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17/029a Job­bör­se für Flücht­lin­ge: Wenn die tra­di­tio­nel­le An­wer­bung ver­sagt

Vie­le Flücht­lin­ge kom­men mit schwe­rem see­li­schen Ge­päck: Ei­ne Aus­bil­dung, die hier­zu­lan­de an­er­kannt wird, ha­ben nur we­ni­ge. Auf ei­ner Job­bör­se in Ber­lin pral­len An­spruch und Wirk­lich­keit auf­ein­an­der
Flüchtlingsfamilie flieht aus nahem Osten Wer wird ei­nen Job fin­den?

26.01.2017. (dpa) - "Ich ler­ne im Li­ba­non Com­pu­te­rin­ge­nieur, aber nur ler­nen auf Pa­pier, nicht prak­tisch", sagt Jas­sir al-Said (27).

Ob er sich mit dem Be­triebs­sys­tem Li­nux aus­ken­ne und mit Cloud Com­pu­ting, fragt sein Ge­gen­über.

Der jun­ge Pa­läs­ti­nen­ser schüt­telt den Kopf.

Die Soft­ware­fir­ma Co­rOS ist ei­ner von rund 200 Ar­beit­ge­bern, die sich an der Ber­li­ner Job­mes­se für Flücht­lin­ge be­tei­li­gen.

Der Co­rOS-Mit­ar­bei­ter, - Nerd-Bril­le, blau­es Fir­men-T-Shirt - be­müht sich, ein­fa­che Sät­ze zu bil­den. Denn Al-Said ist erst seit sie­ben Mo­na­ten in Ber­lin. Er ver­steht die Spra­che noch nicht so gut. Nach ei­nem zehn­mi­nü­ti­gen Dia­log schickt ihn der Soft­ware-Ex­per­te wei­ter zum Stand ei­ner Fir­ma, die Fort­bil­dungs­kur­se an­bie­tet.

Für Al-Said war die Lan­dung in der deut­schen Rea­li­tät hart. "Hier be­nutzt man mo­der­ne­re Ge­rä­te, an­de­re Soft­ware", sagt der schlak­si­ge Mann, der sei­ne kur­zen Lo­cken mit Haar­gel bän­digt. Da­mit, dass er nach sei­nem Deutsch-Kurs wohl noch ei­ne zwei­te Aus­bil­dung ab­sol­vie­ren muss, hat sich der 27-Jäh­ri­ge in­zwi­schen ab­ge­fun­den.

Omar al-At­tar (36) stammt aus Sy­ri­en. "Ich war Fah­rer bei der Feu­er­wehr, ha­be zehn Jah­re im Staats­dienst ge­ar­bei­tet", sagt der Fa­mi­li­en­va­ter aus der Stadt Ha­ma. Er nä­hert sich ei­nem Stand des Pa­ket­zu­stel­lers DHL. Es wer­den Fah­rer ge­sucht. Al-At­tar nimmt ei­ne gelb-ro­te Bro­schü­re. Dann sagt er: "Mei­nen Füh­rer­schein ha­be ich aus Sy­ri­en mit­ge­bracht, doch ei­gent­lich will ich zur Feu­er­wehr."

Tau­sen­de von Mi­gran­ten drän­gen in die Hal­le. Das In­ter­es­se war schon vor ei­nem Jahr, als die Ber­li­ner Job­bör­se für Flücht­lin­ge zum ers­ten Mal statt­fand, groß. Doch die Aus­wahl der Be­su­cher, die über die Job­cen­ter läuft, ist dies­mal ei­ne an­de­re.

Die Bun­des­agen­tur für Ar­beit (BA) hat dies­mal nicht nur Flücht­lin­ge zur Teil­nah­me er­mu­tigt, son­dern auch an­de­re Mi­gran­ten, die schon län­ger ar­beits­los sind. Be­vor­zugt wur­den au­ßer­dem Flücht­lin­ge, die schon ein Blei­be­recht oder auf­grund ih­res Her­kunfts­lan­des zu­min­dest gu­te Aus­sich­ten auf ei­nen ge­si­cher­ten Auf­ent­halts­sta­tus ha­ben. Und: oh­ne Deutsch geht es nicht.

Die meis­ten der vor­wie­gend jun­gen Men­schen, die am Vor­mit­tag in die Hal­le strö­men, sind Ara­ber und Kur­den. Ei­ni­ge kom­men aus Eri­trea oder aus Af­gha­nis­tan. Al­le wol­len ar­bei­ten, fin­den sich aber im deut­schen Sys­tem nicht so gut zu­recht.

"Auf dem deut­schen Ar­beits­markt ist es doch so, oh­ne Zer­ti­fi­kat exis­tie­ren Sie nicht. Doch es gibt kei­ne Men­schen, die hier­her kom­men mit ei­nem Zer­ti­fi­kat der IHK von Alep­po", sagt BA-Vor­stand Rai­mund Be­cker. Des­halb ver­sag­ten die "tra­di­tio­nel­len Re­kru­tie­rungs­me­tho­den" bei Flücht­lin­gen oft. Lo­ka­le Job­bör­sen sei­en ei­ne Mög­lich­keit, jen­seits der "nor­ma­len We­ge" her­aus­zu­fin­den, wel­che Kennt­nis­se die Schutz­su­chen­den mit­brin­gen.

Von den Flücht­lin­gen, die 2016 im re­gu­lä­ren Ar­beits­markt an­ge­kom­men sind, lan­de­ten vie­le in Hilfs­ar­bei­ter­jobs - zum Teil über Zeit­ar­beits­fir­men. Un­zu­frie­den sei­en sie des­halb aber nicht un­be­dingt, "denn in vie­len Her­kunfts­län­dern sind Ver­dienst und Ar­beits­be­din­gun­gen deut­lich schlech­ter", sagt Re­né Hil­le­brand, der sich bei der Deut­schen Post in Ber­lin um Aus­bil­dungs­plät­ze küm­mert. Von den Flücht­lin­gen, die in der Brief­sor­tie­rung Prak­ti­ka ge­macht hät­ten, sei­en ei­ni­ge in­zwi­schen über­nom­men wor­den - mit be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trä­gen.

Mit dem Sor­tie­ren von Brie­fen wür­de sich Ma­ria­na Kark­out­ly (25) si­cher nicht zu­frie­den­ge­ben. Die Sy­re­rin aus Da­mas­kus steht am Stand von Lin­gua TV und lä­chelt un­er­müd­lich. Zum "klei­nen Schwar­zen" trägt sie ho­he Schu­he und Na­sen­pier­cing. Vor 17 Mo­na­ten kam sie nach ei­ni­gen Se­mes­tern Ju­ra mit ei­nem Stu­den­ten­vi­sum nach Deutsch­land. In Ber­lin stu­diert sie jetzt So­zi­al­wis­sen­schaf­ten, auf Eng­lisch. San­dra Gas­ber, Ge­schäfts­füh­re­rin von Lin­gua TV, schwärmt: "Sie ar­bei­tet für uns als Über­set­ze­rin und als Kun­den­be­treue­rin, Frau Kark­out­ly ist ein­fach un­heim­lich ehr­gei­zig und mo­ti­viert."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 8. November 2018

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