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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/031

Thys­sen­krupp tief in der Krie­se

Ein Ver­kauf oder Bör­sen­gang der Auf­zugs­spar­te muss Geld ein­brin­gen, um Thys­sen­krupp wie­der zu sta­bi­li­sie­ren
Stahlkocher, Stahlindustrie

13.02.2020. (dpa/fle) - Thys­sen­krupp steckt auch un­ter der neu­en Vor­stands­vor­sit­zen­den Mar­ti­na Merz tief in den ro­ten Zah­len fest.

Der Stahl- und In­dus­trie­kon­zern hat in den ers­ten drei Mo­na­ten des lau­fen­den Ge­schäfts­jah­res mit ei­nem Net­to­ver­lust von 372 Mil­lio­nen EUR be­reits ein hö­he­res Mi­nus ein­ge­fah­ren als im ge­sam­ten Vor­jahr, wie das Un­ter­neh­men am Don­ners­tag mit­teil­te.

Die Ver­schul­dung ist kräf­tig ge­stie­gen, das Ei­gen­ka­pi­tal na­he­zu auf­ge­braucht. Und Bes­se­rung ist vor­erst nicht in Sicht. Für das Ge­samt­jahr rech­nen die Es­se­ner mit ei­nem deut­lich schlech­te­ren Er­geb­nis als 2018/19, bei dem am En­de ein Fehl­be­trag von 260 Mil­lio­nen EUR zu­sam­men­ge­kom­men war.

"Die ak­tu­el­len Zah­len kön­nen nicht be­geis­tern", kom­men­tier­te Merz die ers­te Quar­tals­bi­lanz nach ih­rem Amts­an­tritt im ver­gan­ge­nen Ok­to­ber. Schon bei der Haupt­ver­samm­lung vor zwei Wo­chen hat­te die In­te­rims­che­fin die Ak­tio­nä­re auf ei­ne län­ge­re Durst­stre­cke ein­ge­stimmt.

Für die Mit­ar­bei­ter gibt es kei­ne Ent­war­nung: Fi­nanz­chef Jo­han­nes Dietsch woll­te nicht aus­schlie­ßen, dass der Stel­len­ab­bau über die bis­he­ri­gen Pla­nun­gen von 6.000 Jobs hin­aus­ge­hen könn­te. Er ha­be aber "jetzt kei­ne neue Zahl" für die Öf­fent­lich­keit. Der­zeit wer­de bei Thys­sen­krupp je­der St­ein um­ge­dreht.

Be­son­ders bit­ter für Thys­sen­krupp ist die La­ge der Stahl­spar­te, die künf­tig wie­der mehr zum Kern­ge­schäft des Tra­di­ti­ons­kon­zerns wer­den soll. Sie lie­fer­te ei­nen Ver­lust von 164 Mil­lio­nen EUR , im Vor­jah­res­quar­tal hat­te noch ein klei­ner Ge­winn von 38 Mil­lio­nen EUR zu Bu­che ge­stan­den.

Der In­dus­trie­rie­se braucht für die Schul­den­til­gung und den Kon­zern­um­bau drin­gend fri­sches Geld, das aus der pro­fi­ta­blen Auf­zugs­spar­te kom­men soll. Bis En­de Fe­bru­ar will der Vor­stand ent­schei­den, ob der pro­fi­ta­ble Ge­schäfts­zweig ver­kauft oder an die Bör­se ge­bracht wird. "Wir be­fin­den uns auf der Ziel­ge­ra­den", sag­te Dietsch in ei­ner Te­le­fon­kon­fe­renz. Man prü­fe der­zeit «sehr stark» die Ver­kaufs­op­ti­on. An­ge­bo­te ha­ben Fi­nanz­in­ves­to­ren und Wett­be­wer­ber ein­ge­reicht. Die Auf­zugs­spar­te ist der­zeit der ein­zi­ge nen­nens­wer­te Ge­winn­brin­ger bei Thys­sen­krupp.

Für ei­nen Ver­kauf an ei­nen Kon­kur­ren­ten wie den fin­ni­schen Ko­ne-Kon­zern, der an­nä­hernd 17 Mil­li­ar­den EUR ge­bo­ten ha­ben will, sieht Dietsch aber Pro­ble­me. Der Ver­kauf an ei­nen sol­chen stra­te­gi­schen In­ves­tor wer­de da­zu füh­ren, "dass wir die Gel­der erst nach ei­ner um­fang­rei­chen Kar­tell­prü­fung er­hal­ten wer­den", sag­te er. Das müs­se im "Kri­te­ri­en­ka­ta­log" für die Ent­schei­dung be­rück­sich­tigt wer­den. Auch die IG Me­tall hat­te vor ei­ner Hän­ge­par­tie bei ei­nem Ver­kauf an Ko­ne ge­warnt. Be­trof­fen von der Trans­ak­ti­on ist fast je­der drit­te der welt­weit rund 160.000 Mit­ar­bei­ter von Thys­sen­krupp.

Über der Stahl­spar­te von Thys­sen­krupp hän­gen dunk­le Wol­ken. En­de des Mo­nats nimmt der bis­he­ri­ge Vor­stands­spre­cher von Thys­sen­krupp Steel Eu­ro­pe, Pre­mal De­sai, sei­nen Hut - es ha­be "un­ter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen über die Aus­rich­tung des Stahl­ge­schäfts" ge­ge­ben, hat­te Thys­sen­krupp mit­ge­teilt. Hin­zu kom­men kon­junk­tu­rel­le Pro­ble­me. "Bei al­len gro­ßen Stahl­ab­neh­mern schwä­chelt die Nach­fra­ge", sag­te Ex­per­te Ro­land Döhrn vom Es­se­ner RWI Leib­niz-In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung. Die Bau­kon­junk­tur hel­fe Thys­sen­krupp nicht, da dort vor al­lem bil­li­ge­rer Im­port­stahl zum Ein­satz kom­me.

Nach dem Ver­bot der Fu­si­on mit dem in­di­schen Kon­kur­ren­ten Ta­ta muss Thys­sen­krupp sei­ne Stahl­spar­te im Al­lein­gang auf Kurs brin­gen. Ob das oh­ne ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit an­de­ren Stahl­her­stel­lern dau­er­haft ge­lin­gen kann, ist frag­lich. Thys­sen­krupp hält je­den­falls ei­ne Kon­so­li­die­rung in der Stahl­bran­che nach wie vor für sinn­voll, wie Dietsch be­kräf­tig­te.

Kon­zern­che­fin Merz, die schon im kom­men­den Ok­to­ber wie­der auf den Pos­ten der Auf­sichts­rats­che­fin zu­rück­wech­seln will, sieht den Kon­zern trotz der ak­tu­ell schlech­ten Zah­len auf dem rich­ti­gen Weg. "Die Rich­tung stimmt", ver­si­cher­te sie.

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Letzte Überarbeitung: 13. Februar 2020

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