HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/085

Job­ver­nich­tung 4.0?

Un­heil­vol­le Pro­gno­sen über die In­dus­trie 4.0 ver­düs­tern die Ar­beits­welt - doch ist die La­ge wirk­lich so schlimm?
Zusammenarbeit Roboter und Mensch, Digitalisierung, Industrie 4.0

25.04.2019. (dpa/fle) - Ei­gent­lich muss man mit den Men­schen nur re­den - über die Ver­net­zung, "In­dus­trie 4.0", neue Job­an­for­de­run­gen und den mög­li­chen Ar­beits­platz­ver­lust.

Das mei­nen zu­min­dest Ma­na­ger. Aber was be­wegt die Men­schen in den Fa­bri­ken?

Im­mer wie­der gibt es düs­te­re Pro­gno­sen zur Zu­kunft der Ar­beit: Ro­bo­ter er­set­zen den Men­schen in der Fer­ti­gung, neh­men ihm ein­fa­che Tä­tig­kei­ten weg, künst­li­che In­tel­li­genz und di­gi­ta­le As­sis­ten­ten ver­ein­fa­chen Dienst­leis­tun­gen und Trans­por­te wer­den von fah­rer­lo­sen Fahr­zeu­gen er­le­digt.

Auf vie­le war­te die Ar­beits­lo­sig­keit, ist sich der Phi­lo­soph Ri­chard Da­vid Precht si­cher: Die Di­gi­ta­li­sie­rung wer­de Mil­lio­nen Ar­beits­plät­ze ver­schwin­den las­sen. Selbst IT-Jobs sei­en be­droht, sagt er am Mitt­woch auf der Han­no­ver Mes­se. Er ge­he da­von aus, dass Ro­bo­ter sich künf­tig selbst pro­gram­mier­ten. Dann wür­den Mil­lio­nen IT-Jobs ent­fal­len. Das gel­te auch für den Be­ruf des Bü­ro­kauf­manns, in dem in Deutsch­land rund 7,2 Mil­lio­nen Men­schen ar­bei­te­ten. Er spricht von ein­fa­chen Tä­tig­kei­ten, die Ro­bo­ter über­näh­men. Da schließt er den Bü­ro­kauf­mann ein: den Job zu ler­nen traue er sich in drei Mo­na­ten zu.

Schon vor Jah­ren hat­te das Welt­wirt­schafts­fo­rum in Da­vos düs­te­re Zu­kunfts­sze­na­ri­en ent­wor­fen. Glo­bal wür­den bis 2020 rund fünf Mil­lio­nen Jobs we­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung weg­fal­len. Auch wenn die Er­geb­nis­se sich im De­tail un­ter­schei­den: vie­le an­de­re Stu­di­en stel­len ganz ähn­li­che Sze­na­ri­en in Aus­sicht.

Aber ist es so si­cher, dass die Di­gi­ta­li­sie­rung Jobs ver­nich­tet? Sie­mens-Per­so­nal­che­fin Ja­ni­na Ku­gel be­tont: "We­der Men­schen noch Ma­schi­nen kön­nen die Zu­kunft vor­aus­sa­gen." IG-Me­tall-Vi­ze Chris­tia­ne Ben­ner er­klärt: "Es wird na­tür­lich kei­ne Mas­sen­ent­las­sun­gen ge­ben, aber ich glau­be, es wird ei­nen fun­da­men­ta­len Wan­del bei der Art der Be­schäf­ti­gung ge­ben." Vor­aus­schau­en­de Maß­nah­men kön­ne es nur ge­ben, wenn "wir heu­te die Ent­wick­lun­gen der nächs­ten Jah­re ab­schät­zen kön­nen". Was aber laut Ja­ni­na Ku­gel - sie­he oben - schwie­rig ist.

Wie sieht es bei ei­nem Kon­zern wie Volks­wa­gen aus? "Man muss Geld ver­die­nen, um in die Zu­kunft zu in­ves­tie­ren", sagt Be­triebs­rats­chef Bernd Os­ter­loh. Und: We­gen der Elek­tro­mo­bi­li­tät und der we­ni­ger auf­wen­di­gen Fer­ti­gung wer­de ein Drit­tel we­ni­ger Mit­ar­bei­ter ge­braucht: "Wir wer­den we­ni­ger Be­schäf­tig­te ha­ben."

