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Wie be­las­tend soll­te die Aus­bil­dung sein?

Der Start ins Be­rufs­le­ben kann für Azu­bis an­stren­gend sein. Doch wer sich über­for­dert fühlt, ruft am bes­ten Hil­fe - be­vor dar­aus ein le­bens­lan­ges Lei­den wird
Ingenieur auf Baustelle, Ingenieurmangel, Fachkräftemangel, Bauingenieur

12.06.2019. (dpa/fle) - Von der Kauf­frau zum Me­cha­ni­ker, im Ein­zel­han­del oder auf der Bau­stel­le: Kei­ne Aus­bil­dung gleicht der an­de­ren.

Die Be­las­tun­gen, die auf an­ge­hen­de Azu­bis zu­kom­men, sind ganz un­ter­schied­lich. Mal wird es stres­sig, hier kör­per­lich auf­rei­bend, da eher geis­tig an­stren­gend. Doch je­de Be­las­tung kann ei­ne Über­las­tung wer­den.

Wie groß das Pro­blem ist, zeigt der Fehl­zei­ten-Re­port der AOK von 2015, für den die Kran­ken­kas­se den Ge­sund­heits­zu­stand von Azu­bis un­ter­sucht hat­te: Je­der Drit­te (33 Pro­zent) hat dem­nach häu­fig oder so­gar im­mer ge­sund­heit­li­che Be­schwer­den, Frau­en deut­lich häu­fi­ger als Män­ner. Häu­figs­tes Sym­ptom sind Mü­dig­keit und Er­schöp­fung, ge­folgt von Kopf- und Rü­cken­schmer­zen und Ver­span­nun­gen.

Man­cher Lehr­ling hört da viel­leicht fol­gen­den Satz: "Du bist doch jung, du hältst das aus." Doch das Ge­gen­teil ist der Fall, sagt Ma­nu­el Mich­ni­ok, Aus­bil­dungs­ex­per­te der Ge­werk­schaft IG Me­tall. Jun­ge Leu­te brau­chen so­gar be­son­de­ren Schutz - weil sie im wört­li­chen wie im über­tra­ge­nen Sin­ne noch wach­sen müs­sen. "Wenn es in die­ser Pha­se zu ei­nem ge­sund­heit­li­chen Scha­den kommt, hat das even­tu­ell Aus­wir­kun­gen auf das gan­ze wei­te­re Le­ben und die gan­ze be­ruf­li­che Lauf­bahn."

Ei­nen be­son­de­ren ge­setz­li­chen Schutz für Azu­bis gibt es auf die­sem Ge­biet zwar nicht. Die re­gu­lä­ren Vor­schrif­ten zum The­ma Ar­beits­schutz et­wa gel­ten aber auch für Aus­zu­bil­den­de. Und na­tür­lich muss die Ar­beit - und da­mit die Be­las­tung - zum Be­ruf pas­sen.

Für Min­der­jäh­ri­ge gibt es zu­dem das Ju­gend­ar­beits­schutz­ge­setz, das auch Lehr­lin­ge un­ter 18 Jah­ren ein­schließt. "Das re­gelt aus­drück­lich, dass Ju­gend­li­che kei­ne Ar­beit ma­chen dür­fen, die ih­re phy­si­schen oder psy­chi­schen Fä­hig­kei­ten über­steigt", er­klärt Mich­ni­ok. Um zu se­hen, wo bei Azu­bis un­ter 18 die Gren­zen lie­gen und ob sie über­haupt fit ge­nug für den Job sind, gibt es für sie zu­dem ei­ne ver­pflich­ten­de Erst­un­ter­su­chung zum Aus­bil­dungs­start.

"Die phy­si­schen und psy­chi­schen An­for­de­run­gen der Aus­bil­dung müs­sen im­mer zu den in­di­vi­du­el­len Fä­hig­kei­ten pas­sen", sagt Mich­ni­ok. Heißt kon­kret: Ar­gu­men­te wie "Der Azu­bi muss hier im­mer die 30-Ki­lo-Sä­cke schlep­pen" zäh­len nicht - wenn das je­mand nicht schafft, muss er es nicht ma­chen. Glei­ches gilt je nach Aus­bil­dung für an­de­re an­stren­gen­de Tä­tig­kei­ten, geis­ti­ge wie kör­per­li­che.

Schließ­lich ist die Aus­bil­dung an sich schon Stress ge­nug - der die Lehr­lin­ge zu­dem völ­lig un­vor­be­rei­tet trifft. "Die Azu­bis ha­ben oft gar kei­ne Vor­stel­lun­gen da­von, was in der Ar­beits­welt auf sie zu­kommt – was da ge­for­dert wird und wie sich das an­fühlt", sagt In­go Wein­reich vom Be­ra­tungs­un­ter­neh­men IfG (In­sti­tut für Ge­sund­heit und Ma­nage­ment).

