HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/125

Re­fe­ren­zen in der Be­wer­bung?

In eng­lisch­spra­chi­gen Län­dern ge­hö­ren Re­fe­ren­zen zum Be­wer­bungs­stan­dard. In Deutsch­land ist das nicht so. Ex­per­ten zei­gen Vor- und Nach­tei­le auf.
Bewerbung, Bewerbungsgespräch, Bewerbungsunterlagen

27.05.2019. (dpa/fle) - Wer ei­nen Job sucht, fragt sich nicht sel­ten, was heut­zu­ta­ge in die Be­wer­bungs­map­pe und das An­schrei­ben ge­hört.

Brau­che ich Re­fe­ren­zen? Wel­che Fä­hig­kei­ten kom­men gut an, mit wel­chen Ei­gen­schaf­ten kann ich punk­ten, und was will das Un­ter­neh­men von mir?

Für den Me­xi­ka­ner Lu­is Del­ga­do sind die­se Fra­gen be­son­ders schwer. Seit ei­ni­gen Mo­na­ten sucht er in Deutsch­land nach ei­ner Stel­le als Che­mi­ker. Ob­wohl er in Ka­na­da stu­diert und dort meh­re­re Jah­re ge­ar­bei­tet hat, weiß er nicht so ge­nau, wie er den Ein­stieg in den deut­schen Ar­beits­markt schaf­fen soll.

Wenn man mit hun­der­ten Mit­be­wer­bern um ei­ne Stel­le kon­kur­riert, muss man her­aus­ste­chen. Doch wie, wenn man nicht durch pas­sen­de Zu­satz­qua­li­fi­ka­tio­nen oder un­ge­wöhn­li­che Etap­pen im Le­bens­lauf auf­fällt? Im eng­lisch­spra­chi­gen Raum ist es üb­lich, den Un­ter­la­gen Re­fe­renz­schrei­ben bei­zu­le­gen. Auch in Ka­na­da sei das so, sagt Lu­is Del­ga­do. In Deutsch­land da­ge­gen sind sie noch nicht selbst­ver­ständ­lich Teil der Un­ter­la­gen.

Doch das scheint sich ge­ra­de zu än­dern. Aus Sicht von Sil­via Hä­nig vom Bun­des­ver­band der Per­so­nal­ma­na­ger wer­den Re­fe­ren­zen im Be­wer­bungs­pro­zess im­mer wich­ti­ger. Als Che­fin ei­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­ra­tung be­kommt sie je­den Mo­nat meh­re­re Be­wer­bun­gen auf den Schreib­tisch. "Aus ei­ge­ner Er­fah­rung fin­de ich Re­fe­ren­zen wich­tig, da sie ei­ne ge­ne­rel­le Be­stä­ti­gung der Leis­tun­gen des Be­wer­bers durch ei­nen un­ab­hän­gi­gen Drit­ten sind", sagt sie. "Sie ge­ben dem po­ten­zi­el­len Ar­beit­ge­ber das Ge­fühl, die rich­ti­ge Wahl ge­trof­fen zu ha­ben."

Doch was ge­nau sind Re­fe­ren­zen und wie un­ter­schei­den sie sich von den üb­li­chen Ar­beits­zeug­nis­sen? In Deutsch­land gibt es für Re­fe­renz­schrei­ben noch kein ein­heit­li­ches For­mat. Her­aus­kris­tal­li­siert ha­ben sich bis­lang zwei Ar­ten: Zum ei­nen das per­sön­lich und in­di­vi­dua­li­siert for­mu­lier­te Schrei­ben von nicht mehr als ei­ner Sei­te. Oder der Kon­takt der Per­son, die für ei­ne Re­fe­renz über den Be­wer­ber zur Ver­fü­gung steht, in­te­griert im Le­bens­lauf, in Ab­spra­che mit dem Re­fe­renz­ge­ber.

Die als Fließ­text ver­fass­ten Re­fe­renz­schrei­ben be­inhal­ten im Ge­gen­satz zu den Ar­beits­zeug­nis­sen kei­ne ver­schwur­bel­ten For­mu­lie­run­gen, die als Codes für be­stimm­te Aus­sa­gen die­nen. Sie sind in­di­vi­du­el­ler ge­stal­tet. Re­fe­renz­schrei­ben kön­nen ge­ra­de des­halb ein brei­te­res Bild von Be­wer­bern zeich­nen, fin­det Sil­via Hä­nig. Denn sie ar­bei­ten idea­ler­wei­se die per­sön­li­chen Stär­ken her­aus, al­so die so­ge­nann­ten Soft Skills.

