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ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/005

Ei­ne der letz­ten gro­ßen Ost-Mar­ken be­an­tragt In­sol­venz

Schwar­ze Wol­ken über dem Süd­harz: Der Fahr­rad­bau­er Mi­fa mel­det er­neut In­sol­venz an - in ei­ner ex­trem struk­tur­schwa­chen Re­gi­on. Die Zu­kunft ei­ner gro­ßen Ost-Mar­ke ist wie­der un­ge­wiss
Fahrradmechaniker repariert Fahrrad War­um ge­riet Mi­fa wie­der aus der Spur?

05.01.2017. (dpa) - Der Schock sitzt tief: Statt Auf­bruch­stim­mung zu Jah­res­be­ginn und Freu­de über mo­der­ne Ar­beits­plät­ze im na­gel­neu­en Werk an der Au­to­bahn 38 plagt die rund 500 Be­schäf­tig­ten des Fahr­rad­her­stel­lers Mi­fa in San­ger­hau­sen Angst um ih­re Ar­beits­plät­ze und die Zu­kunft ih­rer Fa­mi­li­en.

Denn das Un­ter­neh­men hat am Mitt­woch beim Amts­ge­richt Hal­le In­sol­venz be­an­tragt.

Es ist nicht das ers­te Mal, dass der ehe­mals größ­te Fahr­rad­her­stel­ler Eu­ro­pas in wirt­schaft­li­che Schief­la­ge ge­ra­ten ist.

Die Be­schäf­tig­ten le­ben seit Jahr­zehn­ten zwi­schen Hof­fen und Ban­gen, zit­tern um ih­re Jobs, auch die Zeit­ar­bei­ter.

Das Un­ter­neh­men mit mehr als 100-jäh­ri­ger Fir­men­ge­schich­te fer­tigt in ho­hen Stück­zah­len Fahr­rä­der für den Fach- und Dis­count­han­del. Es galt an­ge­sichts au­to­ma­ti­sier­ter Fer­ti­gungs­pro­zes­se nach 1990 zu­nächst als Vor­zei­ge­un­ter­neh­men.

In Ost­deutsch­land ist Mi­fa auch als Mar­ke ei­ner der letz­ten gro­ßen Na­men. Doch seit Jah­ren kämpft die Fir­ma mehr oder we­ni­ger ums Über­le­ben. Meh­re­re Ei­gen­tü­mer­wech­sel und Feh­ler in der Bi­lanz­rech­nung sorg­ten für Schlag­zei­len. Auch der Gang an die Frank­fur­ter Bör­se war un­ter dem Strich nicht der Rie­sen­er­folg. Das Un­ter­neh­men mach­te statt der er­hoff­ten gro­ßen Ge­win­ne al­lein 2013 ei­nen Ver­lust von mehr als 13 Mil­lio­nen Eu­ro.

Der frü­he­re Chef des Fi­nanz­dienst­leis­ters AWD, Cars­ten Maschmey­er, war 2011 bei dem ost­deut­schen Un­ter­neh­men ein­ge­stie­gen. Ein Jahr spä­ter war er mit rund ei­nem Drit­tel der An­tei­le größ­ter An­teils­eig­ner bei Mi­fa. Der Un­ter­neh­mer glaub­te an die Zu­kunft der ost­deut­schen Fir­ma, denn die E-Bike-Wel­le un­ter den Fahr­rad­fah­rern sorg­te bei der ost­deut­schen Fir­ma nach ei­ge­nen An­ga­ben für vol­le Auf­trags­bü­cher. No­bel­mar­ken von zu­ge­kauf­ten klei­nen Fahr­rad­her­stel­lern er­gänz­ten das Sor­ti­ment.

Doch 2014 ge­riet Mi­fa wie­der aus der Spur, Bil­lig­kon­kur­renz mach­te dem vor al­lem auf Mas­se aus­ge­rich­te­ten Fahr­rad­werk das Le­ben schwer. Maschmey­er zog sich aus dem Ge­schäft zu­rück, Mi­fa mel­de­te In­sol­venz an. Als neu­er Hoff­nungs­trä­ger kam für die Men­schen in der Re­gi­on der Un­ter­neh­mer Hein­rich von Na­thu­si­us aufs Tra­pez. Er hat­te nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung das Ifa-Werk in Hal­dens­le­ben im Nor­den Sach­sen-An­halts über­nom­men, ei­nem Zu­lie­fe­rer für die Au­to­mo­bil­in­dus­trie.

Nun in­ves­tier­te er nach ei­ge­nen An­ga­ben 17 Mil­lio­nen Eu­ro in ei­nen na­gel­neu­es Fahr­rad-Werk im Lan­des­sü­den, am ver­kehrs­güns­tig ge­le­ge­nen Stadt­rand von San­ger­hau­sen, um in­ter­na­tio­nal kon­kur­renz­fä­hi­ger zu sein. Denn die al­ten Pro­duk­ti­ons­stät­ten am an­ge­stamm­ten Fir­men­sitz in­mit­ten der Klein­stadt ent­spra­chen al­lein schon we­gen der schlech­ten Ver­kehrs­an­bin­dung nicht mehr den An­for­de­run­gen an ei­ne mo­der­ne Fer­ti­gung.

Nach der Still­le­gung gan­zer In­dus­trie­zwei­ge in Sach­sen-An­halt wie dem Kup­fer- und Braun­koh­le­berg­bau und dem Crash der So­lar­bran­che mit "So­lar Val­ley" in Bit­ter­feld-Wol­fen wa­ren be­reits Zehn­tau­sen­de Ar­beits­plät­ze für im­mer ver­lo­ren ge­gan­gen. Die Re­gi­on Mans­feld-Süd­harz bei San­ger­hau­sen gilt un­ter Ex­per­ten als ei­ne der struk­tur­schwächs­ten Re­gio­nen Eu­ro­pas. Sie lei­det seit Jahr­zehn­ten un­ter ei­ner zwei­stel­li­gen Ar­beits­lo­sen­quo­ten und der Ab­wan­de­rung jun­ger Men­schen.

In Ei­gen­ver­wal­tung soll nun nach dem In­sol­venz­an­trag der Mi­fa Bike GmbH ein Neu­start an­ge­gan­gen wer­den - wie­der ein­mal. Noch vor Weih­nach­ten hat­te von Na­thu­si­us da­von ge­spro­chen, die Auf­trags­bü­cher sei­en gut ge­füllt, Mi­fa wer­de das kos­ten­güns­tigs­te Fahr­rad­werk Eu­ro­pas wer­den. Me­di­en­be­rich­te, wo­nach Mi­fa schon da in fi­nan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten ge­steckt ha­ben soll, hat­te er barsch zu­rück­ge­wie­sen: "Da­von kann kei­ne Re­de sein".

Zu­rück­ge­zo­gen hat er sich jetzt selbst. Be­reits am Diens­tag trat er als Ge­schäfts­füh­rer zu­rück. Sein Nach­fol­ger Joa­chim Voigt-Sa­lus kommt aus Ber­lin und hat sich als ge­stan­de­ner In­sol­venz­ver­wal­ter ei­nen Na­men ge­macht. Er will Mi­fa ret­ten. "Un­ser Land­kreis und un­se­re ge­sam­te Re­gi­on ist oh­ne das Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­men Mi­fa schwer vor­stell­bar", sagt Land­rä­tin An­ge­li­ka Klein (Lin­ke). Die Hoff­nung stirbt zu­letzt.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 4. Mai 2017

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