Das IfG be­treibt die Web­sei­te "Azu­bi­fit" und bie­tet in Un­ter­neh­men Kur­se oder Work­shops zum The­ma Fit­ness und Ge­sund­heit für Azu­bis an. Wer kör­per­lich ar­bei­tet, lernt dort zum Bei­spiel et­was über er­go­no­misch kor­rek­tes He­ben, Kauf­leu­te und an­de­re Bü­ro-Azu­bis be­schäf­ti­gen sich eher mit Kon­flikt­ma­nage­ment oder Me­di­en­kom­pe­tenz.

All­tags­fra­gen spie­len eben­falls ei­ne Rol­le: Wie man sich rich­tig er­holt, wis­sen vie­le Azu­bis zum Bei­spiel schlicht nicht - weil sie es noch nie muss­ten. "Gleich­zei­tig ha­ben sie aber, wenn sie das El­tern­haus ver­las­sen, oft nie­man­den mehr, der sie bremst", so Wein­reich.

Auch das The­ma ge­sun­der Le­bens­stil ge­hört da­zu, sagt der Ex­per­te - wes­halb es in den IfG-Kur­sen so­gar in den Su­per­markt geht. "Es gibt häu­fig Nach­hol­be­darf in den all­tags­be­zo­ge­nen Grund­la­gen­kom­pe­ten­zen. Das geht bis zum Ein­kau­fen oder Ko­chen."

Das passt zur oft ge­hör­ten Kla­ge aus der Wirt­schaft, dass es heu­ti­gen Azu­bis an Rei­fe feh­le. Doch da will Wein­reich nicht mit ein­stim­men, selbst wenn die Nach­fra­ge nach Be­ra­tung wächst. "Das muss aber nicht hei­ßen, dass die ak­tu­el­le Azu­bi-Ge­ne­ra­ti­on schwä­cher ist als vor­he­ri­ge Jahr­gän­ge. In der Be­ra­tungs­pra­xis er­le­ben wir eher das Ge­gen­teil, da gibt es ei­ne ho­he Leis­tungs­be­reit­schaft, wenn die Vor­zei­chen stim­men."

Er ver­mu­tet hin­ter dem stei­gen­den Be­ra­tungs­be­darf vor al­lem ein Um­den­ken bei den Un­ter­neh­men. "Die Un­ter­neh­men wol­len ei­ne lang­fris­ti­ge Be­zie­hung zu ih­ren Azu­bis schaf­fen, und da spielt das The­ma Ge­sund­heits­vor­sor­ge ei­ne ganz gro­ße Rol­le."

Doch was, wenn das ei­ge­ne Aus­bil­dungs­un­ter­neh­men noch nicht so weit ist und von sich aus an die Azu­bi-Ge­sund­heit denkt? Über­las­tung macht sich auf ver­schie­de­nen We­gen be­merk­bar, er­klärt Ma­nu­el Mich­ni­ok. Das kön­nen Rü­cken­schmer­zen sein, ex­tre­me Mü­dig­keit, Nie­der­ge­schla­gen­heit. Ers­ter An­sprech­part­ner sei dann der Aus­bil­der, da­nach kom­men - falls vor­han­den - die Aus­zu­bil­den­den-Ver­tre­tung oder der Be­triebs­rat.

Die gu­te Nach­richt: Den Raus­wurf müs­sen Azu­bis, die we­gen Über­las­tung um Hil­fe ru­fen, nicht fürch­ten. "Und nur weil man aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den an ei­nem be­stimm­ten Platz nicht ar­bei­ten kann, heißt das ja nicht, dass man gleich die gan­ze Aus­bil­dung ab­bre­chen muss", er­klärt Mich­ni­ok.

Na­tür­lich sei­en Ex­trem­fäl­le denk­bar, in de­nen sich die Leh­re wirk­lich nicht be­en­den lässt, so Mich­ni­ok - der Me­cha­tro­ni­ker zum Bei­spiel, bei dem ei­ne Kunst­stoffall­er­gie fest­ge­stellt wird. Doch selbst da fin­de sich oft ei­ne Lö­sung. "Ge­ra­de in Be­trie­ben, die meh­re­re Aus­bil­dun­gen an­bie­ten, kann man dann viel­leicht in ei­nen an­de­ren Aus­bil­dungs­be­ruf wech­seln."

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Letzte Überarbeitung: 19. August 2019

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