"Für die Zu­kunft wer­den im­mer we­ni­ger fach­li­che, son­dern viel­mehr so­zia­le und men­ta­le Fä­hig­kei­ten ei­ne Rol­le spie­len", sagt Sil­via Hä­nig. "Be­son­ders wich­tig wird es, of­fen ge­gen­über neu­en Auf­ga­ben zu sein." Wem so­zia­le Kom­pe­ten­zen, Em­pa­thie und Kol­le­gia­li­tät im Re­fe­renz­schrei­ben be­schei­nigt wer­den, kön­ne un­ter Um­stän­den so­gar feh­len­de fach­li­che Qua­li­fi­ka­tio­nen wett­ma­chen.

Lu­is Del­ga­do hat ein Re­fe­renz­schrei­ben von sei­nem Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor. Bei­ge­legt ha­be er es bis­her nicht. In Ka­na­da sei es üb­lich, Re­fe­renz­schrei­ben nur auf Nach­fra­ge ein­zu­rei­chen. Re­fe­ren­zen von ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­bern kann er nicht vor­wei­sen, das Ver­hält­nis zu sei­nem Ex-Chef sei im Streit ge­en­det. Ein wohl­wol­len­des Schrei­ben kön­ne er von ihm nicht er­war­ten, sagt er.

So wie Lu­is Del­ga­do dürf­te es vie­len ge­hen. Denn die Ent­schei­dung, das Un­ter­neh­men zu ver­las­sen, hat oft ei­nen Grund. "Re­fe­renz­ge­ber müs­sen nicht zwangs­läu­fig die ehe­ma­li­gen Chefs sein. Viel wich­ti­ger ist es, ei­ne Per­son im Un­ter­neh­men zu fin­den, die das bes­te Ge­spür, nicht nur für Leis­tun­gen, son­dern im Um­gang mit den Mit­ar­bei­tern zeigt", sagt Hä­nig.

Kri­ti­scher über Re­fe­renz­schrei­ben äu­ßert sich Kar­rie­r­e­be­ra­ter Bernd Slaghuis. Re­fe­ren­zen könn­ten ei­nen fal­schen Ein­druck ver­mit­teln. Er rät so­gar da­von ab, die Te­le­fon­num­mer des ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­bers im Le­bens­lauf an­zu­ge­ben. "Es schwächt den Be­wer­ber, weil mit­schwingt, er al­lein sei mit sei­nen An­ga­ben in Le­bens­lauf und An­schrei­ben nicht aus­rei­chend glaub­wür­dig", sagt Slaghuis. Nach dem Mot­to: Wenn Sie mir nicht glau­ben, ru­fen Sie doch mei­nen Ex-Chef an. "Der Be­wer­ber bringt sich selbst in ei­ne Bitt­stel­ler­po­si­ti­on und kom­mu­ni­ziert so nicht auf Au­gen­hö­he."

Beim Be­wer­bungs­pro­zess sei es die ei­ge­ne Hal­tung, die be­son­ders wich­tig sie, be­tont Slaghuis. Und da pas­se das An­ge­ben von Re­fe­renz­ge­bern nicht da­zu. Slaghuis emp­fiehlt, die ei­ge­nen Stär­ken und Ta­len­te im An­schrei­ben selbst her­aus­zu­stel­len. Da­bei kön­ne man die Au­ßen­sicht ein­neh­men und die Ei­gen­schaf­ten be­to­nen, die die Kol­le­gen an ei­nem schät­zen. Wo Re­fe­ren­zen von neu­en Ar­beit­ge­bern ver­langt wer­den, soll­ten sie nach Mei­nung von Slaghuis den An­la­gen un­ter­ge­ord­net wer­den und nicht an prä­sen­ter Stel­le di­rekt hin­ter dem Le­bens­lauf er­schei­nen.

Lu­is Del­ga­do denkt mitt­ler­wei­le, dass Be­wer­bun­gen ihn nicht an sein Ziel füh­ren, ei­ne Stel­le zu fin­den. 150 hat er bis­lang ge­schrie­ben und ver­schickt, zu meh­re­ren Te­le­fon-In­ter­views wur­de er ein­ge­la­den, per­sön­lich klapp­te es noch nie. Er glaubt, dass es ef­fek­ti­ver sei, zu netz­wer­ken. So ha­be er auch die Stel­le in Ka­na­da be­kom­men - über Kon­tak­te. Al­so auch ei­ne Art Re­fe­renz: ei­ne per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen von Men­schen, die ei­nen ken­nen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 27. Mai 2019

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Sie möchten regelmäßig ausführliche, praxisnahe und verständliche Artikel zum Arbeitsrecht, Informationen zu Gesetzesänderungen und zu aktuellen Gerichtsurteilen erhalten? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!
NEWSLETTER
Anrede Vorname
Email* Nachname
  Abmelden   *Pflichtangabe

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2019:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de