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ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/064

Job-Coa­ches brin­gen Flücht­lin­ge in Ar­beit

In­te­gra­ti­on ist das Ziel, dem sich al­le ver­schrei­ben - doch ge­ra­de auf dem Ar­beits­markt tun sich Flücht­lin­ge häu­fig schwer. Ein Pro­jekt aus Un­ter­fran­ken stellt ih­nen zur Job­su­che Coa­ches zur Sei­te. Die bis­he­ri­gen Er­fah­run­gen zei­gen: Das Mo­dell funk­tio­niert.
Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt durch Sprachkurs

28.02.2017. (dpa) - "Nach der Ver­sor­gung von Flücht­lin­gen mit dem Nö­tigs­ten stel­len sich zwei Fra­gen: Die ei­ne ist die nach Wohn­raum, die an­de­re die nach Ar­beit." Die­se Wor­te von Würz­burgs So­zi­al­re­fe­ren­tin Hü­lya Dü­ber brin­gen die Her­aus­for­de­run­gen auf den Punkt, vor der vie­le Kom­mu­nen bei der In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen ste­hen. Da­mit die neu­en Bür­ger mög­lichst schnell für sich selbst sor­gen kön­nen, brau­chen sie vor al­lem ei­nen Job. Aber: "Ge­ra­de für Ge­flüch­te­te stellt es sich sehr schwie­rig dar, in den Ar­beits­markt her­ein zu fin­den."

An die­sem Punkt setzt das Hilfs­pro­jekt "in­te­grAI­DE" an. Die Idee: So­ge­nann­te Job-Coa­ches aus­bil­den, die sich Flücht­lin­gen zur Sei­te stel­len und das kön­nen, was ih­nen schwer fällt. Auf deutsch Be­wer­bun­gen schrei­ben et­wa. Oder die zahl­rei­chen For­mu­la­re der deut­schen Bü­ro­kra­tie aus­fül­len. Und auch An­sprech­part­ner sein, wenn es zu­nächst nicht so klappt, wie es soll: "Wich­tig ist, dass man die Leu­te nicht nur am Werks­tor ab­gibt, son­dern sie auch wei­ter be­glei­tet", sagt Lu­kas Ka­ger­bau­er von der Würz­bur­ger In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer. Ge­ra­de in der An­lauf­pha­se im Job sei das wich­tig - und ei­ne gro­ße Stär­ke des Mo­dells der Coach-Aus­bil­dung von "in­te­grAI­DE".

Vor ein­ein­halb Jah­ren ist das Team von "in­te­grAI­DE" an den Start ge­gan­gen. Ei­ne Grup­pe Würz­bur­ger Stu­den­ten tat sich mit zwei Pro­fes­so­ren zu­sam­men und setz­te sich ehr­gei­zi­ge Zie­le: Bis En­de 2018 sol­len deutsch­land­weit min­des­tens 1000 Coa­ches aus­ge­bil­det sein - und so 20 000 Flücht­lin­ge in Ar­beit kom­men. 120 000 Eu­ro Sti­pen­di­um gab es vom Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um - das reich­te für vier haupt­amt­li­che Mit­ar­bei­ter.

In­ter­es­sant ist, dass die Grün­der von "in­te­grAI­DE" nicht et­wa aus der so­zia­len Ar­beit kom­men, son­dern Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten stu­dier­ten. "Un­ser Vor­teil als BW­Ler ist viel­leicht: Wir den­ken sehr ger­ne in Pro­zes­sen", sagt Mit­grün­der Joscha Rie­mann. "Wir wol­len nicht das nächs­te Pro­jekt sein, das das Gan­ze viel­leicht noch kom­pli­zier­ter macht - son­dern Sy­ner­gi­en schaf­fen." Das heißt: Er­ken­nen, wo Po­ten­zia­le lie­gen und Maß­nah­men ent­wi­ckeln, da­mit die­se aus­ge­schöpft wer­den. Für die Job-Coa­ches greift "in­te­grAI­DE" in die­sem Sin­ne et­wa auf Fach­leu­te im Ru­he­stand zu­rück.

Ei­ner von ih­nen ist Die­ter Roh­le­der. Der 73-Jäh­ri­ge ist Di­plom-Han­dels­leh­rer, bis zu sei­ner Ren­te ar­bei­te­te er an ei­ner Be­rufs­schu­le. In sei­nem Haus in der klei­nen Ge­mein­de Hau­sen in Un­ter­fran­ken lebt seit rund ei­nem Jahr ei­ne sy­ri­sche Fa­mi­lie. "Der jun­ge Mann in der Fa­mi­lie gibt sich al­le Mü­he, geht je­den Mor­gen um sie­ben zur Ar­beit." Und den­noch kom­me es oft zu Miss­ver­ständ­nis­sen - et­wa bei der Strom­rech­nung. "Er kam mit ängst­li­chem Blick und frag­te: Was ha­be ich falsch ge­macht?" Die Ant­wort lau­te­te: Gar nichts - doch das Miss­ver­ständ­nis war da. Ein­fach da­durch, dass man sie er­klä­re, sei­en sol­che Din­ge schnell aus­ge­räumt, sagt Roh­le­der. Des­halb ha­be er sich ent­schlos­sen, Job-Coach zu wer­den. "Hier kann ich, glau­be ich, ei­nen gu­ten Bei­trag leis­ten."

Er er­hält vom Pro­jekt ei­ne zwei­tä­gi­ge Schu­lung und be­kommt dann Flücht­lin­ge zur Be­treu­ung. Dass das Sys­tem funk­tio­niert, hat sich be­reits in zwei Ge­mein­den ge­zeigt, die "in­te­grAI­DE" als Pi­lot­ge­mein­den aus­ge­wählt hat­te: Al­zenau (Land­kreis Aschaf­fen­burg) und Scherm­beck in Nord­rhein-West­fa­len. Meh­re­re Flücht­lin­ge wur­den dort in Jobs ver­mit­telt, bei­spiels­wei­se als Schlos­ser oder Al­ten­pfle­ger - Be­rei­che in de­nen auf dem deut­schen Ar­beits­markt häu­fig Per­so­nal fehlt. Aber auch um ei­nen pro­mo­vier­ten Ju­ris­ten aus Sy­ri­en küm­mer­te sich "in­te­grAI­DE". Ihn ver­mit­tel­te sein Coach zu­nächst in ein Prak­ti­kum bei ei­ner An­walts­kanz­lei.

Nun dehnt das Pro­jekt sei­ne Ak­ti­vi­tä­ten auf Würz­burg aus, die ers­te Groß­stadt. Das birgt neue Her­aus­for­de­run­gen, aber auch Po­ten­zia­le. Ei­ne Um­fra­ge des Stadt­rats er­gab, dass es in der Re­gi­on 200 Ar­beits- und Aus­bil­dungs­plät­ze gibt, die bis­lang nicht be­setzt wer­den konn­ten. "Wir als Kom­mu­ne sind nicht für die Ar­beits­ver­mitt­lung zu­stän­dig", sagt So­zi­al­re­fe­ren­tin Dü­ber. Ei­gent­lich kön­ne sie sich des­halb zu­rück­leh­nen. "Aber wir soll­ten die­se Chan­ce nicht ver­tun." Au­ßer­dem spa­re die Stadt Geld, wenn Flücht­lin­ge ar­bei­ten und selbst für ih­ren Le­bens­un­ter­halt sor­gen kön­nen: Wenn sie das selbst zah­len könn­ten, müs­se die Kom­mu­ne et­wa nicht mehr für ih­re Un­ter­brin­gung auf­kom­men.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 18. Dezember 2018

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