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So nicht, Chef! Was Op­fer von Bos­sing tun kön­nen

Wenn Chefs Mit­ar­bei­ter mob­ben, spricht man von Bos­sing. Wer sich nicht recht­zei­tig Hil­fe holt, dem droht der psy­chi­sche Kol­laps
Streit und Konflikt am Arbeitsplatz, zwei Geschäftsmänner streiten, Konfliktkosten

21.09.2018. (dpa/hen) - Ein­ein­halb Jah­re Ter­ror. So be­schreibt Hol­ger Wyr­wa die Zeit, in der er von sei­ner neu­en Che­fin ge­mobbt wur­de. Sie woll­te, dass er ei­ne Kol­le­gin aus­boo­tet. Er wei­ger­te sich.

Dann durf­te er plötz­lich kei­ne Brie­fe mehr selbst­stän­dig un­ter­schrei­ben, muss­te im­mer mehr Auf­ga­ben weit un­ter sei­nen Fä­hig­kei­ten er­le­di­gen. Sei­ne Ar­beits­zei­ten wur­den akri­bisch über­prüft. Mach­te er Über­stun­den, weil er sonst sei­ne Kli­en­ten nicht er­reicht hät­te, warf sei­ne Vor­ge­setz­te ihm un­ge­recht­fer­tig­te Mehr­ar­beit vor. Mal muss­te er 200 Adres­sen von Hand über­tra­gen - ab­surd an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass so et­was bis­lang ei­ne Schreib­kraft er­le­digt hat­te.

"Sie woll­te mich platt ma­chen", sagt der Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler und Psy­cho­the­ra­peut rück­bli­ckend. "Ich hat­te kei­ne Über­le­bens­chan­ce in der Be­hör­de, in der ich da­mals ge­ar­bei­tet ha­be." Zu­nächst ver­such­te er, im di­rek­ten Ge­spräch mit der mob­ben­den Che­fin ei­ne Lö­sung zu fin­den - ver­geb­lich. Auch das Per­so­nal­bü­ro konn­te nicht hel­fen. "Ich stand al­lein mit dem Rü­cken zur Wand." Kol­le­gen duck­ten sich aus Angst um ih­re Po­si­ti­on weg.

Wyr­wa ist kein Ein­zel­fall. Laut ei­ner Um­fra­ge vom Bünd­nis ge­gen Cy­ber­mob­bing pas­siert rund je­der zwei­te Mob­bing-Vor­fall im Ar­beits­um­feld. Da­bei ist die Va­ri­an­te des Cy­ber­mob­bings et­was we­ni­ger stark aus­ge­prägt als Schi­ka­nen au­ßer­halb der vir­tu­el­len Welt. An knapp der Hälf­te der Mob­bing-Fäl­le im Job sind dem­nach Vor­ge­setz­te be­tei­ligt. Mob­bing durch den Chef wird auch Bos­sing ge­nannt.

Es geht da­bei nicht um ein­ma­li­ge Er­eig­nis­se wie ei­nen Rüf­fel vom Vor­ge­setz­ten in ei­ner Kon­fe­renz oder fach­li­che Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten, son­dern um im­mer wie­der neue see­li­sche Ver­let­zun­gen. Laut klas­si­scher De­fi­ni­ti­on er­eig­nen sich die­se Krän­kun­gen min­des­tens ein­mal in der Wo­che und min­des­tens ein hal­bes Jahr lang, er­läu­tert die Di­plom-Psy­cho­lo­gin Bär­bel War­detz­ki aus Mün­chen.

