Pro­zent war die Er­fül­lung von be­son­de­ren Kon­sum­wün­schen ent­schei­dend. Für 58 Pro­zent ist die Zu­sam­men­ar­beit und Kom­mu­ni­ka­ti­on mit an­de­ren Men­schen ent­schei­dend ge­we­sen. Knapp die Hälf­te der Be­frag­ten hat ei­ne Ne­ben­tä­tig­keit auf­ge­nom­men, um an­de­ren Men­schen hel­fen zu kön­nen. Wei­te­re Mo­ti­ve: die Ver­wirk­li­chung ei­ner Lei­den­schaft und die Er­wei­te­rung be­ruf­li­cher Per­spek­ti­ven. Bei der Be­fra­gung wa­ren meh­re­re Ant­wor­ten mög­lich.

Auch ei­ne Stu­die, die das In­sti­tut für Ar­beits­markt- und Be­rufs­for­schung (IAB) schon 2017 vor­ge­legt hat­te, deu­tet dar­auf hin, dass vie­le Ne­ben­job­ber auf das Geld an­ge­wie­sen sind. Dem­nach be­kom­men Ne­ben­job­ber in ih­rer Haupt­be­schäf­ti­gung im Schnitt et­wa 570 EUR im Mo­nat we­ni­ger als Men­schen mit nur ei­nem Job. Bei der Kom­bi­na­ti­on ei­ner so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Stel­le mit ei­nem Mi­ni­job sind 28,5 Pro­zent der Zweit­jobs in all­ge­mei­nen Dienst­leis­tungs­be­ru­fen.

Zim­mer­mann for­der­te die Er­hö­hung des Min­dest­lohns auf 12 Eu­ro, die Ab­schaf­fung von Nied­rig­lohn­be­schäf­ti­gung in Form der Leih­ar­beit und von sach­grund­lo­sen Be­fris­tun­gen. Mi­ni­jobs müss­ten in so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Be­schäf­ti­gung über­führt wer­den. Heil wies dar­auf hin, dass Nied­rig­löh­ne auch dar­aus re­sul­tier­ten, dass im­mer we­ni­ger Ar­beits­plät­ze an Ta­rif­ver­trä­ge ge­bun­den sei­en. Im Jahr 2018 wa­ren laut DGB zu­fol­ge nur noch 56 Pro­zent der Be­schäf­tig­ten im Wes­ten und 45 Pro­zent im Os­ten ta­rif­ge­bun­den.

Nä­he­rer In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 21. Januar 2020

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Für Personaler, betriebliche Arbeitnehmervertretungen und andere Arbeitsrechtsprofis: "Update Arbeitsrecht" bringt Sie regelmäßig auf den neusten Stand der arbeitsgerichtlichen Rechtsprechung. Informationen zu den Abo-Bedingungen und ein kostenloses Ansichtsexemplar finden Sie hier:

Alle vierzehn Tage alles Wichtige
verständlich / aktuell / praxisnah

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2020:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de