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ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/038

Schwarz­ar­beit in der Pfle­ge weit ver­brei­tet

Hun­dert­tau­sen­de Se­nio­ren wer­den von aus­län­di­schen Kräf­ten ver­sorgt. Vie­le von ih­nen ar­bei­ten schwarz
Altenpfleger, Pflegeberuf, Mann in Frauenberuf

11.02.2019. (dpa/fle) - An­drea K. ist zu­frie­den und ih­re Mut­ter, so weit man für die de­men­te al­te Da­me spre­chen darf, auch.

Seit drei Jah­ren wird die 91 Jah­re al­te Se­nio­rin von zwei ost­eu­ro­päi­schen Be­treu­ungs­kräf­ten ver­sorgt. Zu­hau­se im ver­trau­ten Um­feld in Rein­bek bei Ham­burg.

Die 27 und 51 Jah­re al­ten Po­lin­nen wech­seln sich ab, drei Mo­na­te pflegt die ei­ne, dann wird sie von der zwei­ten für die nächs­ten drei Mo­na­te ab­ge­löst.

"Die Frau­en dür­fen nur so lan­ge am Stück in Deutsch­land blei­ben", er­klärt dies Frau K.. Sie wur­den ihr über ei­ne Os­na­brü­cker Agen­tur ver­mit­telt, die wie­der­um mit ei­ner pol­ni­schen Agen­tur ver­ban­delt sei. Die­se ha­be ei­nen Ver­trag mit den bei­den. "Al­les ganz le­gal", sagt sie.

Das al­ler­dings ist die Aus­nah­me. Nur et­wa zehn Pro­zent der schät­zungs­wei­se rund 600.000 aus­län­di­schen Be­treu­ungs­kräf­te, die in deut­schen Haus­hal­ten le­ben, ha­ben nach Schät­zun­gen der Ver­bän­de für häus­li­che Pfle­ge ei­nen Ver­trag und füh­ren So­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge ab. Der Rest ar­bei­tet schwarz. Das In­sti­tut für An­ge­wand­te Wirt­schafts­for­schung (IAW) sah in sei­ner Stu­die zu Schwarz­ar­beit aus dem Jahr 2017 die Be­treu­ung von Se­nio­ren auf Platz drei der Schat­ten­wirt­schaft - über­trof­fen nur noch vom Bau­ge­wer­be und dem Hand­werk.

Die Be­deu­tung aus­län­di­scher Be­treu­ungs­kräf­te in der häus­li­chen Pfle­ge wird nach An­sicht des Bun­des­ver­ban­des häus­li­che Se­nio­ren­be­treu­ung (BHSB) von der Po­li­tik tot­ge­schwie­gen. "Al­le re­den über die Im­mi­gra­ti­on von Fach­per­so­nal", mo­niert der Vi­ze­vor­sit­zen­de Ste­fan Lux. "Es gibt aber ei­nen viel hö­he­ren Be­darf an ge­ring qua­li­fi­zier­ten Be­treu­ungs­kräf­ten, de­ren le­ga­le Im­mi­gra­ti­on bis heu­te kaum mög­lich ist." Das sei ein wei­te­rer Mo­tor für die gras­sie­ren­de Schwarz­ar­beit in die­sem Be­reich.

"Es ist al­len be­kannt - die häus­li­che Ver­sor­gung wä­re oh­ne die­se Be­treu­ung nicht zu be­werk­stel­li­gen", sagt Prof. Mi­cha­el Is­fort, der am Deut­schen In­sti­tut für Pfle­ge­for­schung (DIP) forscht. "Es ist ein gro­ßer Be­reich ge­wor­den, der we­sent­lich zur Ver­sor­gung bei­trägt." Das The­ma müs­se ent­ta­bui­siert wer­den. Deutsch­land sei auf die­se Be­treu­ungs­kräf­te in den Haus­hal­ten an­ge­wie­sen; am­bu­lan­te Pfle­ge­diens­te könn­ten den Be­darf in kei­ner Wei­se auf­fan­gen. "Sie wer­den mit Nach­fra­gen über­rannt, die sie gar nicht mehr be­die­nen kön­nen." so Is­fort. Es laue­re hier ein Kol­laps in der Flä­chen­ver­sor­gung.

Der Ge­schäfts­füh­rer des Ver­ban­des für Häus­li­che Be­treu­ung und Pfle­ge (VH­BP), Fre­de­ric See­bohm, for­dert ein En­de mo­ra­li­sie­ren­der Kri­tik. Gä­be es kei­ne aus­län­di­schen Be­treu­ungs­kräf­te, "dann bräuch­te es auf ei­nen Schlag 250.000 bis 300.000 zu­sätz­li­che Sta­tio­nä­re Pfle­ge­plät­ze", sagt er. Die­se Ar­beits­ver­hält­nis­se sei­en so­zu­sa­gen al­ter­na­tiv­los. "Um­so er­staun­li­cher, dass die Po­li­tik den Kopf in den Sand steckt, 90 Pro­zent Schwarz­ar­beit dul­det und kei­ne Rechts­si­cher­heit her­stel­len will."

Für die Ver­bän­de sind die aus­län­di­schen Be­treu­ungs­per­so­nen ei­ne von der Po­li­tik miss­ach­te­te Le­bens­wirk­lich­keit und ei­ne un­ver­zicht­ba­re Säu­le pro­fes­sio­nel­ler Ver­sor­gung. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um will dies nicht kom­men­tie­ren und ver­weist an das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les, das für ar­beits­recht­li­che Fra­gen zu­stän­dig sei. Von dort kommt die spar­sa­me Ant­wort, dass die so­zia­le Si­tua­ti­on aus­län­di­scher Be­treu­ungs­kräf­te in­ten­siv be­ob­ach­tet wer­de. "Der­zeit sind spe­zi­el­le Re­ge­lun­gen für den ge­nann­ten Per­so­nen­kreis nicht vor­ge­se­hen."

Für An­drea K. wa­ren die bei­den Po­lin­nen die Ret­tung. Ein hal­bes Jahr hat­te sie ih­re Mut­ter selbst ver­sorgt und sich da­bei fast auf­ge­ge­ben. Ins Heim ste­cken aber woll­te sie ih­re Mut­ter auf kei­nen Fall und kon­tak­tier­te schließ­lich die Ver­mitt­lungs­agen­tur. Sie ist seit­dem voll des Lo­bes für das Mo­dell. "Ich ha­be nur po­si­ti­ve Er­fah­run­gen", sagt sie. "Ich wür­de das je­dem emp­feh­len."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 8. Juli 2019

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