Mit ver­hee­ren­den Fol­gen für den Mit­ar­bei­ter: An­fangs fühlt der sich viel­leicht nur in die Ecke ge­drängt. Dann ver­liert er sein Selbst­wert­ge­fühl, sei­ne Ar­beits­qua­li­tät und -mo­ti­va­ti­on lei­den. Zum Ge­fühl von Hilf­lo­sig­keit und Ohn­macht ge­sel­len sich im Lau­fe der Zeit wo­mög­lich Kopf- und Na­cken­schmer­zen, Schlaf­stö­run­gen und im schlimms­ten Fall De­pres­sio­nen, Angst­stö­run­gen oder ei­ne post­trau­ma­ti­sche Be­las­tungs­stö­rung. "Wich­tig ist, dass der Be­trof­fe­ne re­gis­triert: Hier läuft et­was Ent­wer­ten­des", sagt War­detz­ki, die sich wie Hol­ger Wyr­wa in ei­nem Buch mit dem The­ma be­schäf­tigt hat.

Und was kommt nach die­ser Ein­sicht? "Je frü­her ich mir Hil­fe ho­le, um­so schnel­ler kann ich mit die­ser Be­ra­tung er­ken­nen, was ich kon­struk­tiv an­ders ma­chen könn­te", er­klärt sie. Et­wa: Miss­ver­steht der Chef et­was in mei­nem Ver­hal­ten und mobbt mich des­halb? Oft ste­cke hin­ter Bos­sing näm­lich die Füh­rungs­schwä­che ei­nes Chefs, der Angst hat, vom Mit­ar­bei­ter über­flü­gelt zu wer­den.

Ein Pro­blem am Bos­sing ist das Macht­ge­fäl­le zwi­schen Mob­ber und Ge­mobb­ten: Denn der Vor­ge­setz­te ent­schei­det eben in der Re­gel über Kar­rie­re und Ge­halt des Mit­ar­bei­ters. War­detz­ki teilt Wyr­was An­sicht, dass der Be­triebs­rat oder das Per­so­nal­bü­ro nicht im­mer hilf­rei­che Adres­sen sind. Be­trof­fe­ne soll­ten es des­halb lie­ber au­ßer­halb des Un­ter­neh­mens ver­su­chen: bei ei­ner Mob­bing­op­fer-Hot­line, die fast je­de Kran­ken­kas­se hat, bei ei­nem Coach, bei ei­ner Ge­werk­schaft, ei­nem Arzt, Psy­cho­the­ra­peu­ten oder ei­ner Selbst­hil­fe­grup­pe. Das än­dert un­term Strich zwar nicht die be­ruf­li­che Si­tua­ti­on. Aber es tra­ge da­zu bei, nicht im pas­si­ven Leid zu blei­ben, sagt die Psy­cho­lo­gin.

Denn das soll­ten vom Boss Ge­mobb­te auf kei­nen Fall tun: "Oft hal­ten die Leu­te zu lan­ge aus, sie ver­su­chen, sich an­zu­pas­sen, und ha­ben kein Mut, weg­zu­ge­hen", sagt sie. Wyr­wa rät zu­dem, dem mob­ben­den Chef ge­gen­über kei­ner­lei Emo­tio­nen zu zei­gen, weil die­ser sich sonst als Ge­win­ner füh­le. Bes­ser lässt man sich krank­schrei­ben, er­holt sich, ge­winnt Ab­stand und denkt in Ru­he nach. Ist ei­ne Ver­set­zung mög­lich? Oder bie­tet sich doch ein Job­wech­sel an?

Wyr­wa be­rät heu­te in sei­nem ei­ge­nen In­sti­tut in Her­ne un­ter an­de­rem Mob­bing-Be­trof­fe­ne. Vie­le Bos­sing-Op­fer wen­den sich in ih­rer Not auch an An­wäl­te. Recht­lich ist das The­ma al­ler­dings kaum greif­bar. Da­her ra­ten vie­le An­wäl­te im All­ge­mei­nen von Kla­gen ab.

Hol­ger Wyr­wa war psy­chisch ro­bust ge­nug, um sich von der da­ma­li­gen Vor­ge­setz­ten nicht in Angst­star­re ver­set­zen zu las­sen. Am En­de ist er mit ei­ner Ab­fin­dung ge­gan­gen und hat sich selbst­stän­dig ge­macht.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 21. September 2018

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