Os­ter­loh er­in­nert an das "Zu­kunfts­pakt" ge­nann­te Spar­pa­ket, mit dem welt­weit 30.000 Stel­len ge­stri­chen wer­den und zu­gleich 9.000 neue Jobs dank Zu­kunfts­tech­no­lo­gi­en ent­ste­hen sol­len. Im Ge­gen­zug han­del­te der Be­triebs­rat ei­ne Be­schäf­ti­gungs­si­che­rung für die Be­leg­schaft und den Ver­zicht auf be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen aus. Im Ge­spräch sind neue Ein­spa­run­gen, jüngst hat­te VW be­kannt­ge­ge­ben, bis zu 7.000 Stel­len könn­ten ge­stri­chen wer­den - we­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung. Laut Os­ter­loh war der Vor­stand nicht in der La­ge, die Grö­ßen­ord­nung zu er­läu­tern.

Der Be­triebs­rats­chef be­tont, nö­tig sei Ar­beit, die so viel Geld brin­ge, um das Le­ben ge­stal­ten zu kön­nen: "Ich brau­che kein Recht auf Ar­beit, son­dern auf ein an­stän­di­ges Le­ben." Ame­ri­ka­ni­sche Ver­hält­nis­se und die Not­wen­dig­keit, drei Jobs zu ha­ben, um le­ben zu kön­nen, wol­le er nicht. Aber nicht nur die Di­gi­ta­li­sie­rung be­dro­he VW - wenn künf­tig ein Vier­tel von jähr­lich zehn Mil­lio­nen Au­tos des Kon­zerns bat­te­rie-elek­trisch an­ge­trie­ben sein sol­le, dann wür­den die Prei­se für die Roh­stof­fe der Ak­kus nicht sin­ken, son­dern stei­gen. Ganz zu schwei­gen von der Ver­füg­bar­keit der Roh­stof­fe, die oft un­ter men­schen­un­wür­di­gen Be­din­gun­gen ge­schürft wer­den: "Dann wer­den sel­te­ne Er­den ganz sel­ten." Precht sieht das Was­ser­stoff­au­to vorn.

IG-Me­tall-Vi­ze Ben­ner sagt: "Der ent­schei­den­de Schlüs­sel für ei­ne er­folg­rei­che Di­gi­ta­li­sie­rung der In­dus­trie ist Mit­be­stim­mung und die Be­tei­li­gung der Be­schäf­tig­ten. Das Ein­bin­den nimmt auch Ängs­te vor Ver­än­de­run­gen." Ben­ner spricht denn auch von Qua­li­fi­zie­rung, Volks­wa­gen will die Be­schäf­tig­ten zu Soft­ware-Ex­per­ten wei­ter­bil­den und Precht gar das "Bil­dungs­sys­tem re­vo­lu­tio­nie­ren".

War­um das? Schu­len be­rei­te­ten heu­te "ge­nau auf die Jobs vor, die jetzt weg­fal­len", er­klärt er. Zu­kunft ha­ben aus sei­ner Sicht vor al­lem IT-Spit­zen­kräf­te, Dienst­leis­ter und das Hand­werk: "Es gibt vie­le Hand­werks­ar­bei­ten, die wir nicht er­set­zen kön­nen. Ei­ne Hei­zung re­pa­rie­ren kann kein Ro­bo­ter." Klar sei: es wer­de gleich­zei­tig ei­nen enor­men Ar­beits­kräf­te­man­gel und Mil­lio­nen von Ar­beits­lo­sen ge­ben.

Precht sieht auch die So­zi­al­sys­te­me, et­wa die Ren­te, we­gen der de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung und der künf­tig im­mer ge­rin­ge­ren Zahl an Ein­zah­lern, als be­droht an. "Ma­schi­nen zah­len nicht in die so­zia­len Sys­te­me ein." Sei­ne Lö­sung: das be­din­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men. Denn wer die Men­schen an der geld­wer­ten Ar­beit mes­se, die sie leis­ten, pro­du­zie­re am En­de Ver­lie­rer.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 25. April 2019

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email* Nachname
  Abmelden   *Pflichtangabe

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2019:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de